Lügen und Anstand

19. Mai 2011 | Kategorie: Aufgelesen

von Blognition

Vermutlich bin ich nicht der einzige Mensch auf der Welt, der glaubt, das politische Geschäft bestehe zum großen Teil aus Lügen. Zumindest vermute ich, dass mir zumindest nicht wenige schon leicht resigniert beipflichten werden, wenn ich behaupte, Politiker würden zumindest von Zeit zu Zeit nicht die Wahrheit sagen…

Anders ausgedrückt: Wir alle gehen mehr oder weniger davon aus, dass die gewählten Volksvertreter uns ein unappetitliches Schmierentheater vorführen, wenn sie vollmundig behaupten, sie seien ausschließlich der Wahrheit und Gerechtigkeit verpflichtet. Das ist common sense auch an jedem Stammtisch. Nur regt das anscheinend keinen weiter auf. Das liegt, zumindest teilweise, an einer verhaltenstechnischen Eigenheit, die von Linguisten als individuelles Wissen bezeichnet wird: Selbst wenn man davon überzeugt ist, dass ein politischer Repräsentant nicht vertrauenswürdig agiert, kann man sich nicht sicher sein, ob jeder andere genauso darüber denkt wie man selbst. Deswegen dürften viele Menschen zögern, eine derartige Überzeugung offen anzusprechen. Und zwar in erster Linie aus der Angst heraus, gesellschaftlich geächtet zu werden. Weil man etwa die Höflichkeitsformen verletzt, weil man nicht als ewiger Nörgler und Negativist gelten will oder weil man befürchtet, den öffentlichen Frieden zu stören.

Hans Christian Andersen hat mit seinem Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ eine wunderbare Parabel über dieses Verhalten geschrieben: Zwar weiß jeder für sich, dass der eitle Monarch nackt über die Straßen stolziert, aber aus Anstand oder anderen Gründen heraus wagt niemand, diese peinliche Wahrheit auszusprechen. Am Ende kann nur ein Kind, das sich noch nicht an gesellschaftliche Normen gebunden fühlt, laut ausrufen: „Aber der hat doch gar nichts an!“

Spätestens mit dem Entstehen von Twitter und anderen sozialen Plattformen hat sich die politische Landschaft jedoch derart verändert, dass man heute viel schneller als bisher erfährt, was andere glauben, über einen zu wissen. Diese Art von wechselseitigem Wissen, bei dem alle Beteiligten nicht nur etwas Bestimmtes beobachten, sondern sich gleichzeitig auch darüber im Klaren sind, dass jeder andere das Gleiche denkt wie man selbst, führt zu schnellen gesellschaftlichen Veränderungen. Man denke nur an das dramatische Beispiel, als in diesem Jahr die Selbstverbrennung eines Obsthändlers zum Auslöser der Grünen Revolution in Nordafrika und im Mittleren Osten wurde. Und hierzulande hat sich sogar ein Politiker, ohne es vielleicht zu wollen, gleich selbst zur Verantwortung gezogen. Die Rede ist vom Euro-Gruppenchef Jean-Claude Juncker, der, als ihn ein Reporter in der vergangenen Woche der Unwahrheit überführte, sogar einräumte, dass man manchmal eben lügen müsse. Aus Gründen der Staatsräson.

Man kann nur darüber rätseln, wie Junckers Karriere von hier aus weitergehen wird. Jeder Journalist könnte nunmehr, ohne damit die Regeln des Anstands und des politisch korrekten Umgangs zu verletzen, beim Luxemburger Premier ganz höflich noch einmal nachfragen: „Nur für die Vollständigkeit meines Berichtes, Herr Juncker – war Ihr jüngstes Statement wahr oder eine Lüge?“ Und sollte der Euro-Gruppenchef möglicherweise zurücktreten müssen, würden all‘ diejenigen, die eine derartige Interviewmethode bislang als unverschämt und deplatziert angesehen haben, sich ebenfalls dazu ermutigt fühlen, andere Volksvertreter in derselben Weise zu befragen. Die Folgen sind nicht auszudenken. Fiat veritas – pereat mundus!

via Lügen und Anstand | blognition.de.

 

Print Friendly, PDF & Email

 

Schlagworte: , ,

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.