Luftschiff Europa

30. Dezember 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Die EU erinnert derzeit an die derzeit zerfallende Shale Gas Industrie in den USA. Schon geraume Zeit vor deren Einbruch waren viele überzeugt es mit einem funktionierenden Geschäftsmodell zu tun zu haben. Während die Ölförderer geradezu manisch die Investitionen und die Förderung ausweiteten, ist bei der EU die Erweiterung zum Selbstzweck verkommen.

Die Grundlage der maroden Shale-Gas Industrie war eine ständige, durch neue Schulden oder neue Aktien finanzierte Ausweitung der Produktion. Um die laufenden Belastungen bedienen zu können, musste der Kreisel der Produktionsausweitung sich immer schneller drehen. Am Ende resultieren aus diesem Ansatz hohe Verluste, zahlreiche Firmenpleiten und die Notwendigkeit, so manche Wirtschaftsplanung noch einmal durchzurechnen.

Die EU befindet sich seit Jahren in einem nicht zu bremsenden Ausweitungs- und Assoziierungswahn, der immer offensichtlicher zum Selbstzweck verkommt. Die Gelder, um bloß die schon im Kern der EU vorhandenen Probleme anzugehen, hat man schon lange nicht mehr. Man hält sich mit künstlich niedrig gehaltenen Zinsen und dauerhaften Notenbankexperimenten über Wasser. Zur Behebung grundlegender ökonomischer Probleme fällt den meisten Politikern nicht mehr ein, als die vage Hoffnung auf ein Funktionieren der Dauereingriffe. Nun beschloss man ein „Assoziierungsabkommen“ mit Georgien und faselt gleichzeitig von der „Unterstützung der Ukraine“.

Was man darunter zu verstehen hat, zeigte rasch die polnische Regierung, die offenbar Waffenlieferungen an Kiew befürwortet. Wenn man schon keine Kohle hat, dann soll man wenigstens etwas anderes in der Hand halten. Vielleicht kann man die Kanonen per IWF-Kredit finanzieren, dann bleibt für den edlen Lieferanten auch noch etwas hängen.

Wie sehr sich der Brüsseler Erweiterungsapparat von den Bürgern entfernt hat zeigen zum einen die Demonstrationen, bei denen in Spanien gerne mal ein paar Hunderttausend Menschen auf die Straße gehen. Noch bedrohlicher wirken auf die Souveränitäts-Skeptiker in Brüssel aber vermutlich die europaweiten Entwicklungen bei den letzten Wahlen und Umfragen. Um sich angesichts der massiven Verschiebungen weiterhin einzureden, man handle noch im Namen oder Sinne des Volkes, bedarf einer guten Portion Ignoranz.

Auch beim Konflikt in der Ukraine zeigt sich eine teils erschreckende Einseitigkeit vieler Medien, die einem völlig unabhängig vom politischen Standpunkt zu denken geben sollte. Beim nächsten Thema könnte man auf der anderen Seite stehen, daran sollte man in diesem Falle immer denken.

Besonders einseitig fallen im Rahmen der Berichterstattung die Beurteilung Russlands sowie die Einschätzung der ökonomischen Entwicklung des Landes in den letzten fünfzehn Jahren aus. Wenn man manche Sprüche hört, muss man davon ausgehen, dass viele „Journalisten“ sich nur die alten Daten angeschaut haben. So wird beispielsweise auf den noch immer sehr hohen Anteil von Erdölprodukten am gesamten Exportvolumen hingewiesen. In der groben Betrachtung ist dies natürlich korrekt. Auf Hinweise zur Veränderung der Struktur in diesem Bereich hin zu höherwertigen, eigenständig weiterverarbeiteten Produkten wird leider generell verzichtet. Ebenfalls wird das über die Jahre deutlich gestiegene Volumen anderer Exportgüter nicht beachtet. Das ist schade, denn die durchaus stattfindende Modernisierung der russischen Wirtschaft ist kein Hirngespinst. Die folgende Grafik zeigt die Autoproduktion in Russland. Als Vergleich ist der Verlauf der spanischen Produktion dargestellt.

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Besonders interessant ist auch die Entwicklung der Geburtenrate pro 1000 Einwohner. Diese ist stark angestiegen. Gleichzeitig ist die Lebenserwartung gemäß Weltgesundheitsorganisation seit der Jahrtausendwende um 2 Jahre angestiegen und liegt jetzt wieder auf dem globalen Mittelwert. Dieser Wert ist noch nichts, worauf man stolz sein darf. Eine deutliche Verbesserung nach dem Einbruch in Folge des Kollapses der Sowjetunion ist es dennoch.

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Auch beim Wohnungsbau ging es aufwärts. Die folgende Grafik zeigt die Tendenz der letzten Jahre (fertig gestellte Fläche in Mio. Quadratmetern).

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Unabhängig von der Einschätzung des Ukrainekonflikts sollte man die durchaus in vielen Bereichen sehr positive Entwicklung zumindest zur Kenntnis nehmen. Vergleicht man die Entwicklung mit den teils dramatischen Auflösungstendenzen in vielen Ländern der Eurozone, dann kann man darüber nachdenken, ob hohe Zustimmungsraten für die russischen Regierenden wirklich so einseitig begründet sind, wie man oft lesen kann.

Das alles kann auch für potentielle Investoren interessant sein. Viel darüber nachgedacht wurde in den letzten Wochen offenbar nicht.

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P.S.: Am Außenhandel der USA und Russland hat sich trotz eines leichten Rückgangs im Vergleich zum Vorjahr übrigens wenig geändert.

So war es zur Jahrtausendwende.

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So sieht es im laufenden Jahr aus.

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5 Kommentare auf "Luftschiff Europa"

  1. gilga sagt:

    An dieser Stelle einmal vielen Dank an das Bankhaus Rott für die zahlreichen interessanten Beiträge im vergangenen Jahr. Auf ein spannendes 2015… 😉

    Was Russland betrifft: Wie stabil das Land funktioniert (warum steht auf einem anderen Blatt) sieht man an der Tatsache, dass die Bevölkerung trotz einer massivsten Abwertung ihrer Währung erstaunlich ruhig bleibt. Wäre es hier zu größerer Aufregung gekommen, hätte man bei uns ganz sicher lang und breit darüber berichtet.

    Ich möchte mal sehen was in Deutschland passieren würde, wenn wir bis März auf 0,8 zum Dollar fallen würden… Die aktuelle, vergleichbar milde Abwertung des Euro wird für die meisten Menschen ja leider nicht ersichtlich. Die Stelle an der man es hätte zeitnah und direkt merken können, wäre die Zapfsäule gewesen (so mit Preisen um 1,70-1,80 je Liter Benzin). Diese fällt aus bekannten Gründen jedoch momentan aus. Schauen wir mal was das neue Jahr bringt… bei Ölpreisen auf diesem Niveau (oder weiter sinkend) und den anstehenden Wahlen in Griechenland gibt es bestimmt einen „interessanten“ Start ins neue Jahr.

    • Michael sagt:

      Schließe mich den Dankesworten an. Unserem Bankhaus wird bestimmt noch ganz schwindlig vor all dem Weihrauch den Lobgesang begleitet.

      ‚Wir‘ haben in der Offshore bisher noch keine Troubles mit Russland. Schauen wir mal wie weit das medial überzeichnete Bild des versinkenden Russlands überhaupt noch aufrecht zu erhalten ist.

      Spätestens wenn dem Westen die eigenen Aktienmärkte wieder unterm Hintern wegkollabieren wird wieder das alte Lied angestimmt …
      https://www.youtube.com/watch?v=FViIQE5BOwI

  2. Brasil sagt:

    Diese Site gehoert seit Langem zu meiner taeglichen Erbauung! Danke dafuer!
    Lasst die Medien doch selbst an ihre Maerchen glauben und ich hoffe, sie glauben daran, was sie falsches ueber Russland und Sonstiges berichten! Um so heftiger wird sie die Wahrheit am Ende treffen, weil ihre Verschwoerungstheorie absolut nicht eintreten will und das Volk noch effizienter merkt, fuer wie Dumm sie von den meisten Medien verkauft werden! Also beschimpft diese Marionetten nicht, sondern ermuntert sie noch mehr Unsinn zu verbreiten. Scheinbar wachen immer mehr auf und deshalb waere diese Taktik das Beste was man gegen diese Hofberichterstatter unternehmen kann und hoffentlich merken sie diese Taktik nicht so schnell!
    In diesem Sinne eine gutes und weiterhin erfolgreiches Jahr fuer die „Selbstdenker“!

  3. bluestar sagt:

    Liebes Bankhaus,
    wie immer ein Artikel von beeindruckender Qualität.
    Machterhalt um wirklich jeden Preis lautet der aktuelle Kurs der paranoiden und absolutistisch herrschenden Finanz-und Politikmafia.
    Vielen Dank für Ihren mutigen Beitrag zur Wahrheitsverteidigung und Aufklärung in schwierigen Zeiten. Solange es Menschen wie Sie gibt, ist Deutschland noch nicht verloren.
    VG aus Sachsen

  4. Igila sagt:

    Ich schließe mich an, wieder ein hervorragender Artikel, fundiert und klarsichtig. Vielen Dank!

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