Luftalarm über Jackson Hole – Wie „Helikopter-Ben“ auf die Märkte wirkt. Oder: Wenn man sich Wohlstand drucken könnte, wären wir alle reich

6. September 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

vom Smart Investor

Er wird es wieder tun. Eigentlich konnte es kaum einen Zweifel geben, dass es dies- wie jenseits des Atlantiks weitere Runden eines sogenannten Quantitative Easings geben würde. Am Freitag ging Fed-Chef Ben Bernanke voran, indem er, nur untypisch dürftig verklausuliert eine weitere Runde von Staatsanleihenkäufen durch die Fed ankündigte…

Die Politik extrem leichten Geldes, so „belegte“ der oberste – man mag das Wort in diesem Zusammenhang nicht mehr gebrauchen – „Währungshüter“ anhand selbst gefertigter Statistiken, sie war erfolgreich: 2 Mio. neue Stellen und 3% Wirtschaftswachstum will „Helikopter-Ben“, dem dieser Spitzname seit einer früheren Äußerung anhaftet, notfalls Geld mit dem Hubschrauber abzuwerfen, mit Gelddrucken aus dem Hut gezaubert haben. Eine Einschätzung, die selbst in der in solchen Fragen bislang wenig kritischen Presse zunehmend hinterfragt wird.

Weder die konkreten Zahlen, noch der behauptete enge Wirkungszusammenhang der Geldpolitik können überzeugen. Die deutsche Ausgabe des Wallstreet Journal zitiert Donald Kohn mit der Frage

„Wie kann es sein, dass wir für so lange Zeit eine so unglaublich stimulierende Geldpolitik haben und so wenig Wachstum?“

Kohn dürfte wissen, wovon er spricht, er war immerhin Vize-Präsident der Fed. Auch die Märkte bildeten sich im Gefolge der Rede von Jackson Hole ein Urteil, das von der Schönfärberei Bernankes weitgehend unbeeindruckt blieb. Die nachfolgende Grafik zeigt die Kursänderungen ausgewählter Rohstoffe, Währungen und Indizes zwischen Donnerstag, dem 30. August (Tag vor der Rede) und dem gestrigen Dienstag (Montag, der 3. September war in den USA „Labor Day“, also Feiertag)

„Brüder im Geiste“

Das Bild ist eindeutig. Vor allem wurden nach den Äußerungen des großen Vorsitzenden Silber, Gold und die ungehedgten Minenaktien des „HUI“-Index nach oben getrieben. Der breite Aktienmarkt konnte dagegen nur geringfügig profitieren. Auch der Euro erhöhte sich nur marginal, wobei die Märkte natürlich wissen, dass Bernankes „Bruder im Geiste“, EZB-Chef Mario Draghi, ebenfalls die Hand am Abzug seiner „Dicken Bertha“ hat und vielleicht schon morgen (6.9.2012) ähnliches in Bezug auf den Aufkauf europäischer Staatsanleihen verkünden wird.

Sollte, wie Bernanke behauptet, der Aufkauf von Staatsanleihen tatsächlich ein wirksames Programm zur Konjunkturankurbelung ohne große Nebenwirkungen sein, dann hätte man eigentlich ein Freudenfeuer bei Aktien erwarten dürfen, nicht aber eine Flucht aus dem US-Dollar in Richtung Edelmetalle.

Die Marktteilnehmer wissen also nur zu genau, was von Leuten vom Schlage Bernankes und deren Politik zu halten ist – die entsprechende Marktreaktion, sie ist ein Stachel, der tief im Fleisch der Geldmanipulateure sitzt. Dies dürfte auch der wesentliche Grund sein, warum Märkte unter dem ständigen (Verbal-)Beschuss einer solchen Politik stehen, die sich anmaßt Wirtschaft steuern zu können und doch täglich aufs Neue widerlegt wird.

US-Staatsanleihen haben wir in dieser Betrachtung übrigens nicht mehr berücksichtigt. Durch die massenhaften Aufkäufe der Notenbank existiert in diesem Bereich ohnehin kein Markt mehr, der diese Bezeichnung noch verdienen würde – das gilt im Übrigen auch für etliche Anleihen von Euro-Staaten. Faktisch nehmen die Notenbanken damit immer mehr Staaten vom Kreditmarkt, selbst wenn phantasievolle Ratings diesen Staaten noch immer Kreditwürdigkeit attestieren.

„Bizarr“ sind die anderen

Vor dem Hintergrund einer äußerst laxen, um nicht zu sagen außer Rand und Band geratenen Geldpolitik der Fed sind auch Pläne aus dem Wahlprogramm der US-Republikaner zu verstehen, wieder einen Goldstandard einzuführen und die Macht der Fed zu beschränken.Im hiesigen Mainstream werden derartige Bestrebungen – so anscheinend die allgemeine Sprachregelung – als „bizarr“ charakterisiert und, man lese und staune, als Angriff auf die „Unabhängigkeit“ der Notenbank angesehen.

Wer an den Standorten der Fed oder der EZB tatsächlich irgendetwas entdecken sollte, das auch nur entfernt an eine von den Wünschen der Politik unabhängig handelnde Notenbank erinnern sollte, den bitten wir um entsprechende Hinweise.

Zu den Aktien

Noch immer hadert der DAX mit der Marke von 7.000 Punkten. Die seit rund vier Wochen anhaltende Unsicherheit wird sich entladen, so viel ist sicher. Unsicher ist im Moment allerdings noch, wann das geschehen wird und in welche Richtung. Die aktuell niedrigen Volatilitäten werden nach aller Erfahrung jedenfalls keinen Bestand haben und durch höhere Kursschwankungen abgelöst werden. Auch im letzten Smart Investor Weekly 35/2012 haben wird noch einmal das Spannungsfeld zwischen schlechten Wirtschaftsdaten und staatlichen (Notenbank-)Interventionen nachgezeichnet… (Seite 2)

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3 Kommentare auf "Luftalarm über Jackson Hole – Wie „Helikopter-Ben“ auf die Märkte wirkt. Oder: Wenn man sich Wohlstand drucken könnte, wären wir alle reich"

  1. vegaman sagt:

    An einer Stelle muss ich jedoch widersprechen:

    Natürlich kann man durch das Drucken von Geld reich werden! Es müssen nur bestimmte Voraussetzungen gegeben sein:

    1.) Es muss erlaubt sein (man ist Eigentümer einer (Zentral-)Bank).
    2.) Man muss das Geld zuerst an sich selbst verteilen und sich schnell die richtigen Sachwwerte kaufen.
    3.) Man muss skrupellos genug sein, hinzunehmen, dass alle anderen eben ärmer werden.
    4.) Man muss genügend Helfer haben (und diese reicher machen), damit das Vorgehen legal bleibt und nicht allzu sehr an die große Glocke gehängt wird.

    Und daher ist die Aussage auch falsch, dass wir alle davon reicher würden. Nein, es werden nur manche reicher, auf Kosten der anderen…
    auch bekannt als Cantillion-Effekt.

    Viele Grüße

    • 4fairconomy sagt:

      „2.) Man muss das Geld zuerst an sich selbst verteilen“

      Genau. Wer sind die Besitzer von Staatsanleihen, die Investoren auf den Obligationenmärkten, welche vom Geldsegen der Zentralbanken profitieren statt mit einem Schuldenschnitt konfrontiert zu sein? Sagen wir mal, die Goldmänner u.a. mischen da zumindest kräftig mit. Und wo sitzen die Goldmänner &Co noch? Also an der Spitze von EZB, IWF, Italien und sonst noch an wichtigen Stellen.

      „3.) Man muss skrupellos genug sein, hinzunehmen, dass alle anderen eben ärmer werden.“

      Zur Perfektionierung des perfiden Systems wird der Geldsegen mit staatlichen Sparprogrammen verknüpft. Zudem werden Abgaben und Steuern erhöht – welche hauptsächlich den Mittelstand belasten. So kommt es auch kaum zur Inflation, ev. sogar im Gegenteil. Ein wahrlich lukratives Geschäft für all diejenigen, welche sich nahe am Tropf der Zentralbanken befinden.

  2. 4fairconomy sagt:

    Natürlich handeln die Zentralbanken nicht unabhängig. Alle stecken in ein Schneeballsystem drin, und niemand möchte, dass die Party endet. Geht ja (fast) allen gut. Also Staat, Notenbank und Wirtschaft sind sich einig, das System aufrecht zu erhalten, mit immer mehr frischem Geld. Warum sich dafür die Staaten überhaupt zuerst einmal verschulden mussten und nicht von Anfang an die Notenpresse angeworfen wurde, wäre eigentlich eine Überlegung wert. Jedenfalls haben nun die Gläubiger, die Besitzer der Staatsobligationen, alles, was man sich erträumen kann: über die Staaten die Hoheitsgewalt über das Volk und die Notenbank, welche den Staat nie pleite wird gehen lassen, also die Guthaben garantiert. Die Notenbank befreit ja nicht die Staaten von ihren Schulden, sondern garantiert den Gläubigern, dass ihnen samt Zins- uns Zinseszins die Staatspapiere immer zurückgekauft werden. Ist doch perfekt. Die Inflation ist da zwar ein kleines Problem in diesem ansonsten wie geschmiert laufenden System. Aber eben, die breite Masse kommt gar nicht erst zu genügend Kaufkraft, dass eine Inflation aufkeimen könnte. Also eigentlich auch kein Grund zur Beunruhigung, alles ist im Griff derjenigen, welche das System kontrollieren und sich damit bestens arrangieren können.

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