Löschen an der falschen Stelle

13. Juni 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Slideshow, Zeitlos

von Bankhaus Rott

Es gibt einige Themen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit immer dann hervorgekramt werden, wenn der Markt sich wieder einmal von der garstigen Seite zeigt. Der Grad der Überforderung mehr oder weniger prominenter TV Gäste aus Politik und Wirtschaft lässt sich gut an der Häufigkeit messen, mit der sie Spekulanten, Hedge Funds oder gleich den ganzen Markt für etwas verantwortlich machen…

Die offensichtliche Sehnsucht nach einer Planwirtschaft lässt sich nur darin begründen, dass viele Protagonisten davon ausgehen, auch in einem solchen System das Brot von der Marmeladenseite aus betrachten zu dürfen. Soviel Marmelade wird es in dieser neuen Realität zwar nicht geben, aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Besonders das dauernde Geschrei nach einem Verbot von Leerverkäufen kann einem schon mächtig auf die Nerven gehen. Wenn Banken mit einigen tausend Milliarden auf den Bilanzen offensichtlich nicht dazu in der Lage sind, bestehende Kreditrisiken zu bewerten, warum sollte jemand, der sich geistiger Gesundheit erfreut, Anteilsscheine eines solchen Institutes kaufen? Wenn jemand eine Bankaktie bei €35 gekauft hat und sich nach 10 Jahren und zahlreichen bekannten Fehlleistungen des Managements und horrenden Verlusten bei einem Kurs von sagen wir €5 über Leerverkäufe beklagt – was soll man dazu sagen?

Es scheint auch für Menschen, die Gesetze unterschreiben, teilweise unverständlich zu sein, dass die Aktie einer Bank, die ihr Eigenkapital aufgebraucht hat, sich nun einmal in Richtung Null bewegen sollte. Fällt aber der Kurs eines solchen Instituts auf der Kurstafel, so steigt rasch der Puls und nervöser Aktionismus macht sich breit. Nun verstehen Sie uns bitte nicht falsch. Man kann Leerverkäufe befürworten oder ablehnen, jeder mag dies für sich durchdenken und beurteilen. Allerdings wäre es auch im Falle einer generellen Ablehnung nett, wenn die Bürger eine halbwegs sinnvolle Begründung erhielten. Das Thema war scheinbar so griffig, dass auch ausgewiesene Aushängeschilder der leichten Wartezimmerlektüre sich seinerzeit nicht lange bitten ließen, als es gegen die „Zocker“ ging.

Kurz zur Erläuterung: Mit dem Begriff Leerverkauf wird der Verkauf einer Aktie bezeichnet, die der Verkäufer zum Zeitpunkt nicht besitzt, ein Vorausverkauf sozusagen. Das mag dem einen oder anderen seltsam vorkommen. An den Finanzmärkten, oder besser gesagt in der Finanzbranche, existieren viele seltsame Dinge. Wir wechseln daher einmal kurz die Perspektive und schauen auf einen an den Börsen auch heute nicht verbotenen und täglich stattfindenden Vorgang, den Aktienkauf auf Kredit.

Der Sachverhalt ist schlicht auf den Kopf gestellt. Ein Käufer kauft in diesem Falle Aktien mit Geld, dass er gar nicht besitzt. Übersteigen die Kredite dieses Akteurs sein Vermögen, so hat er auf diese Weise sogar einen ungedeckten „Leerkauf“ getätigt, einen „naked buy“, wenn man so will.

Auf das Thema „Geldentstehung“ wollen wir an dieser Stelle nicht weiter eingehen. Der Hinweis auf eine etwaige „Absurdität“ von Leerverkäufen ist Ausdruck einer einseitigen Sichtweise. Jeden Tag werden in Deutschland und anderswo Dinge verkauft, die es noch nicht gibt, ein Besuch im Möbelhaus bietet hier reichlich Beispiele. Kaufen Sie dort Ihre natürlich noch nicht produzierte Schrankwand auf Kredit, dann haben Sie ein noch nicht existierendes Möbelstück mit Geld bezahlt, dass sie gar nicht haben. Ein bisschen seltsam aber ebenso alltäglich… (—> Seite 2)

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14 Kommentare auf "Löschen an der falschen Stelle"

  1. Stefan sagt:

    Mir geht dieses reflexhafte Gepolter Richtung „Zocker“, „böse Spekulanten“ und deren gemeinen Leerverkäufe auch auf den Keks. Aber ist nicht das Problem beim nackten Leerverkauf (im Gegensatz zum gedeckten Leerverkauf), dass hierdurch das Aktienkapital unzulässig erhöht wird? Der Käufer auf der anderen Seite dieser Transaktion bucht doch Aktien in sein Depot, die der Leerverkäufer gar nicht hatte. Oder übersehe ich hierbei etwas Wesentliches?

    • Bankhaus Rott sagt:

      Hallo zusammen!

      @Stefan
      Der Unterschied liegt im Verkauf nicht existenter Papiere versus geliehener Papiere. Das Aktienkapital wird nicht erhöht, da der Verkauf nur mit der entsprechenden Gegentransaktion stattfinden kann. Der eine hat eine Daimler mehr im Depot, der andere eine „negative“ Aktie. In der Summe gibt es keine Aktie mehr oder weniger, einen Einfluss auf das Aktienkapital gibt es daher nicht. Bei Futures Transaktionen ist es ähnlich, auch am Terminmarkt kann man via Future etwa einen ganzen Aktienindex verkaufen, ohne die entsprechenden Stücke zu leihen oder eine „Terminleihe“ einzugehen. Auch am Terminmarkt ist es so möglich, ein Vielfaches der wirklich existierenden Papiere zu verkaufen.

      Ob man „naked shorts“ nun unbedingt braucht oder nicht, ist natürlich eine andere Frage. Aber es ist schon interessant, wie ein bestimmtes Beispiel aus dem Finanzmarkt herauspickt und geißelt, während jeglicher anderer Irrsinn unkommentiert bleibt. Wunderbar ist auch, dass die Banken gleichzeitig Leerverkäufe brandmarken und Short-ETFs, „Hedge“- und knock-out-Zettelchen aber preisen…

      Beste Grüße an alle und noch einen schönen Feiertag!
      Bankhaus Rott

  2. Austrian sagt:

    Sehr cool. Kann man nicht oft genug betonen.

  3. EXE sagt:

    Jaja die Zocker und Spekulanten ist schon schlimm das Volk.
    Das die auch immer nach Fehlern suchen und diese offen legen.
    Kann doch nicht sein gehört verboten die Wahrheit sagen.
    Mal im ernst wo sollen den die Spekulanten und Zocker den nur sein also ich kenne keinen, oder bin ich auch einer wen ich darauf „spekuliere“ das morgen der Sprit billiger ist wie heute.
    Die Politiker spekulieren mehr mit der Zukunft des Landes als alle anderen.
    Mir sind Spekulanten lieber wie Menschen die nicht wahrhaben wollen, dass es nicht nur eine Richtung geben kann bzw. auch Falsche Entscheidungen bestraft werden.
    Wir haben nun mal ein System wie wir es haben mit den Ecken und Kanten damit muss man Leben.
    Wen ich nicht falsch liege bei Leerverkäufe bekomme ich nur die Differenz zwischen Verkauf und Kaufpreis. Wen so etwas nicht mehr möglich ist geh ich doch einfach zu einem Derivate Händler meines Vertrauens und kaufe so ein „Teufelszeug“ mit sagen wir Hebel 50 da „spekulier“ damit.

  4. MH sagt:

    Diese Einteilung in Gut und Böse geht auch mir auf die Nerven. Im Grunde ist doch jeder ein Spekulant, der das Sparbuch verlässt und die Börse betritt. Wo höhere Erträge geboten werden, ist eben auch das Risiko höher. Hab ich jedenfalls mal so gelernt. Viele, die bei der Lehmann-Pleite Geld verloren, wussten möglicherweise nicht, was sie da kauften, über die in Aussicht gestellte höhere Rendite hat sich aber auch niemand beschwert.
    Immer, wenn sich jemand über die Spekulanten und Zocker empört, frage ich mich, wo denn wohl der Fingerzeigende sein Geld anlegt. Vielleicht auf dem Sparbuch?
    Vielleicht kann mir ja mal jemand den Unterschied zwischen einem „guten“ Anleger und einem „bösen“ Spekulanten erklären?

  5. Frank2 sagt:

    Ausgezeichneter Text, aber ich bin da kritisch.
    BH sagt:
    „Der eine hat eine Daimler mehr im Depot, der andere eine “negative” Aktie. In der Summe gibt es keine Aktie mehr oder weniger, einen Einfluss auf das Aktienkapital gibt es daher nicht.“

    Ich tausche nun mal Daimler gegen VW St. wenns recht ist. Da sauste eine VW gegen 1000 Euro. Die Bewertung lag bei wieviel Prozent vom Dax? 30%? Da gab es auf einmal nicht genug Aktien für die Shorties und einer warf sich vor die Bahn.
    Wo ist denn da was ausgeglichen? Das ist kirre!
    Und ist das nicht genau diese Geschichte mit „Stürzt JP Morgan in die Pleite – kauft Silber!“ Wie kann JPM in einer solche Situation kommen?

    Fazit: Ich stimme zu, daß in den Medien und Politik einseitig gehackt wird. Aber die Lösung kann nicht heißen „Laissez faire“. Naked sollte verboten werden. Dann käme auch mal etwas Luft aus den Ballons.

    • Bankhaus Rott sagt:

      Hallo BH!

      Es gibt auch nichts schlimmes daran, das Ganze sehr kritisch zu sehen! Bitte auch den Artikel nicht als Pamphlet pro naked shorts verstehen. Uns war vielmehr wichtig, darauf hinzuweisen, dass in der Branche die eigenen Fehler hinter eher technischen Details versteckt werden sollen. Nicht nur der Coba Aktie hat das Verbot nackter Leerverkäufe in den letzten Jahren nicht sonderlich geholfen.

      Leser Stefan fragte ob es durch die naked shorts zu einer unzulässigen Erhöhung des Aktienkapitals kommt, was nicht der Fall ist.

      Der Fall VW ist interessant, aber so richtig „kirre“ finden wir daran eigentlich, dass eine bekannte Landesbank, die doch eigentlich den Auftrag haben sollte, Kredite zu vergeben, sich in Long/Short Vorzugsaktien versus Stammaktien verheddert und einen hohen dreistelligen Millionenbetrag – offensichtlich aus Unfähigkeit – verbrennt. Die Bank hatte diese Positionen, die am Markt durchweg bekannt war. Warum sollte jemand nun dieser Bank seine Aktien günstig verkaufen?

      Schlussendlich werden Institute nicht durch technische Möglichkeit des Shortes oder des Eingehens von Termingeschäften in die Pleite getrieben sondern in der Regel durch Selbstüberschätzung und übertriebenen Glauben an die Risikomodelle. Wenn es aber hart auf hart kommt, kann man die Modelle über Bord werfen, dann zählt nur noch Angebot und Nachfrage. So sind die Preise einiger Kreditprodukte im Jahr 2008 so unter die Räder gekommen, dass der Preis eine Korrelation von Risiken implizierte, die größer als 1 war. Mathematisch ist das natürlich Quatsch, aber von der Mathematik konnte man sich in dem Moment nichts kaufen. Der Preis zählt.

      Mit leichter Ironie könnte man den Regulierern fast noch gratulieren. Jetzt sind die Shorties auch noch für die steigenden Kurse verantwortlich, das macht sie als Generalschuldigen natürlich noch wertvoller 🙂

      Ihnen eine gute Woche!
      Bankhaus Rott

  6. SpanischerGaul sagt:

    Analog zu Aktienkäufen auf Kredit mit plötzlich fallenden Kursen sehe ich in Deutschland eine platzende Immobilienblase, besonders in Großstädten.

    Wenn ich auf meine Haus einen Kredit von 500.000 drauf habe und der Wert des Hauses ist 500.000, dann ist alles wunderbar. Wenn aber andere Hausbesitzer um mich herum in finanzielle Schieflage geraten (warum auch immer, z.B. verzockt mit Aktien etc.) dann werden diese ihre Häuser verkaufen, da Sie die monatlichen Raten nicht mehr bedienen können. Und mein Haus wird auch automatisch im Preis sinken. Obwohl ich selber vielleicht überhaupt keine Probleme habe. Nur der Preis meines Hauses bestimmt sich ja über den „Pool“ der umliegenden Häuser (bzw. gesamte Stadt).

    Das heißt mein Haus hat nur noch z.B. einen Preis von 400.000 und dann ruft mich die Bank an und sagt das böse Wort „Nachbesicherung“. Das zerlegt mich, da ich gerade keine 100.000 Euro zum aufstocken habe und so muss auch ich verkaufen was die Häuserpreise noch weiter runterbringt… Eine Spirale nach unten….

    • wolfswurt sagt:

      Eine Spirale nach unten …, folgt einer Spirale nach oben.

      Steter Wandel, sprich hin und her oder hoch und runter, ist das Gesetz des Lebens.

      Ruhe und Bewegungslosigkeit ist Tod.

  7. Der_Goldberg sagt:

    Das trifft genau meinen Nerv – bin ähnlicher Meinung. Dazu ein früherer Blogbeitrag von mir http://www.blognition.de/wirtschaft/leerverkauf-kurzschluss

  8. holger.fiedler sagt:

    Wenn ich Aktien auf Kredit kaufe, wird jemand meine Kreditwürdigkeit prüfen. Wenn ich dagegen Leerverkäufe tätige, wer prüft dann, ob ich im Fall des Totalverlustes solvent bin? Falls niemand, dann sind Leerverkäufe wirklich gefährlicher als Aktienkauf auf Kredit.

    Im Übrigen ist dies – wie im Artikel auch ausgedrückt – das generelle Problem der Finanzwirtschaft, es wird mit enormen Hebeln gearbeitet. Und dadurch wird der Realwirtschaft (und dazu zählen die Banken schon lange nicht mehr) letztendlich Geld entzogen.
    Ein Staat hat die Pflicht, die Balance zwischen Produktion von Gütern und echten Dienstleistungen (Gärtner schafft Garten, Handwerker streicht Haus, …) und dem Geld als Medium für den Tausch dieser Realgüter zu halten.
    Wir aber leben inzwischen in einer Bananenrepublik.

    • Bankhaus Rott sagt:

      @holger.fiedler

      Ein Leerverkauf kann nur über ein so genanntes Margin-Konto abgewickelt werden. Die Prüfungen – und die nötige Sicherheitsleistung – wird dabei in beiden Fällen, Kauf auf Kredit oder Leerverkauf, gleich ermittelt, da das Kursrisiko das Gleiche ist. Ein guter Broker hat am wenigsten Interesse an zu geringen Sicherheiten, er verdient am im Gegensatz zu Fondgesellschaften am Handel und normalerweise nicht am Bestand.

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