„Lollapalooza-Effekt“: Vor der Bescherung

21. September 2017 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Viermal werden wir noch wach, dann ist Wahlsonntag. Das wesentliche Ergebnis steht jetzt schon fest: Angela Merkel wird erneut Bundeskanzlerin. In welcher Parteienkoalition das konkret geschehen wird, ist derzeit noch offen, aber auch ziemlich egal…

Denn praktisch zu keiner der aktuell im Bundestag vertretenen Parteien gibt es unüberwindliche Gräben.

Schließlich geht es um Machterhalt und da werden Inhalte schnell zur entbehrlichsten Nebensache der Welt. Wunschpartner Nummer 1 bleibt die schwindsüchtige SPD, die allerdings nicht zu schwindsüchtig werden darf, damit aus der Großen Koalition – was bekanntlich wenig mit großartig zu tun hat – nicht eine kleine wird.

Martin Schulz jedenfalls wird vor Dankbarkeit zerfließen, wenn er neben der großen Vorsitzenden am Kabinettstisch Platz nehmen und hin und wieder das Wort „Gerechtigkeit“ sagen darf – für die Menschen im Lande, die allen ja so unglaublich nahe am Herzen liegen.

Noch schwindsüchtiger sind eigentlich nur die Grünen, denen Merkel sämtliche Themen weggenommen hat. Sie sitzen in ihrem Sandkasten nun gänzlich ohne eigene Förmchen und empfehlen sich schon daher weniger als Koalitionspartner, denn als Teil einer Fraktionsgemeinschaft mit der CDU.

An ernsthaften Partnern bliebe die FDP, obwohl diese sich im Wahlkampf jüngst erfrechte, mit bürgerlichen Parolen gegen die Regierung zu sticheln. Wer die Partei länger kennt – und Merkel tut das –, weiß, dass solche Flausen nach dem Wahltag rasch verflogen sein werden.

Lediglich mit den Linken fällt die Schnittmenge eher klein aus. Das liegt weniger an den gesellschaftspolitischen Visionen, die eigentlich nur eine konsequente Fortschreibung der aktuellen Politik darstellen, als an dem allzu weichen Kurs gegenüber Moskau. So bleibt das spannendste und eigentlich einzige Thema des Wahlabends, mit wie vielen Sitzen die AfD erstmalig in den Bundestag einziehen wird. Falls der Panikmodus, in dem sich die anderen Parteien derzeit befinden, irgendwelche Rückschlüsse erlaubt, werden es wohl eher mehr als weniger sein.

Ansonsten ist zur Bundestagswahl 2017 eigentlich alles gesagt bzw. geschrieben (vgl. Titelstory des letzten Smart Investor 9/2017), was dazu zu sagen oder zu schreiben war. Schon jetzt haben wir der Politik wesentlich mehr Aufmerksamkeit gewidmet, als intellektuell vertretbar ist. Sehen Sie sich einfach die handelnden Charaktere etwas genauer an, und Sie wissen was wir meinen.

„Schicksalsgemeinschaften“

Hinsichtlich der Brexit-Verhandlungen soll die britische Regierung nun erstmalig konkrete Zahlen auf den Tisch gelegt haben. Das berichteten heute u.a. welt.de/n-tv.de unter Berufung auf die Financial Times. 20 Mrd. EUR wollen es sich die Briten kosten lassen, den Brüsseler Albtraum hinter sich zu lassen.

Wenn man an die jüngsten „Schnapsideen“ von Jean-Claude Juncker denkt, scheint das ein vergleichsweise moderater Preis zu sein. In Brüssel hat man dagegen eher das alte deutsche Scheidungsrecht im Kopf: „Einmal Britenbraut, immer Britenbraut“ und baut munter Forderungen auf, die aktuell irgendwo zwischen 60 und 100 Mrd. EUR liegen. Damit ist zumindest der finanzielle Bezugsrahmen grob abgesteckt, in dem sich der Verhandlungspoker der nächsten Monate abspielen wird.

Interessantes Detail am Rande: Wirklich attraktive Clubs sind üblicherweise durch hohe Eintrittsbarrieren bei relativ niedrigen bzw. gänzlich fehlenden Austrittsbarrieren gekennzeichnet. Lediglich Verbrechersyndikate wie die Mafia legen denjenigen, die von Bord gehen wollen, große Steine in den Weg – oder hängen sie gleich um deren Hals. Die ehrenwerte Familie ist eben auch eine echte „Schicksalsgemeinschaft“. Da bevorzugen wir doch eher das Modell „Supermarkt“, wo jeder nur für das bezahlt, was er auch haben will. Im Alltag hat es sich jedenfalls deutlich besser bewährt als die Brüsseler Mischung aus Bevormundung und zentraler Megabürokratie.

Linear war gestern

Die Auswirkungen der Politik auf die Börse sind derzeit nicht zu unterschätzen. Mindestens genauso bedeutend dürften in den nächsten Jahren aber technologische Umwälzungen werden. In der Start-Up-Szene wird diesbezüglich gern von „Disruption“ gesprochen. Gemeint ist damit die vollständige Umwälzung einer Branche durch eine neue Technologie. Womit der Umbruch nicht nur für junge, hippe Start-Up-Unternehmer interessant ist, sondern auch für Value-Anleger, die auf den „Moat“ (d.h. den Burggraben um ein Geschäftsmodell) ihrer Unternehmen vertrauen.

Kein Wunder, dass sich auch Dr. Hendrik Leber von der Frankfurter ACATIS Investment GmbH intensiv mit neuen Trends beschäftigt. Seiner Meinung nach können vorsichtige Prognosen nämlich die Existenz vernichten. Beispiele dafür gibt es zuhauf: Noch um 1900 spielte das Automobil selbst auf der schicken New Yorker 5th Avenue kaum eine Rolle. Bereits 13 Jahre später waren die Pferdekutschen jedoch weitestgehend von der neuen Technologie abgelöst.

Mitte der 80er Jahre prognostizierten die Experten von McKinsey dem Telekommunikationskonzern AT&T rund 900.000 Nutzer von Mobiltelefonen im Jahr 2000. Tatsächlich waren es dann aber 109 Millionen Nutzer – eine um den Faktor 120 höhere Zahl. AT&T verpasste selbstredend diesen Trend und wurde rechts und links von neuen Konkurrenten überholt. All diesen Entwicklungen ist eins gemeinsam: Sie verlaufen in der Regel exponentiell. Das menschliche Gehirn dagegen ist durch lineares Denken geprägt und kann exponentielles Wachstum selten richtig einordnen.

„Unvermeidbare Trends“

Ein Fehler, vor dem selbst Giganten wie Warren Buffett und Charlie Munger nicht gefeit sind. Auf der diesjährigen Hauptversammlung von Berkshire Hathaway sprachen sie daher vor allem über verpasste Chancen. Dazu gehört eine Aktie wie Google, die Buffett trotz enormer Einblicke in deren Geschäftsmodell bis heute nicht gekauft hat. Bereits vor Jahren sah er, wie sich die Werbebudgets bei seiner Autoversicherungs-Tochter GEICO von TV und Print hin zu Google verschoben haben. Die exponentiellen Wachstumschancen erkannte er dennoch nicht. Oder Amazon, deren Chef Jeff Bezos Buffett und Munger über den grünen Klee lobten. Die Aktie kauften sie dennoch nicht.

Neben verpassten Gelegenheiten sollten sich Anleger heute aber vor allem über die Chancen und Risiken von morgen Gedanken machen. Nun ist bekanntlich kaum etwas so schwer wie eine Prognose, insbesondere wenn diese die Zukunft betrifft. Für Hendrik Leber gibt es allerdings eine Reihe quasi „unvermeidbarer Trends“, die Anleger zumindest auf dem Schirm haben sollten. Dazu zählt das autonome Fahren, die E-Mobilität, künstliche Intelligenz, Blockchain-Technologie und die personalisierte Medizin. Als kleinen Vorgeschmack auf die künstliche Intelligenz nannte er die Übersetzungs-Maschine DeepL (kann unter www.deepl.com/translator getestet werden), die in naher Zukunft manuelle Übersetzung überflüssig machen könnte.

Noch gewaltiger werden solche Trends allerdings, wenn völlig unterschiedliche Entwicklungen oder Erkenntnisse in Kombination zu völlig Neuem führen. Diesen „Lollapalooza-Effekt“, wie ihn Charlie Munger nennt, thematisieren wir auch im neuen Smart Investor, der übernächstes Wochenende erscheint.

Zu den Märkten

Erfreuliches gibt es in den beiden letzten Wochen vom DAX zu berichten. Die lange Schiebezone (vgl. Abb., gelbes Rechteck) konnte nach oben verlassen werden. Damit ist das Negativszenario, das sich charttechnisch aus der Schulter-Kopf-Schulter-Formation (rote Markierungen) und dem Bruch der Aufwärtstrendlinie (blau) ergeben hat, deutlich unwahrscheinlicher geworden.

Die Initialzündung war – wiederum charttechnisch betrachtet – der nachhaltige Bruch der grünen Abwärtstrendlinie vor genau zwei Wochen. Inzwischen hat sich die Aufwärtsbewegung wieder etwas verlangsamt. Fast scheint es so, als würde der Index nun von unten am vorherigen Aufwärtstrend (blaue Linie) entlangkriechen. Ein klassischer Pull-Back an das Ausbruchsniveau ist dies aufgrund der zeitlichen Dimension von rund zwei Monaten dennoch nicht. Auf dem jetzigen Niveau ist das Bild im Ergebnis wieder sehr indifferent geworden.

Positiv ist die Aufwärtsbewegung selbst, negativ sind die Widerstände aus der alten Schulter-Kopf-Schulter-Formation, die Saisonfigur und der Wahltag. Denn egal wie die Wahl ausgeht, die bitteren Wahrheiten, werden grundsätzlich erst am Tag danach verabreicht.

Eine interessante charttechnische Situation findet sich aktuell übrigens beim Gold. Nachdem der Kurs im dritten Anlauf den Sprung über die Marke von 1.300 USD/Feinunze geschafft hatte, beschleunigte er sich zunächst bis auf rund 1.357 USD/Feinunze. Der aktuelle Rückfall auf Preise von rund 1.305 USD/Feinunze ist charttechnisch nicht besorgniserregend. Im Gegenteil, er entspricht einer klassischen Pull-Back-Bewegung an das Ausbruchsniveau, getreu der Maxime: „Aus Widerstand wird Unterstützung“. Erst falls die Unterstützung bei 1.300 USD/Feinunze nicht halten sollte, wären Engagements in diesem Bereich neu zu überdenken.

Fazit

Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Insbesondere beim Investieren gilt dieses Motto. Allzu konservative Prognosen können dagegen schaden, wenn damit technologische Trends verschlafen werden.
© Ralph Malisch, Christoph Karl – Homepage vom Smart Investor

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