Wir Sparer!

10. Dezember 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Ralph Malisch

Für unsere Heftkategorie „Löcher in der Matrix“ sammeln wir laufend Erstaunliches und Schräges aus der Welt der Medien.

„BILD rechnet mit EZB-Chef Mario Draghi ab: Das kostet uns DIESER Mann“ (bild.de, 8.12.2017)

„Wie lange noch, Herr Draghi? 0%-Zins – Wir Sparer sind mal wieder die Dummen!“ (Bild Titelseite, 9.12.2017)

Es ist nicht so, dass man die Bild-Zeitung aufgrund der wertvollen und exklusiven Inhalte lesen würde. Nachdem dort (Haus-)Meinung und Nachricht gerne zu einem untrennbaren Omelett verquirlt werden, kann man aus den Beiträgen oft ganz gut herauslesen, wie man in diesem, noch immer sehr einflussreichen Verlagshaus so denkt – genauer gesagt, wie die Leser denken sollen.

Auffällig ist die Schärfe, mit der EZB-Chef Draghi nach der jüngsten EZB-Ratssitzung angegangen wird. Es gab Zeiten, da verunglimpfte dieselbe Publikation selbst diejenigen reflexhaft als „Euro-Hasser“, die es wagten, eine im Ton zurückhaltendere und in der Sache fundiertere Kritik an der EZB-Politik vorzubringen.

Nun hat man sein Herz für die Sparer entdeckt … und befindet sich damit weit hinter der Kurve. Denn auf die Frage „Wie lange noch, Herr Draghi? 0%-Zins ….“ wird die Antwort in der Wirklichkeit längst gegeben.

Nicht mehr lange, denn null Prozent können sich angesichts der konsequent vorangetriebenen Negativzinspolitik schon bald als veritable Traumrendite erweisen. Auch das anheischige „Wir Sparer“ kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Solidarität mit den, durch die EZB schleichend enteigneten deutschen Sparern, oder auch nur Verständnis für deren Sorgen, im Mainstream-Boulevard bislang eher keine Herzensangelegenheit war. Woher kommt also der Sinneswandel?

Auch hier dürfte die Bundestagswahl 2017 ihre langen Schatten vorauswerfen. In dem Maße, wie sich das Blatt bemüht, die Kanzlerin und frisch gebackene Kandidatin Merkel hochzuschreiben und von ihren massiven Fehlleistungen reinzuwaschen, werden Sündenböcke benötigt, denen man die Negativaspekte ihrer Kanzlerschaft „in die Schuhe schieben“ kann. Dabei ist es praktisch kaum vorstellbar, dass Mario Draghi ohne die stillschweigende Rückendeckung der Bundesregierung im Rahmen der völlig missglückten „Euro-Rettung“ sein Mandat je derart weit überdehnt hätte.

Dieser Logik folgend, wird wohl auch für das absehbare Scheitern des dilettantisch ausgehandelten Flüchtlingsdeals mit der Türkei entsprechend der türkische Präsident Erdoğan verantwortlich gemacht werden. Warten wir’s ab.

Die „0%-Zins“-Titelseite ist zudem unter dem Aspekt des Titelseitenindikators interessant. Endet auch dieser Trend, jetzt da er es auf Seite 1 einer fachfremden Publikation geschafft hat?

Zumindest aus den USA mehren sich seit der Wahl Donald Trumps die Anzeichen einer Zinswende. Wir bleiben dennoch skeptisch, denn der Titelseitenindikator funktioniert in Märkten, die einem einigermaßen freien Spiel der Kräfte unterliegen. Der Zins dagegen wird seit geraumer Zeit regelrecht gesteuert – Nullzinsen sind bekanntlich kein Marktphänomen. Von daher ist auch keine psychologische Rückwirkung der Titelseite auf die EZB-Politik zu erwarten. Im Gegenteil, die Notenbanken und deren geldpolitische Vor-„Denker“ arbeiten derzeit aggressiv daran, den Zins spürbar in den Negativbereich zu manipulieren. Spätestens dann werden „Wir Sparer“ auch wieder eine Titelseite von Bild spendiert bekommen.
© Ralph Malisch – Homepage vom Smart Investor

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