Löcher in der Matrix – „Wir gegen die“

4. April 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Ralph Malisch

Für unsere Heftkategorie „Löcher in der Matrix“ sammeln wir laufend Erstaunliches und Schräges aus der Welt der Medien. Unser wöchentliches Update.

„So will die EU die Briten loswerden“ (bild.de, 31.3.2017)

„EU bereitet sich auf Scheitern der Verhandlungen vor: Neuer Brexit-Knaller!“ (bild.de, 31.3.2017)

Schon in der ersten Überschrift zeigt sich das Problem der (deutschen) Leitmedien. Man informiert nicht mehr über das, was Sache ist, sondern macht fremde Positionen zu eigenen, vorzugsweise die der hiesigen „Obrigkeiten“.

Dafür darf dann umso beherzter auf ausgewählte ausländische Regierungen eingeprügelt werden – Putin, Trump, etc. Das ist erstens risikolos, sichert zweitens das Wohlwollen der Mächtigen und drittens weiß ohnehin niemand besser was Russen, Amerikaner oder das Weltklima brauchen, als unsere großen Meinungsbildner.

Hinsichtlich des Brexit war man von Anfang an Partei. Aber wie verkauft man dem Publikum nun, dass die Briten die EU mehrheitlich für eine derart hässliche Braut halten, dass sie nun den entscheidenden Schritt Richtung Trennung gegangen sind?

Richtig, man dreht den Spieß einfach um: „So will die EU die Briten loswerden“. So, so, die EU will also die Briten loswerden. Das war uns neu. In George Orwells Roman „1984“ fiel dem Antihelden Winston Smith die Aufgabe zu, Nachrichten im Sinne der Partei zu verdrehen – „Smith Dir Deine Meinung“. Dessen Arbeitsplatz befand sich allerdings bereits direkt im Ministerium für Wahrheit.

Natürlich kann es sein, dass hier ein Praktikant in Unkenntnis der wahren Verhältnisse getextet hat. Allerdings passt der Tenor zu der im zweiten Text durscheinenden „Wir gegen die“-Haltung – entgegen allen Lippenbekenntnissen zu guter Nachbarschaft und unverbrüchlicher Freundschaft.

Ist die EU tatsächlich schon in dem Zustand, dass sie einen „äußeren Feind“ benötigt, um den Zusammenhalt im Inneren zu stärken? Eine Rechnung, die – wie so oft – ohne den Wirt gemacht sein könnte. Denn der Schritt der Briten genießt auf dem Festland durchaus auch Sympathien.

Zwar dürfte die martialische Ankündigung harter Verhandlungen taktisch motiviert sein, aber sie wird auch ihre Wirkung auf das Publikum nicht verfehlen – „Wir gegen die“. ‚Da darf auch Bundesoberlehrer Wolfgang Schäuble nicht mit einem Fremdschäm-Satz fehlen: „Das wird ein Lernprozess sein, auch und gerade für die Briten“.

Derart gebrieft, wird der Leser zwar vielleicht nicht gleich in Pro-EU-Reflexe verfallen, wohl aber in anti-britische. Als eine Art Lernkontrolle, wie gut das „Nudging“, also die unterschwellige Beeinflussung gelungen ist, gibt es am Ende des Beitrags eine Umfrage: „Wie denken Sie über den Brexit?“ Die möglichen Antworten sind dürr:

„Es ist immer noch ein Schock – die Briten sollten bleiben.“

oder

„Nicht zu ändern – die EU muss jetzt einen guten Deal aushandeln.“

Auf gut deutsch: Entweder „die“ fügen sich, oder „wir“ schlagen wenigstens einen guten Deal heraus. Knapp drei Viertel der Teilnehmer sprachen sich für die zweite Variante aus, die nicht eben den Geist freundschaftlicher Verbundenheit atmet. Mission erfüllt?! Müßig zu sagen, dass wir gerne andere Antwortmöglichkeiten gesehen hätten, etwa: „Ein mutiger Schritt der Briten, vielleicht können wir etwas von ihnen lernen?“
© Ralph Malisch – Homepage vom Smart Investor

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