Löcher in der Matrix: Unkontrollierbare Kritiker

21. Juli 2015 | Kategorie: RottMeyer

Von Ralph Malisch

Für unsere Heftkategorie „Löcher in der Matrix“ sammeln wir laufend Erstaunliches und Schräges aus der Welt der Medien. Unser wöchentliches Update.

„Bloggende Studenten: Die Professoren-Stalker“ (spiegel.de, 15.7.2015)

Ein interessantes Thema greift „Spiegel Online“ auf. Studenten nutzen das Internet um missliebige Professoren an den Pranger zu stellen, ja regelrecht Jagd auf sie zu machen. Obwohl es sich dabei um „linke Studenten“ handelt, zeigt der Spiegel hier erstaunlich wenig Sympathie für deren Treiben. Ihre Aktivitäten bezeichnet er beispielsweise als „neues Hobby“ und belegt die anonym agierenden Studenten mit Vokabeln wie „Professoren-Stalker“ und „Gesinnungspolizisten“. Mehr noch, das Thema wurde unter dem Titel „Der schwarze Blog – Wie Studenten Jagd auf ungeliebte Profs machen“ sogar zur Titelgeschichte der Druckausgabe des „Uni Spiegel“ – illustriert durch einen Maskierten am Laptop, der nicht gerade wie ein Sympathieträger wirkt.

Vergleichsweise ausgiebig zu Wort kommt dagegen das Opfer der Attacken. Im aktuellen Fall ist es Professor Jörg Baberowski, „ein angesehener Historiker, Fachgebiet Osteuropa“. „Der Mann, schmerzgeplagt“ durch einen Bandscheibenvorfall, gibt sich trotzdem kampfeslustig. Der ganze Beitrag ist so aufgebaut, dass der Leser eher mit dem angegriffenen und zudem kranken Professor empfindet als mit der anonymen Meute der virtuellen Jäger. Nicht immer distanzierte sich der Mainstream allerdings so deutlich von anonymen Angriffen aus der virtuellen Parallelwelt. Als etwa diverse Plattformen Jagd auf Plagiate in den Doktorarbeiten einiger, vorzugsweise nicht dem linken Lager angehörenden Politiker machten, war die „Qualitätspresse“ in erster Reihe mit dabei.

Auf der Metaebene darf man sich also schon fragen, woher der Sinneswandel wohl kommt? Nicht zuletzt nach der teils äußerst scharfen Kritik in den eigenen Kommentarspalten scheint dem Mainstream die wetterwendische und völlig unberechenbare Macht des Netzes nicht mehr ganz geheuer zu sein.

Zu oft wurden in den letzten Jahren auch Spiegel & Co. zum Ziel kritischer Blogger. Während diese also einst die Drecksarbeit machten, um beispielsweise den im linken Mainstream ungeliebten Ex-Verteidigungsminister und Ex-Doktor zu Guttenberg zu Fall zu bringen, hat man nun am eigenen Leib verspürt, wie kompromisslos auch die eigenen Wortmeldungen vom Netz seziert und anschließend in der Luft zerrissen werden. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass hinter diesem Beitrag eine neue Linie durchschimmert.

Anonymität im Netz ist unfair und gefährlich, weil sie kaum fassbar und also auch nicht kontrollierbar ist. Die neue Marschrichtung lautet nun: Weitere Einschränkung und letztlich vollständige Aufhebung der Anonymität im Netz.
© Ralph Malisch – Smart Investor


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