Löcher in der Matrix: Trabbi 2.0

22. Mai 2017 | Kategorie: RottMeyer

Von Stefan Preuß

Für unsere Heftkategorie „Löcher in der Matrix“ sammeln wir laufend Erstaunliches und Schräges aus der Welt der Medien. Unser wöchentliches Update.

Merkel kassiert das Ziel von einer Million E-Autos bis 2020“ (16.5.17, tagesspiegel.de)

Das Ziel ist griffig und eingängig formuliert: Bis 2020 sollen eine Million Elektroautos über Deutschlands Straßen schnurren. Das werde wohl nichts, sagte Kanzlerin Angela Merkel nun am Rande eines Termins. Da können Umwelt- und Wirtschaftsministerin zetern wie sie wollen: Mit ihrer Einschätzung liegt die Kanzlerin richtig.

Und woran liegt es? Da sind sich Politik, Automobilhersteller und die Mainstreampresse einig: Der Autofahrer wolle einfach keine Elektrofahrzeuge kaufen. Das sehe man nicht zuletzt daran, dass selbst nach Einführung der Umweltprämie der Absatz nur gering steige. Die Tatsachen freilich zeigen ein anderes Bild:

Es gibt, insbesondere von den deutschen Herstellern, kein wettbewerbsfähiges Angebot. Volkswagen ist mit zwei Werks-Bastellösungen, dem eUp und dem eGolf, am Markt, Mercedes verkauft die B-Klasse ebenfalls als Werks-Bastellösung mit einer Technik, die noch aus der Zusammenarbeit mit Tesla stammt. Reines Elektroauto aus dem VW-Konzern? Porsche: Fehlanzeige. Audi: Fehlanzeige. Skoda: Fehlanzeige. Seat: Fehlanzeige. Bentley: Fehlanzeige. Lamborghini: Fehlanzeige.

Das Kontingent für Opel Deutschland beträgt für 2017 dem Vernehmen nach 300 Ampera-E. In Worten: Dreihundert. Ford bietet auch nur eine Werksbastellösung mit dem Focus Electric. BMW ist mit dem i3 am Markt, hat es aber über die Jahre nicht geschafft, ein zweites reines Elektro-Auto aufzulegen. Die maximale Jahresproduktion der Carbonkarosse des i3 soll nach übereinstimmenden Fachberichten bei ca. 36.000 Stück liegen. Nicht für Deutschland, sondern den globalen Markt. Etwas ernst meinen geht anders.

Bei den ausländischen Herstellern sieht es nicht besser aus: Die als Ladezicke betitelte Renault Zoe, der sehr eigenwillig gestaltete Nissan Leaf, der mit aktuell zehn bis zwölf Monaten Lieferzeit behaftete Hyundai Ioniq – jenseits von Tesla gibt es weder einen Familienvan, ein SUV, einen Sportwagen, noch nicht einmal ein Fahrzeug mit Anhängerkupplung für den Fahrradhalter.

Hinzu kommen abenteuerlich hohe Preise für die Fahrzeuge und die dünne und meistens von Verbrennern zugeparkte Infrastruktur. 2017 in Deutschland zu ein Elektroauto zu kaufen, das ist vergleichbar mit dem Fahrzeugkauf in der DDR: Alte Technik, horrende Preise – Trabbi 2.0.

Und trotzdem wird „der Autofahrer“ als Schuldiger ausgemacht. Das ist perfide. Weil so insinuiert wird, der Verbraucher wolle in seiner Gesamtheit nicht umschwenken und sei deshalb Schuld an überhöhten Feinstaubwerten, die Menschen krank machen und töten. Die Politik würde ja, die Industrie auch, aber leider, leider kauft keiner unsere tollen Elektroautos.

In dieser Logik ist dann „der Autofahrer“ auch selber schuld, wenn Gerichte irgendwann Kommunen dazu verurteilen, Fahrverbote auszusprechen. Wer sagt oder schreibt, es gebe keine Nachfrage nach Elektroautos, informiert fehl. Dass es anders ist, zeigt der Bestell-Tsunami für das Model III von Tesla auch in Deutschland.

© Stefan Preuß – Homepage vom Smart Investor

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Ein Kommentar auf "Löcher in der Matrix: Trabbi 2.0"

  1. Don_Juan_Matus sagt:

    Hallo,

    zuerst mal ist bei den E-Autos das „Henne und Ei“-Problem mit den Ladestationen.
    Überhaupt, das ganze Thema um Akku & Ladung ist der eigentliche Knackpunkt.
    Li-Akkus haben ca. 500 bis max. Ladzyklen, dann muss man austauschen – für Vielfahrer also ca alle 3 Jahre mit Kosten von ??>>5000€?? Das ist ein teures „Vergnügen“!
    Und auch mit Leasing der Akkus kann man keine Kostenzauberei machen.
    Wer recycled eigentlich die gewünschten millionen an Akkus?
    Gibt es überhaupt genügend Lithium-Gewinnung auf der Welt? Was passiert dann mit dem Marktpreis?
    Weiteres Problem Ladung: Auch wenn anscheinend Ladung mit 175KW geplant sind,
    Da braucht eine Tankstelle mächtig dicke Kabel, wenn mehrere Fahrzeuge gleichzeitig zapfen wollen.
    Woher soll denn der ganze Strom kommen? Die bisherigen Leitungen geben das nicht her.
    Trotzdem wird ein Ladevorgang 20 Minuten dauern. Wer möchte so lange an der Tanke warten?
    Wenn gedacht wird, man ladet während der Arbeit, dann müsste der Betrieb die Ladestationen unterhalten und bei zig-tausend Beschäftigten gigantische Leitungen haben – oder besser gleich ein Großkraftwerk!
    Alles völlig unausgegoren und nur Techno-Hype.

    Dabei gäbe es eine günstige und dann funktionierende Lösung, die aber ist ein völliges Sakrileg:
    Menschen würdige, moderne(!), komfortable und vernetzte öffentliche Verkehrsmittel – am Besten mit Deutschland-Flatrate!
    Das Auto ist das Problem – und nicht die Lösung (Sorry – nur meine Meinung)!

    AP

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