Löcher in der Matrix – Tote auf Urlaub

12. Juni 2014 | Kategorie: RottMeyer

Für unsere Heftkategorie „Löcher in der Matrix“ sammeln wir im Smart Investor laufend Erstaunliches und Schräges aus der Welt der Medien. Unser wöchentliches Update…

Von Ralph Malisch

Noch immer – wir müssen es leider feststellen – herrscht Unrecht in der EU, genauer gesagt ein Wildwuchs „nationaler Gesetze oder „Gepflogenheiten““. Das geht gar nicht, befindet der „Europäische Gerichtshof“ (EuGH) – eine Institution, die sich bekanntlich nicht scheut, auch heiße Eisen anzupacken und die drängenden Probleme des Kontinents frontal anzugehen…

Immerhin nahm man dort schon den ESM unter die Lupe und fand nichts, was der Beanstandung wert gewesen wäre. Aktuell reift in Luxemburg sogar ein Verfahren gegen die allmächtige EZB und deren Anleihekäufe. Nach eingehender Untersuchung und einer gewissen Schamfrist wird man wohl auch an diesem Fall nichts Unrechtes erkennen können. Aber wir greifen vor.

Unrecht wurde dagegen einem Arbeitnehmer getan – allerdings erst posthum, aber auch das geht gar nicht. Als der bedauernswerte Mann im November 2010 verstarb, „hatte er 140,5 Tage Jahresurlaub angesammelt“ – in Worten 140 Komma Fünf! Wer sagt, die Deutschen hätten ihren Sinn für Korrektheit verloren?!

Auch der EuGH erkannte, dass der bezahlte Urlaub „ein besonders bedeutsamer Grundsatz des Sozialrechts“ sei. Da der Mann aus verständlichen Gründen in der Sache nicht mehr selbst aktiv werden konnte, beschritt die Angetraute den Klageweg und obsiegte vor dem EuGH nun auf ganzer Linie.

Die Welt wäre ein kälterer Ort, wenn die „Helden aus dem Luxemburg Forrest“ die Sache der Witwen und Waisen nicht zu der ihren gemacht hätten. Man mag zum Urteil an sich stehen wie man will. In der Berichterstattung fallen aber einige Dinge auf: Die taz-typisch witzige Überschrift „Wer früher stirbt, hat länger Urlaub“ geht leider ein wenig am Thema vorbei.

Eigentlich geht es um Folgendes: „Je mehr Urlaubsanspruch man ansammelt, desto mehr Urlaubsanspruch kann man vererben“ – selbst während einer längeren Krankheit auf den halben Tag genau. In manchen Unternehmen dürfte es nach diesem Urteil leichter sein, seinen Urlaubsanspruch ins Jenseits mitzunehmen, als ihn ins Folgejahr zu übertragen.

Auch geht es nur am Rande um Sozialrecht, sondern um das Erben.

Erben hat ja ansonsten in der kollektivistisch ausgerichteten Presse den etwas unappetitlichen Beigeschmack des leistungslosen Vermögenszuwachses – eine Einschätzung, die man sich mit Bezug auf den Fall der klagenden Witwe wohl aus Gründen der Pietät verkniffen hat. Obwohl Erben natürlich immer irgendwie etwas mit Sterben und mit Fragen der Pietät zu tun hat – selbst bei größeren Vermögen. Egal.

Wirklich interessant ist allerdings, dass die Betroffenen des Verfahrens nur unvollständig benannt werden – der EuGH (3x), der Arbeitnehmer (5x + 1x als „Verblichener“), die Witwe (3x) und unangefochten an der Spitze: Der heilige „Anspruch“ (7x + 4x als „Urlaubsanspruch“)! Nicht mit einem Wort werden dagegen diejenigen erwähnt, die zumindest einen Teil dieser Wohltat für die Witwe erwirtschaften müssen (während der Krankheitstage die Kollegen) und der, der letztlich bezahlen wird (der Arbeitgeber). Eine symptomatische Perspektive, nicht nur für ein Medium wie taz.de, das gar nicht über eine eigene Wirtschaftsrubrik verfügt.

© Ralph Malisch – SmartInvestor

 

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