Löcher in der Matrix – „Schmeichelpresse“

1. August 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Ralph Malisch

Für unsere Heftkategorie „Löcher in der Matrix“ sammeln wir laufend Erstaunliches und Schräges aus der Welt der Medien. Unser wöchentliches Update…

„Angela Merkel und der Terror – Die wahre Macht: Schweigen können“ (wiwo.de, 25.7.2016)

Die Grenzen zwischen Analyse, Kommentar und bloßer Schmeichelei sind fließend. Den Schmeichler erkennt man in der Regel daran, dass er dick aufträgt – zu dick. Und er muss dick auftragen, denn die Schmeichelei ist ja im Wesentlichen ein ungerechtfertigtes Lob. Es ist die Übertreibung, die die dünne Substanz überkleistert.

Sensibleren Adressaten kann solche Lobhudelei schnell zu viel werden – sie gehen auf Distanz zum Schmeichler. Andere dagegen können gar nicht genug Claqueure und Ja-Sager um sich scharen… Dabei ist das Abmühen des Schmeichlers von außen durchaus ulkig anzusehen. Wie lang wird er das Gleichgewicht auf dem selbst eingespeichelten Boden halten können? Verschwindet er gar auf Nimmerwiedersehen im Hinterteil der Macht, oder wird er schon mit dem nächsten Darmwind wieder herausgeblasen?

Im konkreten Fall ging es um die Unfähigkeit der Kanzlerin, in angemessener Zeit wenigstens ein paar Worte des Mitgefühls für die Amokopfer von München zu finden. Warum schwieg Merkel so lange?

Das war eine Frage, die sich durchaus viele gestellt hatten. Mit einem eher plumpen Kunstgriff versucht der Autor gleich zu Beginn alle negativen Erklärungsmuster vom Tisch zu räumen: Gefühlskälte? Schlechtes Gewissen? Gleichgültigkeit? „All diese Theorien kursierten in sozialen Netzwerken …“ Er ist offenbar der Auffassung, dass die bloße Aufzählung – zusammen mit der „Ekel“-Quelle „soziale Netzwerke“ – bereits für eine ausreichende Diskreditierung der Theorien gesorgt habe.

Nun gut, in der Folge versuchte sich also der „Qualitätsjournalist“ an der Nuss: Die Worte die Merkel – oder ihr Büro – schließlich fand, die hätte „sie auch früher … finden können“, räumt er ein. ABER – Achtung, jetzt kommt’s: „Zu behaupten, Merkel hätte diese Worte partout früher äußern müssen, ist schlicht: Quatsch.“ Aha.

Die ungewöhnlich späte Reaktion wird wie folgt begründet:

„Von Merkel hingegen erwarten – und bekommen – die Bürger seit Jahren anderes: kühle Analyse, klare Worte.“

Nein, wir sind noch nicht im Kabarettprogramm. Die gleichen Worte, die sie also auch früher hätte finden können, wurden durch ausgiebiges Reifenlassen nun also zum Ergebnis „kühler Analyse“ geadelt.

Ganz nebenbei will man dem Leser verkaufen, er könne von Merkel „kühle Analysen“ erwarten und – halten Sie sich bitte fest – auch „bekommen“. Ausgerechnet von jener Frau, die schon durch Euro-„Rettung“ und Energiewende ebenso planlos und wetterwendisch stolperte wie jetzt durch die Massenmigration?!

Waren ihr trotziges „Dann ist das nicht mein Land“ und ihr unsubstantiiertes „Wir schaffen das“ nicht die ultimativ gefühligen Kontrapunkte zu jenem kühlen Verstand, den man ihr nun andichten will? „Mutti“ soll plötzlich ein Spitzname sein, den die kinderlose Frau nur „ironischerweise“ erhalten habe. Hört, hört.

Seien wir ehrlich: Merkel steht für gar nichts bzw. sie steht heute für dies, morgen für jenes und übermorgen wieder für etwas vollkommen anderes. Sie geht auf Tauchstation, wenn es schwierig wird und taucht wieder auf, wenn sich eine Meinung durchgesetzt hat, an deren Spitze sie sich dann Kraft ihres Amtes stellt – „alternativlos“ versteht sich.

Um „Mutti“, also die ironischerweise so Genannte, künstlich weiter zu überhöhen, wird US-Präsident Obama, der wie viele Regierungschefs genügend Anstand hatte, unmittelbar sein Mitgefühl auszudrücken, zum „Kümmerer-in-Chief“ herabgewürdigt. Und Empathie, die uns noch vor wenigen Monaten als die finale Messlatte jedweder politischer Erwägung verkauft wurde, heißt nun „hitziges Mitgefühl“, das mit dem „kühlen Kopf“ kontrastiert wird – Merkels Kopf.

Immer noch kein Kabarett.

Der entlarvendste Satz des ganzen Kommentars – oder ist es doch eine Glosse? – ist jedoch dieser hier:

„Merkel schwieg, und darin zeigt sich ihre wahre Macht.“

Der Autor muss so stolz auf diesen Satz gewesen sein, dass er ihn gleich auch noch zur Überschrift verwurstelte. In seiner Beflissenheit, der Kanzlerin in schwerer Stunde etwas Gutes zu tun, war er sich aber möglicherweise über die eigentliche Bedeutung nicht ganz im Klaren: Wie schwach muss ein Regierungschef eigentlich sein, um einen Amoklauf zum Anlass einer Demonstration seiner „wahren Macht“ zu instrumentalisieren, statt wie alle anderen erst einmal Mitgefühl zu zeigen? Ein solcher Satz könnte sogar Merkel peinlich sein.

Ralph Malisch – Homepage vom Smart Investor

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