Löcher in der Matrix: Putin nur mit Warnhinweis

15. Januar 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Ralph Malisch

Für unsere Heftkategorie „Löcher in der Matrix“ sammeln wir laufend Erstaunliches und Schräges aus der Welt der Medien. Unser wöchentliches Update.

„BILD-Interview mit dem russischen Präsidenten“ (bild.de, 11.1.2016, 12.1.2016)

Die gute Nachricht gleich vorweg. Die Bild-Zeitung, Boulevard-Flaggschiff des Springer-Konzerns, redet nicht mehr nur ausschließlich über Putin, sondern neuerdings auch wieder mit ihm.

Nachdem man in den letzten Jahren das Putin-Bashing zu einer eigenen Kunstform entwickelt hatte und beinahe täglich neue Ungeheuerlichkeiten aus dem Kreml zu berichten wusste, nun also der Dialog. Bild-Herausgeber Kai Dieckmann betont die kleine Tradition solcher Gesprächsrunden, denn bereits in den Jahren 2000, 2001 und 2005 interviewte er den Kreml-Chef.

Bevor man aber nun gleich Tauwetter bei der transatlantisch bestens vernetzten und(!) verpflichteten Bild-Zeitung wittert, ein Putin-Interview bedeutet in dieser Zeit vor allem auch Auflage. Zudem gehören zu einem Interview zwei und offenbar hielt auch Putin die Zeit für gekommen, dem westlichen Publikum einmal seine Sicht der Dinge zu erläutern.

Das Interview wurde am 5. Januar in Sotschi geführt, veröffentlicht wurde es sechs Tage später. Man kann davon ausgehen, dass zwischen beiden Seiten intensiv um Formulierungen gerungen wurde, bevor die endgültige Freigabe erfolgte.

Bemerkenswert ist, dass Teil 1 des Gesprächs unter der nichtssagenden Überschrift „Warum Putin Merkel mit seinem Hund erschreckte“ erschien. Diese nimmt Bezug auf eine bedeutungslose Episode aus dem Jahr 2007! Möglicherweise ist der Aufmacher dem Interesse der Leserschaft an „Human Interest“-Geschichten geschuldet – mal ganz abgesehen davon, dass Putin Merkel selbstverständlich nicht bewusst erschreckt hatte. Erst der tags darauf veröffentlichte zweite Teil steht dann tatsächlich unter einem aktuellen und bedeutsamen politischen Statement: „Wir wollen keine Supermacht sein“.

Naturgemäß kann sich die Bild-Zeitung diverse Spitzen gegenüber dem russischen Präsidenten nicht verkneifen. Schon im Vorspann heißt es: „Wladimir Putin erklärt seine Welt“ Diese „Gebrauchsanleitung“ bezieht sich auf die wesentlichen strittigen Themen: „Die Nato ist aggressiv, Angela Merkel ehrlich. Und eine russische Krim göttliche Gerechtigkeit“ heißt es da möglicherweise bewusst holprig.

Auch der vor Teil 2 angebrachte Vermerk der Bild-Redaktion „Was an Fakten objektiv nicht in sein Bild passt, weist er notfalls einfach zurück, so bleiben Fragen offen“, kann weder inhaltlich überzeugen, noch erscheint er notwendig. Wenn man dem Kreml-Chef schon eine Plattform bietet, dann lautet die Devise: Putin nur mit Warnhinweis.

Eine Schlüsselstelle des Interviews ist Putins Hinweis auf die Arbeit der Medien in Deutschland: „Auch mit anti-russischer Propaganda ist es den Massenmedien in Deutschland nicht geglückt, diese Sympathie zu beschädigen …“

Auf Nachfrage verdeutlicht Putin: „…natürlich stehen die Medien in Deutschland unter erheblichem Einfluss aus dem Land auf der anderen Seite des Atlantiks.“ Bild antwortet mit dem ebenso dürren wie falschen Satz „Das wäre uns neu.“ Dabei müssen es gerade die beiden frisch ertappten Interviewer Dieckmann und Blome besser wissen. Einer der fünf zentralen Unternehmensgrundsätze des Hauses Springer (Ziffer 3) lautet unmissverständlich:

„Die Unterstützung des transatlantischen Bündnisses und die Solidarität in der freiheitlichen Wertegemeinschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika.“ Immerhin kommuniziert der Verlag offen seine Ausrichtung.

Ebenfalls ein interessanter Punkt ist Putins dürre Antwort auf die Frage nach einer möglichen Teilnahme an der bevorstehenden Münchner Sicherheitskonferenz: „Ich werde nicht nach München kommen.“ Das wirkt ungewöhnlich kurz angebunden, zumal Putin über weite Strecken des Interviews ziemlich aufgeräumt wirkt und auch bei kontroversen Themen ausführlich antwortet. Es ist also durchaus möglich, dass Putin an dieser Stelle ursprünglich erläutert hatte, warum er nicht kommen werde. Der kühle Empfang, ja die Häme, die seinem Außenminister im Vorjahr entgegenschlug, ist ihm mit Sicherheit präsent.
© Ralph Malisch – Smart Investor

 

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