Löcher in der Matrix: Putin im “Goldrausch”

26. Februar 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Ralph Malisch

„Warum Putin gerade wie im Rausch Gold kauft“ (welt.de, 25.2.2016)

Es ist ein Glücksfall der Hauptstrompublizistik, wenn sich die Begriffe „Gold“, „Rausch“ und „Putin“ zwanglos zu einer Überschrift kombinieren lassen. Da darf sich der Leser auf ein Erklärstück der besonderen Art freuen.

Schon in der Unterüberschrift scheinen die beiden Autoren aus dem entrüsteten Kopfschütteln gar nicht mehr herauszukommen: „Trotz”, ja, trotz “der Finanznot stockt Russland die Goldreserven so stark auf wie lange nicht mehr.“ Anstatt unter dem Sanktionsregime einfach zusammenzubrechen, sinnen die Russen auf Alternativen.

Unerhört. So war das natürlich nicht gedacht.

Offenbar aber kauft Putin gar nicht „wie im Rausch“, sondern „verfolgt damit einen Plan“. Als ob es der Mainstream-verbildete Leser nicht ohnehin geahnt hätte. Der verschlagene Russe täuscht einen Kaufrausch vor, um seine wahren Absichten zu verschleiern:

„Es ist ein stiller Angriff auf die Übermacht des Dollar. Eine Unabhängigkeitserklärung, ausgerufen im Geheimen.“

Nun mag der eine oder andere auf den Gedanken kommen, dass Unabhängigkeit an sich doch etwas durchaus Sympathisches ist, besonders wenn es dabei gelingt, sich aus einer fremden „Übermacht“ zu lösen. So wollten es die Autoren allerdings weder in Bezug auf die Übermacht des Dollar, noch auf die Abhängigkeit der Russen verstanden wissen. Sie stellen klar, was gemeint ist:

„Während die Politik einen neuen Kalten Krieg zwischen Moskau und dem Westen fürchtet, hat er im Finanzsektor längst begonnen.“

Der Erwerb von Gold als kriegerischer Akt? Diese Botschaft sollten auch heimische Goldkäufer aufmerksam lesen. In dem Maße nämlich, wie das Thema Gold politisiert wird, könnten sie schon bald als „Fünfte Kolonne Moskaus“ unter Generalverdacht geraten.

Da ist es dann nur noch eine Frage der Zeit, bis unsere alternativlose Bundesregierung mit einer Kampagne

„Gold gab ich für Flüchtlinge“

startet, damit das barbarische Metall wenigstens noch einer sinnvollen Verwendung zugeführt wird. Niemand soll im Übrigen glauben, Putin wolle sich da nur einer fremden Übermacht entwinden – was ja völlig legitim wäre. Nein, nein, dahinter verberge sich

„nichts weniger als die Formulierung eines globalen Machtanspruchs“.

Gut, dass wir darüber gesprochen haben.

Nur der Vollständigkeit halber sei erwähnt:

„Ökonomische Gründe hat die Aufstockung der Reserven wohl kaum.“

Zumindest wurde uns diesmal der Hinweis erspart, dass man Gold nämlich auf gar keinen Fall essen kann, weshalb das zinslose Metall eben auch sinnlos sei. Die Autoren raten Putin angesichts „der schwersten wirtschaftlichen Krise seit den 90er-Jahren“, bei der der Rubel „fällt und fällt“ etwas anderes:

„Das Land könnte daher jeden Dollar gut gebrauchen“.

Russland sollte sich also teuer die Währung genau des Landes beschaffen, das Russland konsequent einkreist, mit Sanktionen belegt und – wie die Autoren selbst schreiben – das Russland mit dem Dollar „unter Druck“ gesetzt hat? Die Russen können froh sein, dass Putin seine Investitionstipps nicht aus dem bundesdeutschen Blätterwald bezieht.

Bei den “rauschhaften” russischen Goldkäufen ging es im Übrigen um ganze 20 Tonnen für den Monat Januar – zu aktuellen Kursen entspricht das gut 700 Mio. EUR. Würden die Autoren vor die Tür ihrer Redaktion treten, so stünden sie mitten in einem Land, das in seinem „grenzenlosen“ Rausch sehr viel mehr Geld deutlich schlechter investiert. Aber offenbar werden bereits 20 Tonnen Gold in den Händen “des Russen” als so bedrohlich empfunden, dass im neuen Kalten Krieg die Tastaturen in Stellung gebracht werden müssen.
Ralph Malisch – Homepage vom Smartinvestor

 

5 Kommentare auf "Löcher in der Matrix: Putin im “Goldrausch”"

  1. longguss sagt:

    ja wenn man seine Währung mit Gold hinterlegen will braucht man erst mal Gold,China braucht auch viel davon,und wenn´s denn so ist, machts dann puff mit dem Dollar?

  2. toter_esel sagt:

    Nachdem ich in einem renommierten Düsseldorfer Wirtschaftblatt mal gelesen hatte, welchen Marktwert ExxonMobil als grösster Mobilfunkanbieter hätte, habe ich mir angewöhnt, aufmerksam nur noch die Leserkommentare zu verfolgen. Das schont die Nerven und erweitert den geistigen Horizont.

    Andererseits kann man aus den copy-paste-Ergüssen auch ableiten, wohin man die Masse lenken will.

    Zu Exxon könnte man heute sagen: Öl kann man auch nicht essen, verursacht Umweltschäden, wirft keine Zinsen ab und verursacht neuerdings enorme Lagerhaltungskosten.

  3. chris rahn sagt:

    20 Tonnen?! Wer weiss – vielleicht ist das ja bereits mehr als der aktuelle Restbestand in Fort Knox und schlägt deshalb solche „Hauptstrom-Wellen“ …

  4. Ingo sagt:

    Ich habe den Artikel auch gelesen. Und ich kann mich nicht daran erinnern, jemals etwas dümmlicheres gelesen zu haben. Mich hat es geschaudert. Das soviel plattheit möglich ist, hätte ich nicht gedacht. Es heißt immer „Welt ist die Bild-Zeitung für Abiturienten“…. das ist definitiv falsch. Bild ist die Welt für Abiturienten.

  5. Skyjumper sagt:

    Es sei mal unbestritten, dass die westlichen Sanktionen der russischen Wirtschaft, und damit auch den russischen Staatseinnahmen insgesamt gesehen nicht gut bekommen. Zumindest kurz- und mittelfristig wird da einiges an Porzellan zerschlagen.

    Aber woher nehmen die Autoren eigentlich ihr Wissen dass die Russische Zentralbank beim Kauf der 20 Tonnen Gold die ach so nötigen Dollars benötigt hat? Immerhin ist Russland der 3. größte Goldförderer der Welt und könnte genausogut bei den eigenen Mienen gegen Rubel gekauft haben.

    Überhaupt: Der Rubel. Immerhin haben die Autoren noch erkannt dass der Rubel fällt und fällt. Nur die Folgen davon scheinen die beiden Schlaumeier höchst selektiv betrachtet zu haben. Gazprom, Lukoil, Rosneft …….. all die russischen Rohstoffgiganten verbindet, dass sie ihre Rohstoffe zumeist gegen US-$ verkaufen. Nun kriegen sie davon dank der niedrigen Öl- (und sonstiger) Rohstoffpreise zwar immer weniger, aber durch den abgestürzten Rubelkurs macht sich das in der Bilanz dieser Unternehmen (Rubelbasiert) – und damit auch den Steuereinnahmen des Staates – bei weitem nicht so stark bemerkbar wie das von westlichen Möchtegern-Disziplinierern gewünscht war.

    Merke:
    1 Barrel Öl zu 100,- US-$ * 35,- Rub/$ = 3.500,- Rubel (Mitte 2014)
    1 Barrel Öl zu 35,- US-$ * 75,- Rub/$ = 2.625,- Rubel (aktuell)
    ziemlich exakt macht das 25 % weniger Einnahmen in der Heimatwährung.

    Die amerikanischen Öl-Firmen schmerzt es mehr. Die haben 65 % weniger in ihrer Heimatwährung. Es kommt bei russischen Unternehmen und beim russischen Staat eben nicht ausschließlich darauf an dass der Dollar rollt, sondern darauf dass der Rubel rollt.

    Denn auch wenn das den Autoren vielleicht vollkommen unbegreiflich ist: Der größte Teil der russichen Staatsausgaben (Löhne, Renten, Militärausgaben etc.) muss immer noch in Rubel bezahlt werden.

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