Löcher in der Matrix – Europa, reloaded

25. Juni 2016 | Kategorie: RottMeyer

Für unsere Heftkategorie „Löcher in der Matrix“ sammeln wir laufend Erstaunliches und Schräges aus der Welt der Medien. Unser wöchentliches Update…

von Ralph Malisch

„Brexit – Europas schwarzer Tag“ (bild.de, 24.6.2016)

Weniger ein Loch in der Matrix, als unser Kommentar zum Brexit-Votum der vergangener Nacht. War dies wirklich „Europas schwarzer Tag“, oder wurden wir Zeugen einer Sternstunde der europäischen Demokratie?

Die Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten wie es der allgemeine Katzenjammer des Festland-Mainstreams nahezulegen scheint. Diese Abstimmung war auch eine Abstimmung über das zunehmende Chaos auf dem europäischen Festland, die Angst vor einer Ausbreitung „deutscher Verhältnisse“.

Wie sich die Zeiten geändert haben. Während die Bundesrepublik über Jahrzehnte für ihre Verlässlichkeit und ihren Sinn für das Machbare geschätzt wurde, taumelt sie nun als „loose cannon“ durch den Kontinent – unter sogenannten Eliten, die sich vor allem an ihrer eigenen, weltfremden Gesinnungsethik berauschen.

Darüber freilich schweigt der bundesdeutsche Mainstream ebenso wie alle „Europapolitiker“, die die Verantwortung für den Brexit alleine beim britischen Premier David Cameron sehen wollen. Sein „historischer Fehler“ bestehe darin – und darin sind sich alle EU-Antidemokraten einig –, das Volk um seine Meinung gefragt zu haben.

Das haben wir doch noch nie so gemacht, tönt es sinngemäß schon den ganzen Tag aus Brüssel und vielen anderen Hauptstädten des Kontinents. Mit dem Austritt des ersten Landes aus der Europäischen Union werden in den Geschichtsbüchern neben David Cameron eben auch die Namen von Jean-Claude Juncker, Martin Schulz und Angela Merkel untrennbar verbunden sein. Rücktritte sind von den letzten Dreien allerdings kaum zu erwarten – aus „Verantwortung für Europa“ versteht sich.

Überhaupt werden viele der heute verfassten Analysen nur eine kurze Halbwertszeit haben. Viel wird davon abhängen, wie rational sich alle Beteiligten im Austrittsprozess verhalten. Die Bürger ganz Europas dürfen erwarten, ja müssen einfordern, dass die jetzt verschmähte Brüsseler Braut keinen Rosenkrieg anzettelt, sondern beide Seiten auf eine Trennung unter freundschaftlichen Vorzeichen hinwirken. Die freundschaftliche Verbindung der europäischen Völker ist ein ungleich höheres Gut als alle Eitelkeiten der „Europapolitiker“, die im Wesentlichen ohnehin nur zweite Garde sind.

Für die EU wird das in jedem Fall der schwierigere Part: Kommt sie den Briten zu weit entgegen, könnte das ebenso Nachahmer auf den Plan rufen wie eine zu harte Haltung, die die in vielen Ländern ohnehin vorhandenen Ressentiments gegen Brüssel weiter verstärkt.

Auch wenn es heute wieder einige gibt, die es vorher besser gewusst haben wollen, wir gehören nicht dazu. Alle Indikatoren deuteten unmittelbar vor der Abstimmung auf ein Scheitern der „Brexiteers“: Die Umfragen waren noch am gestrigen Morgen bei 50:50 und neigten sich im Tagesverlauf zu Gunsten der EU-Befürworter – allerdings wird hier oft ohne innere Anteilnahme oder nach sozialer Erwünschtheit geantwortet.

Auch die Art der Frage nimmt Einfluss auf das Ergebnis. Diese Effekte sind bei den Buchmachern weitgehend ausgeschlossen – weil dort Geld eingesetzt wird und weil es deshalb nicht um das Gewünschte, sondern um das Wahrscheinliche geht. Die Quoten deuteten aber sogar noch stärker auf einen Verbleib der Briten in der EU als die Umfragen. Schließlich signalisierten die Märkte seit Montag, dass das Thema „abgehakt“ sei. Und obwohl auch Märkte die Zukunft nicht kennen, sind sie – von Übertreibungen abgesehen – gar nicht so schlecht darin, sich der Zukunft entgegen zu tasten. Auch sie lagen diesmal daneben. Hätte die Stimmung dort in der ersten Wochenhälfte nicht gedreht, wären heute die Überraschung und damit die Fallhöhe geringer gewesen.

Man sollte die Marktreaktionen vom Freitag also nicht überbewerten. Einige große Wetten sind schiefgelaufen. Ganz so schlimm, wie es die Paniktiefs andeuten wird es aber wohl nicht kommen.

In dem Maße, wie sich Großbritannien vom Brüsseler Bürokratiemonster befreit, kann der Brexit letztlich durchaus auch eine Erfolgsgeschichte werden. Wenn man an Wettbewerb glaubt – und das tun wir – dann wird ein Wettstreit der Systeme für die Menschen in Europa im Endeffekt mehr Wohlstand und mehr Freiheiten bringen als der zentral gelenkte EU-Einheitsstaat. Der gerät vor allem dann unter Druck, wenn die Briten perspektivisch tatsächlich ihren Weg machen. Falls dem aber so sein sollte, dann gibt es keinen Grund dem Irrweg der Brüsseler Superbürokratie nachzuweinen – außer man ist EU-Beamter oder EU-„Abgeordneter“.

Vielleicht erweist sich der gestrige Tag rückblickend einmal als der entscheidende Schritt in Richtung eines „Europas der Vaterländer“ (Charles de Gaulle), vielleicht sogar als einer in Richtung eines Europas starker Regionen. In einer solchen Konstellation könnte Politik sogar wieder ein Stück ehrlicher und verantwortungsvoller werden, weil sie sich dann nicht länger hinter Brüsseler Richtlinien verstecken kann, die sie angeblich nur umsetzt. Die Chance für ein besseres Europa besteht – Europa, reloaded.
©Ralph Malisch – Homepage vom Smart Investor

 

5 Kommentare auf "Löcher in der Matrix – Europa, reloaded"

  1. Reiner Vogels sagt:

    Daß der Sieg der Leave-Befürworter ein Sieg der Demokratie war, erkennt man sofort, wenn man sich vor Augen hält, daß die EU total undemokratisch ist. Weder wird das Parlament nach der Regel „one man – one vote“ gewählt noch sind die exekutiven Spitzen der EU wie etwa die Kommission aus einer demokratischen Wahl hervorgegangen.

    Wenn das souveräne britische Volk nun in einem Referendum beschlossen hat, sich von dieser undemokratischen Machtstruktur zu befreien und sein Selbstbestimmungsrecht (Art. 1 der UN-Charta) zurückzugewinnen, so ist das ein grandioser Tag für die Demokratie in Europa.

    Was die ökonomischen Aussichten Britanniens betrifft, so bin ich optimistisch. Das Land befreit sich nicht nur von den gigantischen Transferzahlungen für die EU, sondern es kann jetzt endlich, wie es jahrhundertealter britischer Tradition entspricht, befreit von Brüsseler Gängelungen freie Marktwirtschaft praktizieren. Es gibt keinen besseren Weg zum Wohlstand. Würde Großbritannien dagegen in der EU bleiben, würde es nolens volens mit in das französische, auf Colbert zurückgehende Modell der Staatswirtschaft und des Interventionismus seitens unfähiger MInisterialbürokratieen hineingezogen.

    Und daß es im wohlverstandenen Eigeninteresse der Rest-EU gehört, keine neuen Handelsbarrieren zum vereinigten Königreich aufzubauen, beweist schon die Tatsache, daß z.B. Deutschland sehr viel mehr Waren nach Großbritannien verkauft als es von dort importiert.

    Wenn erst der erste Zorn verraucht ist, werden die Staaten der Rest-EU nach ihren Interessen fragen, und sie werden erkennen, daß ein funktionierender Handel mit Großbritannien in ihrem ureigenen Interesse liegt.

  2. Argonautiker sagt:

    Es wäre auch denkbar, daß auch dieser Volksentscheid nach einer Einführung einer „alternativlosen Neuerungen“, plötzlich einfach unter den Tisch fällt. Wäre ja auch nicht neu. Die Griechen wollten ja auch per Volksentscheid raus, und haben Tsirpas gewählt, weil dieser dafür stand, daß er Griechenland aus der EU bringt. Getan hat er es dann nicht. Also daß ein Volksentscheid auch zur Umsetzung kommt, ist alles Andere als Gewiß. Leider. Das es eine Antwort seitens der EU darauf geben wird ist um so gewisser.

  3. Frank Frei sagt:

    Die Briten raus aus der EU Wirtschaftszone? Werden jetzt etwa die britischen, Wirtschaftsexportschlager teuer, die ich so liebe, wie, „Fish&Chips“, Rollx Roys“, Tabletten von „GlaxoSmithKlein“ und meine geliebten „Tweet-Jacken“?

  4. samy sagt:

    Wie titelte neulich eine Zeitung? „Brexfugees welccome“ .

    Aber mal ehrlich, ausgetreten sind die noch lange nicht. Der Ausstritt ist nur um einiges wahrscheinlicher. Viel wahrscheinlicher, mehr zunächst aber nicht.

    In den Augen der Plutokraten hat das Volk nicht zu bestimmen. Man wird nun nervös alles daran setzen den Riss in der Matrix zu flicken. Auch ein zweijähriges Gezerre im Stile Varoufakis-Schäuble ist nun denkbar. Ironischer Weise würde damit wieder die Entscheidungsunfähigkeit der EU offengelegt, somit die Brexit-Befürworter bestätigt.
    Ich sehe schon wie die Queen in Brüssel den Gang nach Canossa antritt. Um Zeit bittend, für ein weiteres Referendum. Als ob das Königshaus -die Firma- riskiert demnächst die Niederlassungen in Schottland und Irland schliessen zu müssen. Die Spin-Doctor’s dürften schon nach Wegen suchen.

    Ein Anekdote am Rande offenbart noch einen kleinen Riß in der Matrix. DER SPIEGEL musste 350 000 seiner Exemplare vernichten lassen. Man wollte bereits das Scheitern des Brexit verkünden. Trotzt denkbar knapper Umfrageergebnisse in der Nacht zum Donnerstag. Nachrichtenmagazin? Lebt man dann nicht davon danach zu berichten?

    Interessant war auch die Klage die in den Medien hin und her ging, die Alten würden nun den Jungen die Zukunft ruinieren. Eine Generation seit verkauft worden. Schaut man genau hin, so kippte die Meinung zugunsten des Brexit aber bereits in der Altersgruppe zwischen 45-55 Jahren. Somit ist die Aussage nur tendenziell richtig. Mann muss den durchschnittlich 50-Järigen nämlich schon gestatten, dass sie nicht gedenken innerhalb der nächsten 30 Jahre über die Wup … ähm Themse zu gehen. Das sie nicht gdenken täglich am Testament feilen.
    Man könnte sogar argumentieren, dass Menschen in diesem Alter gerade Karriere machen, ggf. Führungsverantwortung tragen und sich bestens mit wirtschaftlichen Fragen auskennen. Es sei denn, sie zählen zu den Verlieren der Globalisierung. Das würde auch das Verhalten erklären. Und Kinder! Menschen in diesem Alter haben oft Kinder, die gerade in das Erwerbsleben gehen. In dessen Ausbildung sie investiert haben. Warum sollten sie diese Generation verkaufen?
    Und überhaupt, warum sollten die Stimmen der jüngeren Generation wertvoller sein? Sie verfügt zwar über mehr Lebenszeit, daher jedoch über weniger Lebenserfahrung. Sie ist verführbarer.

    Na ja, „Wir schaffen that“. Auch so eine Schlagzeile der letzten Tage …

    VG

  5. Lickneeson sagt:

    Schon eigenartig. Heutzutage scheint es keine „gerechte Wahl“ mehr zu geben. Früher wurden nur „Wahlen“ irgendwo in Afrika oder in sozialistischen Ländern misstrauisch beäugt, bzw. sofort das Ergebnis angezweifelt. Heute erleben wir das wie es scheint z. B. in Österreich oder jetzt in „Small Britain“. Kaum zu glauben, aber schon Stunden nach dem Exit wollen (bis jetzt) ca. 2 Mio. Bürger ein neues Referendum, weil sie mit dem Ergebnis unzufrieden sind. Ach so, es wird einfach sooft gewählt bis das Ziel erreicht wird. Aha.Das erinnert doch arg an „Asterix auf Korsika“. Dort werden bei der Wahl eines Stammeshäuptlings erst die Stimmen in die Wahlurne gesteckt, dann wird die Urne ins Meer geworfen und am Ende gewinnt der Stärkere. Hmmm. Könnte eine interessante Variante auch in Europa werden.

    Mal im Ernst, das Referendum mit all seinen absurden Nebenschauplätzen und Laiendarstellern lässt vor allem eines vermissen. Seriosität, Sachlichkeit und einen klaren Willen.Daran mangelt es leider allen europäischen Hauptdarstellern seit Jahren. Die Politik ist eher zu einer Losbude der Eitelkeiten geworden, wo die Protagonisten um Wahlen herum sich dem Volk medial anbiedern um die nächsten vier/fünf Jahre bequem und tatenlos in ihren Parlamenten zu entschlummern. Manch einer gibt sogar vor der Kamera zu, manchmal müsse man die Leute halt belügen. Oder wie unser Innenminister sagte: Die Wahrheit würde die meisten Menschen verunsichern. Vielen Dank.

    Mir persönlich ists egal, ob die Briten dabei sind oder nicht. Solange sich an den EU -Strukturen und an dem Umgang mit den Bürgern nichts ändert wird der Eurobus auf holpriger Strecke weiter Teile verlieren. Zuerst Holland, dann Frankreich und dann könnte man den Krämerladen auch schliessen. Es genügt nicht wirtschaftliche Rahmenbedingungen zu schaffen, die es grossen Konzernen und Banken erlauben sich dumm & dämlich zu verdienen und die Arbeitnehmer über Entsendegesetze und Lohndumping gegeneinander auszuspielen. Das ist der Nährboden für Rechtspopulisten und nicht stumpfer Fremdenhass.
    Die Flüchtlingspolitik ist nur der Dünger für die Saat, und je länger Europa zögert, desto schneller wächst der Mist. Wer sich das Wahlergebnis in England anschaut merkt schnell, das vor allem Ältere „rauswollten“. Multikulti ist tot, das ist naive Waldorfpolitik. Geordnete Einwanderungspolitik und begrenzte Asylanträge machen Sinn, mediales „Grenze auf – heute tun wir mal was Gutes“ hilft leider nur der Einschaltquote.

    Eines kann man mal daraus lernen. Es ändert absolut nichts an einem Problem, wenn man den Verkünder diffamiert und ihn politisch ausgrenzt. Ganz im Gegenteil. Man sollte also mit der AfD reden und ihre Schwächen aufzeigen, anstatt sich kindisch von Diskussionen fernzuhalten.

    MfG

    PS: Schade, das man uns nicht fragt…

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.