Löcher in der Matrix – „Die Rechnung, bitte!“

3. März 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Ralph Malisch

Für unsere Heftkategorie „Löcher in der Matrix“ sammeln wir laufend Erstaunliches und Schräges aus der Welt der Medien.

„Zahl reicher Auswanderer springt in die Höhe: Tausende Millionäre verlassen Deutschland“ (manager-magazin.de, 27.2.2017)

Viel ist in den letzten rund eineinhalb Jahren über Zuwanderung die Rede. Angesichts der Massen von Menschen, die – aus welchen Motiven auch immer – nach Europa und insbesondere nach Deutschland drängen, ist das nur zu verständlich. Was bei der Fokussierung auf die vielen „geschenkten Menschen“ (Katrin Göring-Eckardt), die uns etwas bringen, das „wertvoller als Gold“ ist (Martin Schulz), etwas aus dem Blick geriet: Einige derjenigen, „die schon länger hier leben“ (Angela Merkel), leben gar nicht mehr hier.

Darauf macht zumindest dieser Beitrag des Manager Magazins aufmerksam. Konkret geht es um die Gruppe der Millionäre, also Menschen mit einem Vermögen von mehr als einer Million US-Dollar, die sich ohne großes Aufheben in einen Flüchtlingsstrom der besonderen Art eingereiht haben.

Viertausend sind es im vergangenen Jahr gewesen, die – aus welchen Motiven auch immer – Deutschland erst einmal Lebewohl gesagt haben und künftig das bunte Treiben nur noch von außen betrachten. Die Zahl, so erfahren wir, ist „binnen Kurzem sprunghaft gestiegen“. „2015 waren demnach etwa 1.000 Millionäre aus Deutschland ausgewandert, in den Jahren zuvor dagegen habe die Anzahl höchstens im niedrigen dreistelligen Bereich gelegen …“

Wer die grenzenlose Zuwanderung nicht beanstandet, wird schwerlich ein stichhaltiges Argument gegen eine ebenso grenzenlose Abwanderung finden – nicht einmal bei jenen Reichen und mutmaßlichen Leistungsträgern, die dazu auserkoren sind, auch dieses Gesellschaftsexperiment zu finanzieren.

Während den einen der Weg ins Land durch beispiellos üppige Sozialetats geebnet wird, werden den „Republikflüchtlingen“ im Wege der Wegzugsbesteuerung noch ein letztes Mal Steine in den Weg gelegt. Trotzdem lässt sich eine dramatisch gewachsene Zahl von Reisenden nicht mehr aufhalten: „Die Rechnung, bitte!“

Hinter beiden Wanderungsbewegungen stecken Anreize. Jeder wird dorthin wandern, wo er sich so sehr zu verbessern hofft, dass er die Wanderung auf sich nimmt. Ob die erhoffte Verbesserung tatsächlich eintritt, steht auf einem anderen Blatt.

Je höher die Sozialleistungen eines Staates und damit fast zwangsläufig auch die Steuersätze, desto attraktiver ist ein solches Gemeinwesen für die Nettoempfänger, aber desto unattraktiver wird es für die Netto-Einzahler.

Stimmen beide Gruppen mit den Füßen ab, wächst die Nettoempfänger-Gruppe verstärkt, während die Gruppe der Netto-Einzahler beschleunigt schrumpft. Dazu kommen bei solchen Anreizen noch Effekte der „innerlichen Kündigung“. Die Auswirkungen auf den Staatshaushalt – sinkende Einnahmen, steigende Ausgaben – sind perspektivisch verheerend.

Ein Umdenken ist dennoch nicht zu erwarten, da die wachsende Empfängergruppe die Politik „demokratisch legitimiert“, die schrumpfende Einzahlergruppe noch stärker zur Ader zu lassen – aus Gründen der „Gerechtigkeit“ versteht sich. Das Kapital ist eben, das wusste schon Karl Marx, „ein scheues Reh“ und wittert solche Entwicklungen sehr viel früher als Otto Normalbürger. Und es zieht die richtigen Konsequenzen, bevor die Grenze – diesmal wegen Fluchtgefahr – wieder dicht gemacht wird.

© Ralph Malisch – Homepage vom Smart Investor

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8 Kommentare auf "Löcher in der Matrix – „Die Rechnung, bitte!“"

  1. markus45 sagt:

    „nicht einmal bei jenen Reichen und mutmaßlichen Leistungsträgern“
    Ich sehe da keine Korrelation zwischen Reichtum und Leistungsträgern. Menschen, die ihr ererbtes Vermögen verwalten, gehören für mich nur selten zu letzteren Kategorie. Und ein reicher Mittelständler, der erfolgreich sein Unternehmen führt, ist für mich nicht mehr
    Leistungsträger als eine Krankenschwester, die ihre Frau bei Nachtschichten steht.

    • Skyjumper sagt:

      @markus45
      Für die Richtigkeit Ihrer Aussage müssen Sie „Leistung“ auf eine bestimmte Art definieren, was Sie offensiuchtlich auch tun (siehe Ihr Beispiel Mittelständler vs. Krankenschwester). So gesehen fällt es mir auch gar nicht schwer Ihnen zuzustimmen.

      Allerdings ist „Leistung“ ja zunächst einmal nur ein grober Oberbegriff für das messen von was-auch-immer. Das „was-auch-immer“ kann dabei vielfältiger Natur sein. Nehmen wir als ein anderes Beispiel einmal das Nettoeinzahlungsverhalten in unser Staatswesen. Laut Statistik sind es nur noch etwa 15 % unserer Bevölkerung die per Saldo mehr zu den Staatsfinanzen beitragen als sie auf (unterschiedlichste Weise) wieder herausziehen.

      Im Kontext des Beitrages von Ralph Malisch betrachtet vermute ich mal, dass Malisch seine Definition von Leistungsträger eher so vorgenommen hat. Schließlich geht es im Beitrag um die Leistungen die der Staat seinen Mitgliedern angedeihen lässt. Und Leistungsträger sind dann diejenigen die mehr einzahlen aus rauskriegen. Und sicherlich wird ein Millionär tendenziell eher mehr in den Staatstopf einzahlen als er herausbekommt.

      Die Moral des Beitrags ist doch eigentlich simpel und trifft auf jegliches System zu dass sich das Solidaritätsprinzip auf die Fahnen geschrieben hat. Viele (denen es gut oder zumindest besser geht) müssen etwas abgeben, damit wenigen (denen es schlechter geht) etwas gegeben werden kann. Wenn sich allerdings das System quantitativ umkehrt ist es pervertiert und läuft Gefahr gänzlich zusammenzubrechen.

  2. DonSarkasmo sagt:

    @Markus45 und Skyjumper
    Ich frage mich außerdem, wieviele Arbeitsplätze diese „Leistungsträger“ zur Verfügung gestellt haben, die in Zukunft durch Firmenschließungen möglicherweise wegfallen ? Wäre auch eine interessante Überlegung, nicht wahr ?

    • Skyjumper sagt:

      Ist es. Aber eine seriöse Antwort kann man wohl kaum geben (ohne genauere Kenntnis der Grundlagen). Wieviele der Millionärs-Auswanderer waren Unternehmer mit Firmen die Arbeitsplätze stellten? Wieviele waren einfach nur reich? Wieviele derjenigen mit Unternehmen haben ihre Unternehmen mitsamt der daran gebundenen Arbeitsplätzen verkauft bevor sie auswanderten? Zuviele Fragezeichen. Aber zweifelsohne werden durch diese Vermögensauswanderung auch Arbeitsplätze vernichtet worden sein. Und das wären dann nur die direkten Arbeitsplätze. Die Arbeitsplätze die durch den unterlassenen Konsum in DE auf inderekt wegfallen lassen sich noch schwerer quantifizieren.

      Noch gravierender ist aber mutmaßlich der Effekt der auch im Beitrag angesprochenen „inneren Kündigung“. Wenn diejenigen die es sich leisten können einfach beschliessen dass die Höhe der Abzüge es einfach nicht lohnt das Hamsterrad noch etwas schneller anzutreiben. Das vielmehr die halbe Geschwindigkeit auch reicht um über die Runden zu kommen. Wenn sich das ausbreiten sollte ist dunkeltuten in Deutschland angesagt. Dann gibt es nämlich nichts mehr umzuverteilen.

  3. bluestar sagt:

    Zum Thema Steuer-Leistung.
    Die obere 1% der Steuerpflichtigen zahlt 22,2% der Einkommenssteuer, obwohl der Anteil am Gesamtbetrag der Einkünfte lediglich bei 11,6% liegt. Die oberen 5% der Steuerpflichtigen zahlen 42,2% der Einkommenssteuer, obwohl der Anteil am Gesamtbetrag der Einkünfte lediglich bei 25,4%liegt. Dagegen zahlen 50% der Steuerpflichtigen nur 5,5% der Steuern.
    Da die 50% auch 50% der Wählerschaft stellen ist doch klar wohin die Reise geht in Deutschland. Entsprechende Ankündigungen vom Super-Martin tragen ja schon fette Früchte bei den Umfragewerten.

    • Skyjumper sagt:

      @bluestar
      Die isolierte Betrachtung der Einkommenssteuer/Lohnsteuer ist zu simpel. Auch wenn die von Ihnen genannten Zahlen gerne genommen werden um auf die hohe Belastung der einkommensstarken Schichten hinzuweisen. Die Verbrauchssteuern (Mehrwertsteuer, Versicherungssteuer, Tabak-, Branntwein-, Mineralölsteuer etc. etc.) betreffen nämlich z.B. alle gleich. Auch hier zahlen die einkommensstärkeren zwar in absoluten Zahlen gesehen das meiste, bezogen auf das Einkommen sind die meisten aber prozentual geringer belastet als die einkommensärmeren.

      Im Endergebnis kommt bei Ihrer Betrachtung zwar das gleiche heraus, aber es ist zu angreifbar 🙂 Und da sich Heerscharen von Statistikern damit beschäftigen das ganze umfassend zu ermitteln und auszuwerfen sollte man es den Möchtegern-Umverteilern nicht zu leicht machen der eigenen Argumentation Knüppel zwischen die Beine zu werfen.

    • Avantgarde sagt:

      Die obere 1% der Steuerpflichtigen zahlt 22,2% der Einkommenssteuer
      —————
      Na und?
      Die veranlagte Lohnsteuer ist um etwa den Faktor 3,5 höher als die veranlagte Einkommensteuer.

      Das obere 1% braucht gewiss kein Mitleid.

    • Skyjumper sagt:

      @Avantgarde
      Vorsicht. Der Teufel ist manchmal ein Eichhörnchen. In der Statistik ist die Lohnsteuer (knapp 180 Mrd.) nur ein Teilstück der Einkommenssteuer. Genauso wie die veranlagte Einkommenssteuer (~46 Mrd.). Die Differenzierung besteht lediglich in der Erhebungsart.
      Der „arme“ Topmanager mit seinem Jahreseinkommen von 200 T€ zahlt Lohnsteuer, der „reiche“ selbstständige Schuhputzer mit einem Jahreseinkommen von 20 T€ rangiert unter veranlagter Einkommenssteuer.

      Die genannten 22,2 % der Top-1 beziehen sich auf die gesamten ~226 Mrd. Mitleid ist trotzdem nicht unbedingt angebracht, aber man sollte schon anerkennen, wenigstens aber wissen, dass es eben nur noch die oberen 15 % sind die die GESAMTE Party unterm Strich bezahlen.

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