Löcher in der Matrix – Die Exekutive mit Arschgeweih

21. November 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Stefan PreußSmart Investor

Für unsere Heftkategorie „Löcher in der Matrix“ sammeln wir laufend Erstaunliches und Schräges aus der Welt der Medien. Unser wöchentliches Update…
„Bundespolizei will tätowierte Bewerber zulassen“ (zeit.de, 19.11.15)

Da dürfte den Lordsiegelbewahrern der standesgemäßen Etikette das Monokel herb auf den intarsiengeschmückten Lesetisch im Bibliothekszimmer geknallt sein: Bewerber mit sichtbaren Tätowierungen sollen für den Dienst bei der Bundespolizei zugelassen werden? Sichtbarer war der Niedergang des Abendlandes für jene, die Tattoos allenfalls als sichtbares Zeichen für den Impfstatus von Rassekaninchen akzeptieren, wahrscheinlich noch nie.

Es gibt eine epochale Abhandlung zum Thema, der gesellschaftspolitisch interessierte Leser kennt sich in dem Genre wahrscheinlich bestens aus: „Der feine Unterschied“ von Pierre Bourdieu arbeitet klassisch heraus, wie Herkunft und der daraus resultierende Habitus Karrieren befördert – oder auch nicht. Inkorporierte Bildung, die richtigen Manieren, soziales Kapital in Form von Beziehungen, es gibt viele Aspekte, die im sozialen Gefüge Einfluss nehmen.

Ein Aspekt bislang: Wer ein schrilles Piercing durch die Wange oder eine farbenfrohe Tätowierung am Hals besitzt, kann nicht Polizist werden. Jedenfalls nicht in Deutschland, denn da gehört sich so etwas nicht. Weil: Was soll denn der situierte, studierte, wertschöpfende, aber leider auch volltrunkene Autofahrer denken, wenn er von einem tätowierten Arm, der bislang in der obrigkeitsstaatlichen Sicht der Dinge auf zweifelhafte Herkunft, niedriges Bildungsniveau und unsteten Lebenswandel schließen lässt, an den Straßenrand gewunken wird? Nun soll sich dies ändern: Her mit der Exekutive mit Arschgeweih.

Distinktionsgewinn, würde Bourdieu sagen. Fachkräftemangel schallt es aus dem Innenministerium. Statt Minderqualifizierte ohne Tätowierung auszubilden könnte es sinnvoller sein, qualifizierte Bewerber trotz Tattoos einzustellen. Komisch: Warum ist diese Entscheidung eine Meldung auf allen Kanälen wert, und warum hat es seinerzeit bei Einführung der Regelung keinen Aufstand gegeben? Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich – bloß Tätowierte nicht? Wie auch immer: Tätowierungen sind soziale Tatsachen, und warum tätowierte Polizeibeamte ihren Dienst schlechter ausüben sollten also nicht tätowierte wird sich schwerlich begründen lassen.

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