Löcher in der Matrix: Big Data schlägt zurück

14. Januar 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Ralph Malisch

Für unsere Heftkategorie „Löcher in der Matrix“ sammeln wir laufend Erstaunliches und Schräges aus der Welt der Medien. Unser wöchentliches Update.

„Das Sturmgeschütz der Demokratie und die Steuerung der Lesermeinung“ (achgut.com, 12.1.2017)

Nicht nur uns hat in letzter Zeit der Gedanke beschlichen, dass in einigen Publikationen die Lesermeinung einigermaßen konsequent ausgeblendet wird. In der Vor-Internet-Zeit war das ohnehin der Normalfall. Da konnte man noch so viele Leserbriefe schreiben, aber die letzte Instanz für die Entscheidung, was davon veröffentlicht wurde, war die Redaktion selbst. Etwas anderes als eine handverlesene Lesermeinung fand ganz einfach nicht statt.

Erst das Internet hat dem Leser eine Stimme gegeben – und zwar eine ungefilterte.

Bei den ersten Gehversuchen der Printmedien in der Online-Welt wurden die positiven Aspekte noch hoch bewertet und die Kommentierung entsprechend gerne angeboten – Kundenbindung, Interaktivität und natürlich Klickraten. Erst mit der Zeit zeigten sich die Schattenseiten, denn es gab nicht nur Beifall für die Beiträge aus der Redaktion.

Viele selbsternannte und auch einige echte Experten wiesen gnadenlos auf Fehler, Versäumnisse oder Beeinflussungsversuche hin und übergossen ertappte Autoren mit Spott. Je kontroverser ein Thema diskutiert wurde, desto mehr schien in der Folge ein anderes Phänomen um sich zu greifen: Die Kommentarspalten wurden wieder geschlossen. Das zumindest war unser subjektiver Eindruck.

Nachzuweisen ist so etwas ohne entsprechende Daten allerdings kaum. Wer, motiviert durch solche Vermutungen, an eine entsprechende Untersuchung herangeht, der wird oft nämlich genau das bestätigt finden, was er ohnehin bereits zu wissen glaubte – eben weil er es finden will.

Und da kommt der Datenwissenschaftler David Kriesel ins Spiel, der vor dem 33. Chaos Communication Congress (33c3) des Hamburger Chaos Computer Club (www.ccc.de) einen ebenso launigen wie bemerkenswerten Vortrag über sein „SpiegelMining“-Projekt hielt.

Kriesel sammelte über bislang rund zweieinhalb Jahre die Daten von rund 100.000 Spiegel Online-Artikeln, einschließlich der an diesen Artikeln im Zeitablauf vorgenommenen Änderungen. Bei dieser ganz persönlichen Vorratsdatenspeicherung entstand eine mächtige Datenbank des Online-Auftritts eines der führenden deutschsprachigen Verlagshäuser. Und die erlaubt vielfältigste Auswertungen – „Rohdaten sind geil“, so Kriesel. Sie lassen beispielsweise Rückschlüsse auf die Geschäftspolitik oder darauf zu, welche Redakteure möglicherweise sehr viel besser miteinander befreundet sind, als im Hause bekannt ist.

Das Ganze ist also auch ein Lehrstück über das (Missbrauchs-)Potenzial, das sich aus der Kombination großer Datenbestände mit pfiffigen Auswertungsmethoden ergeben kann. „Wer denkt, Vorratsdatenspeicherungen und „Big Data“ sind harmlos, der kriegt hier eine Demo an Spiegel-Online“, heißt es im Begleittext zu dem knapp einstündigen Vortrag.

Tatsächlich bestätigte eine der Auswertungen auch unsere Vermutung. Bei SpiegelOnline ist die Zahl der kommentierbaren Beiträge im Betrachtungszeitraum dramatisch gesunken – von über 80% auf unter 50%. Dies allerdings ist keine Tendenz, die sich quer durch alle Ressorts oder Themen zeigt, sie ist vielmehr das Resultat selektiver Eingriffe.

Während man über Bahn und Lufthansa nach Herzenslust schimpfen darf – auch „Russen bashen ist ok“ –, sind die Themen Justiz, NSU-Prozess oder Flüchtlinge für Leserkommentare weitgehend tabu. „Von außen sieht das aus, als sperrt der Spiegel seine Kommentarfunktion komplett systematisch – und zwar nach Themen“, so Kriesel.

Dass der Kommentarbereich im Ergebnis kein echtes Meinungsbild der Leserschaft zeigt, versteht sich von selbst. Warum man den Lesern zu bestimmten Themen beim Spiegel keine veröffentlichungsfähige eigene Meinung zutraut, darüber kann man nur trefflich spekulieren.

Investieren Sie an diesem stürmisch-kalten Wochenende eine Stunde und sehen Sie sich Kriesels spannenden Redebeitrag an – Sie werden es nicht bereuen.


Quelle: Youtube

© Ralph Malisch – Hompage vom Smart Investor

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