Löcher in der Matrix – Alice non grata

17. Juli 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Ralph Malisch

Für unsere Heftkategorie „Löcher in der Matrix“ sammeln wir laufend Erstaunliches und Schräges aus der Welt der Medien. Unser wöchentliches Update.

„Kölner Silvesternacht: Ihre Untermenschen sind die Frauen“ (welt.de, 13.7.2016)

„Alice Schwarzer: Schwindel um Millionen-Stiftung“ (bild.de, 14.7.2016)

„Das Wesentliche: Erregung: Vergessliche Gesellschaft“ (zeit.de, 15.7.2016)

Wir sind möglicherweise nicht die allergrößten Fans von Alice Schwarzer. Das hindert uns jedoch nicht daran, bestimmte Zusammenhänge zu erkennen. Mit dem Siegeszug des Feminismus erfuhr auch die deutsche Vorkämpferin dieser Bewegung zunehmend freundliche Aufnahme durch die Mainstreammedien. Das war bekanntlich nicht immer so. Wohl auch aus diesem Grunde gründete sie mit der „Emma“ im Jahr 1977 ihre eigene Zeitschrift.

Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere waren Schwarzer und die von ihr vertretenen Thesen dann nahezu sakrosankt. Kritik an Schwarzer? Ging gar nicht.

Ab dem Jahr 2007 entspann sich sogar – zur Verwunderung vieler – eine engere Zusammenarbeit mit dem Boulevardblatt BILD, das bis dahin auch nicht gerade als Vorreiter der Frauenbewegung in Erscheinung getreten war. Erkennbar nicht mehr der „Darling des Mainstreams“ war Schwarzer, als der SPIEGEL Anfang 2014 über ihre steuerrechtliche Selbstanzeige berichtete. Sie selbst bezeichnete diese Veröffentlichung seinerzeit als „illegal“. Auch wir erinnern uns dunkel an das Steuergeheimnis, das im Bedarfsfall offensichtlich recht löchrig werden kann. Soviel zur Vorrede.

Alice Schwarzer gebührt das Verdienst, sich schon früh und öffentlich auf das Terrain „Frauenrechte und religiöser Fundamentalismus“ gewagt zu haben. Gegenüber der inzwischen vollkommen zahnlos gewordenen katholischen Kirche ist das heute keine Kunst mehr, wohl aber gegenüber einem aggressiv auftretenden politisierten Islam.

Nach dem Umsturz des Schahs besuchte sie 1979 den Iran und sprach schon vor mehr als 35 Jahren geradezu prophetische Worte:

„Diese Frauen waren gut genug, ihr Leben im Kampf für die Freiheit zu riskieren, sie werden nicht gut genug sein, in Freiheit zu leben.“

Das Thema hat Schwarzer bis heute nicht losgelassen. Und weil sie deutlich ausspricht, was Sache ist, gilt sie der nachgewachsenen Generation der „Hashtag-Feministinnen“ inzwischen als irgendwie „rechts“. Alice Schwarzer, rechts?!

Solche Einordnungen sagen vor allem etwas über den Geisteszustand einer grenzenlosen Republik, deren Koordinatennetz an den äußersten linken Rand verschoben wurde.

Am 13.7. setzte sich also die streitbare Schwarzer auf welt.de unter dem Titel „Ihre Untermenschen sind die Frauen“ mit einem 19seitigen(!) Artikel des Wochenmagazins DIE ZEIT auseinander, der vorgab, die Leser darüber aufklären zu wollen, was in der Kölner Silvesternacht „wirklich geschah“. Nach Schwarzers Einschätzung mogelten sich die insgesamt neun(!) Redakteure aber genau an dieser Erklärung vorbei.

Treffsicher legte Schwarzer den Finger in die Wunde und arbeitete schonungslos unsere Lebenslügen im Verhältnis zum politisierten Islam heraus. Der Beitrag ist übrigens äußerst lesenswert, auch wenn bezweifelt werden darf, dass sich Schwarzer so ins Zeug gelegt hätte, wenn Männer Opfer von Gewalt oder Übergriffen geworden wären. Geschenkt.

Und was geschah einen Tage nach der Veröffentlichung? Das ebenfalls beim Springer-Verlag erscheinende Boulevardblatt Bild brachte folgenden Beitrag: „Alice Schwarzer: Schwindel um Millionen-Stiftung“ – versehen mit dem üblichen unvorteilhaften Bild.

War Schwarzers Analyse etwa zu treffend? Zumindest sieht es danach aus, als solle eine Aussage diskreditiert werden, indem man die Person demontiert – das klassische „argumentum ad hominem“ also, das keinen erkenntnistheoretischen Wert beanspruchen kann. Eine Warnung für andere wäre es allemal, denn schon Mao wusste: „Bestrafe einen, erziehe hunderte.“

Auch DIE ZEIT trat heute noch einmal zurück. Natürlich nicht direkt und mit offenem Visier, sondern hinten rum und mit moralischer Pose auf „Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft“. Aha.

Für das Thema „Das Wesentliche: Erregung: Vergessliche Gesellschaft“ findet man doch tatsächlich kein besseres Beispiel für die gesellschaftliche Vergesslichkeit als … genau! Unvermittelt eröffnet der Beitrag über das doch eher abstrakte Thema nämlich mit einem sehr konkreten Satz: „Alice Schwarzer ist als Steuerhinterzieherin verurteilt und muss 100.000 Euro Strafe zahlen.“

Vergesslich scheint die Autorin in der Sache also ganz und gar nicht zu sein. Und die eine oder andere Spitze gegen Schwarzer deutet zudem darauf hin, dass es auch mit dem christlichen Vergeben nicht besonders weit her zu sein schein – „Christ & Welt“ eben.

© Ralph Malisch – Homepage vom Smart Investor

 

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