Lob der Moderne: Die Mauer heißt jetzt „Euro-Firewall“

24. Januar 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(vom Smart Investor) Fast muss man die Kollegen vom Boulevard ein wenig beneiden. Sie können (Dschungel-)Mücken zu veritablen Elefanten aufblasen, vorausgesetzt die Mücken sind bedeutungslos genug. Im Gegenzug können sie aber auch dort, wo es wirklich um etwas geht, die Dinge so sehr verniedlichen, vernebeln und verschleiern, dass man einen Elefanten nicht einmal mehr erkennen würde, wenn man mit ihm zusammen am Küchentisch säße.

„Euro-Firewall“

Gestern war es wieder mal so weit, die EU-Finanzminister haben sich geeinigt – auf den dauerhaften Transfer- und Umverteilungsmechanismus ESM. Die Bild-Zeitung nennt ihn in ihrer Online-Ausgabe „die Euro-Firewall“. Wie schon sein Vorgänger, der antifaschistische Schutzwall („Die Mauer“), hat die Euro-Firewall die Aufgabe, die Nomenklatura und ihre Träumereien vor niederträchtiger Spekulation, entfesselten Märkten und ganz besonders vor der Realität zu schützen. In der Unterüberschrift lesen wir weiter „500 Milliarden Euro für Wackel-Staaten

+++ Deutschland zahlt 22 Milliarden“ +++

eine Darstellung, die dem flüchtigen Leser wohl nicht ganz unabsichtlich den Eindruck vermitteln soll, dass da richtig viel geholfen werde und es Deutschland doch erstaunlich wenig koste. Der „Wirtschaftsweise“ Peter Bofinger ist ohnehin der Meinung, dass damit noch lange nicht genug geholfen sei: „Wir brauchen mehr Geld“, womit er vermutlich Recht hat. Aber wer braucht das nicht?

Jeder nach seinen Bedürfnissen, wie schon Karl Marx wusste. Maßnahmen müssten getroffen werden, jetzt wieder Bofinger, dass Italien und Spanien zu „vernünftigen“ Zinsen Geld bekämen. Schon mit dieser Fähigkeit, den vernünftigen Zins auszurechnen, dürfte sich Bofinger für eine künftig zu schaffende zentrale EU-Wirtschaftsplanungsbehörde empfehlen. Derart helle Köpfe werden dort besonders gefragt sein, und natürlich … mehr Geld.

Erzwungene „Freiwilligkeit“?

Verlassen wir die vernünftigen Zinssätze und wenden uns den unvernünftig unanständigen Zinssätzen zu, die derzeit für Griechenland-Anleihen gezahlt werden, wenn sie denn gezahlt werden. In den Medien wird ja derzeit der Eindruck erzeugt, als sei es bereits eine ausgemachte Sache, dass alle im selben Boot säßen, sobald die nötigen Schuldenverzichtsquoten erreicht würden. Ganz so einfach wird es wohl nicht sein. Zum einen ist relevant, ob die Anleihen nach britischem oder englischem Recht begeben wurden. Zum anderen würde bei einigen Anleihen das vom griechischen Premier Papademos angedrohte Gesetz zur Zwangsumschuldung direkt den gefürchteten Default auslösen, zumindest nach den Vertragsbedingungen dieser Anleihen. Allerdings hat der Verlauf der Krise auch gezeigt, dass Recht in der EU nicht immer dort ist, wo Vertrag und Gesetz sind, sondern da, wo die Macht ist. Lesen Sie mehr zu diesem spannenden Thema im aktuellen Smart Investor, Ausgabe 02/2012, der diese Woche erscheint.

Zu den Märkten

Wie so viele Marktteilnehmer misstrauen auch wir der aktuellen DAX-Rally. Die allgemein verhaltene Stimmung ist aber bereits die erste gute Nachricht. Die zweite war der fulminante technische Ausbruch aus der Dreiecksformation (vgl. Abb. – grüne Linien). Wie weit diese beiden Treibsätze noch tragen werden, ist jedoch ungewiss. Solange die Bewegung aber intakt ist, sehen wir keinen Anlass aus Aktien auszusteigen. Im Auge sollte man allerdings die rote Trendlinie behalten. Falls diese gerissen wird, würden wir unser Engagement deutlich zurücknehmen.

Die bevorzugte Variante wäre zwar ein proaktiver Verkauf in der Nähe der beiden oberen blauen Kanalbegrenzungen, was allerdings einen weiteren Kurszuwachs von rund 400 DAX-Punkten voraussetzen würde. Das ist aus unserer Sicht kurzfristig unwahrscheinlich. Überhaupt sollte die Kursentwicklung in den nächsten Tagen besonders aufmerksam verfolgt werden. Wir befinden uns zeitlich im Bereich der Spitze (Apex) des grünen Dreiecks. Manche Ausbruchsbewegungen enden bereits hier. Auffallend negatives Kursverhalten sollte daher zu einer Reduzierung der Bestände noch vor Erreichen der roten Trendlinie genutzt werden.

Februar-Ausgabe Smart Investor

Am Wochenende erscheint der neue Smart Investor 2/2012. Das Titelthema lautet Inflation vs. Deflation. Freuen Sie sich zudem auf spannende Berichte über die asiatischen Aktienmärkte sowie Seltene Erden. Ferner beinhaltet das Heft einen Artikel über Ron Paul im amerikanischen Vorwahlkampf zur Präsidentschaftswahl im November 2012.

Fazit

Aus technischen Gründen stehen die Börsenampeln weiter auf Grün. Wir glauben, dass die Rally trotz der sich eintrübenden konjunkturellen Entwicklung noch eine Weile andauern kann, allerdings nicht bis in alle Ewigkeit.

Ralph Malisch / Homepage vom Smart Investor


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2 Kommentare auf "Lob der Moderne: Die Mauer heißt jetzt „Euro-Firewall“"

  1. e-t sagt:

    ‚Zum einen ist relevant, ob die Anleihen nach britischem oder englischem Recht begeben wurden.‘

    Worin liegt der Unterschied zw britischem und englischem Recht?

  2. mfabian sagt:

    Britische Verträge haben eine Kündigungsfrist von 1 Woche, englische von 7 Tagen? 😛

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