Grenzüberschreitendes Geldmengenvermehren

9. November 2013 | Kategorie: Gäste

von Prof. Thorsten Polleit

Am 31. Oktober 2013 gab es eine Pressemitteilung: Die Bank von Kanada, die Bank von England, die Bank von Japan, die Europäische Zentralbank (EZB), das Federal Reserve System (Fed) und die Schweizerische Nationalbank (SNB) gaben gemeinsam bekannt, dass sie ihre bestehenden, bisher befristeten „Liquidität-Swap-Abkommen“ in unbefristete Abkommen überführen. Was sind „Liquidität-Swap-Abkommen“? 

Mittels Liquidität-Swap-Abkommen leihen sich Zentralbanken untereinander Geld. So ist die Fed zum Beispiel bereit, der EZB jederzeit (und vermutlich auch unbegrenzt) US-Dollar zu leihen – neue, „aus dem Nichts“ geschaffene US-Dollar, versteht sich.

Warum brauchen Zentralbanken Fremdwährungen? Sie selbst brauchen sie nicht, aber die Geschäftsbanken. Euro-Banken finanzieren ihre Geschäfte nicht nur mit Euro, sondern auch mit US-Dollar. Sie nutzen zum einen dadurch günstige(re) Finanzierungskosten aus, zum anderen vergeben sie Kredite nicht nur in Euro, sondern auch in US-Dollar.

Im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise gab es wiederholt ernste Probleme gerade auch für Euro-Banken: Investoren waren nicht mehr bereit, ihnen US-Dollar zu leihen. Den Euro-Banken drohte die Zahlungsunfähigkeit. Um das abzuwenden, vereinbarte die amerikanische Zentralbank bereits im Dezember 2007 Liquidität-Swap-Abkommen, zunächst nur mit der EZB und der SNB.

Die Versorgung der Euro- und Schweizer-Banken mit US-Dollar war damit sichergestellt. Es folgten immer neue Liquidität-Swap-Abkommen mit immer mehr Zentralbanken sowie Verlängerungen auslaufender Abkommen – und endlich wurden auch bilaterale Abkommen abgeschlossen, in denen die Zentralbanken versprachen, wenn nötig, sich gegenseitig jederzeit die eigene Währung zu leihen.

Es gab in 2009 nur kurzzeitig Rückgriff auf US-Zentralbankkredite, in der Spitze auf etwa 550 Mrd. US-Dollar. Nachdem die Marktakteure gelernt hatten, dass die Zentralbanken die Geschäftsbanken zahlungsfähig halten, entspannte sich die Lage. Investoren liehen Banken wieder Geld. Allein schon die Aussicht auf eine jederzeit gesicherte Liquiditätszufuhr im Interbankenmarkt hat die Sorgen vor Zahlungsausfällen vertrieben.

Es wäre jedoch vorschnell, diese Politiken als Erfolg zu feiern.1 Vielmehr stehen sie für eine Entwicklung, die nichts Gutes verspricht. Das wird deutlich, wenn man sich die Auswirkungen beziehungsweise die (politisch gewollten) Nebeneffekte vor Augen führt, die das Einrichten permanenter Liquidität-Swap-Abkommen nach sich ziehen dürfte.

Die Auswirkungen

(1) Permanente Liquidität-Swap-Abkommen tragen dazu bei, die Marktzinsen zu verzerren und Fehlentwicklungen in Gang zu setzen. Euro-Banken und ihre Kunden können sich zu künstlich niedrigen Zinsen zum Beispiel US-Dollar beschaffen und damit (bei einer erwarteten Abwertung des Euro gegenüber dem US-Dollar) amerikanische Wertpapiere kaufen. Das weitet die US-Dollar-Geldmenge aus und führt zu Spekulationsblasen oder offener Inflation in den USA, die nachfolgend auch in anderen Währungsräumen für Preisauftrieb sorgen können. Einem Inflationierungskarussell wird Vorschub geleistet.

(2) Durch die Liquidität-Swap-Abkommen verlieren die nationalen Zentralbanken die Hoheit über die heimische (Basis-)Geldmenge. Sie werden jeden Betrag in heimischer Währung zur Verfügung stellen (müssen), der ihnen von ausländischen Geschäftsbanken abgefordert wird – also von Geschäftsbanken, die ihren Gewinnzielen nachgehen. Mit permanenten Liquidität-Swap-Abkommen wird die nationale Währungssouveränität de facto aufgehoben; die Zentralbanken sind mehr denn je im Schlepptau der Bankenindustrie.

(3) „Moralische Wagnisse“ (oder auch: „Moral Hazard“) werden befördert: Für die Geschäftsbanken wird der Zugang zu Fremdwährungen, bereitgestellt zu attraktiven Konditionen (i.d.R. einem politisch gesetzten Zins), attraktiver. Da-durch werden Transaktionen ermutigt (Kreditvergabe, Wertpapierkäufe etc.), die bei normalen Zinsen aus Risikoerwägungen nicht vollzogen würden.

(4) Die Zentralbanken können aus Liquidität-Swap-Abkommen kaum mehr aussteigen. Die Finanzmärkte und insbesondere die Banken richten sich auf die ultralockere Geldpolitik ein. Ein Ausstieg aus dieser Politik wird die Turbulenzen hervorbringen, die man mit Liquidität-Swap-Abkommen zu verhindern sucht.

(5) Wie die Basis-Geldmenge, die im Zuge von Liquidität-Swaps geschaffen werden kann, letztlich verwendet wird, lässt sich nicht kontrollieren. Wer kann garantieren, dass zum Beispiel neu geschaffene Euro nicht ausländischen In-dustrieunternehmen zugänglich gemacht werden, die sich so Finanzierungs- und Wettbewerbsvorteile sichern, und dass dadurch letztlich die umlaufende Euro-Geldmenge aufgebläht wird? (Seite 2)

 

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