Liquidität: Bares ist Wahres

7. Juni 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Manfred Gburek

Am Donnerstag fielen mir auf der Internetseite wellenreiter-invest.de zwei spannende Grafiken auf: zur deutschen und zur amerikanischen Zinsstruktur. Bitte erschrecken Sie nicht wegen dieses Begriffs; er besagt lediglich, dass die Renditen von Anleihen (in diesem Fall Staatsanleihen) mit kurzen Restlaufzeiten weniger laufende Erträge abwerfen als die der Langläufer.

Um gleich zu den Details zu kommen: Die deutschen Renditen bewegen sich bei Restlaufzeiten zwischen einem Monat und drei Jahren nominal im Minus, real (also nach Abzug der Inflationsrate von derzeit o,3 Prozent im Euroraum) erst recht. Zehnjährige Bundesanleihen bringen es nominal auf schlappe 0,89 Prozent Plus, dreißigjährige auf 1,52 Prozent. Dagegen befinden sich die Renditen amerikanischer Staatsanleihen unabhängig von den Restlaufzeiten nominal im Plus: von 0,02 Prozent für monatliche über 2,37 Prozent für zehnjährige bis zu 3,11 Prozent für dreißigjährige.

Der Renditevorteil der Amerikaner müsste sich eigentlich positiv auf den Dollar auswirken. Tut er aktuell aber nicht durchgehend. Zwischendurch erholt sich der Euro gegen den Dollar. Dahinter stecken Erwartungen, vor allem: Dass die vielfach befürchtete Zinsanhebung in den USA allein schon aus konjunkturellen Gründen immer weiter aufgeschoben wird, dass die robuste deutsche Konjunktur – Griechenland hin oder her – bald auf die übrigen Euroländer ausstrahlen könnte und dass die zuletzt von EZB-Chef Mario Draghi angekündigten stärkeren Schwankungen am Kapitalmarkt zu den Vorboten der europäischen Zinswende gehören.

Letztere ist de facto ja bereits vollzogen, erkennbar am Terminkontrakt Bund Future, der sich entgegengesetzt zur Rendite zehnjähriger Bundesanleihen entwickelt und dessen Kurs vom Hoch bei 160 zeitweise auf 150 Punkte regelrecht zusammengekracht ist. Dass diesem Ereignis vielfach wenig Beachtung geschenkt wird, bleibt für mich ein Rätsel. Jedenfalls kann ich mich nicht erinnern, eine so eindeutige Zinswende allzu oft erlebt zu haben.

Jetzt geht es darum, Geld so anzulegen, dass diese Wende keinen Schaden verursacht. Oder um einen Satz aus meinem neuen Ebook zum finanziellen Überleben zu zitieren: „Wenn es an den Börsen wieder so richtig kracht, ist Liquidität gefragt.“ Hier verstanden nach dem Motto: Nur Bares ist Wahres.

Das heißt, die scheinbar langweiligste Anlage gewinnt an Bedeutung: Tagesgeld, aus Sicherheitsgründen möglichst verteilt über einige Banken, sofern es um sechsstellige und noch höhere Beträge geht; bei geringerem Einsatz reicht eine Direktbank mit entsprechend günstigen Angeboten. Tagesgeldzinsen passen sich in der Regel mit kurzer Verzögerung steigenden Renditen an. Unter Berücksichtigung der Inflation bleibt allerdings real unter dem Strich nicht mehr viel übrig. Immerhin werden mit Tagesgeld, anders als mit Anleihen oder Aktien, größere Verluste vermieden.

Man kann die Anlagestrategie indes auch von einer anderen Seite aus aufziehen: Indem bestimmte Anlagen ausgeschlossen werden. Wahrscheinlich tippen Sie diesbezüglich spontan auf langlaufende Anleihen – und liegen damit goldrichtig, denn deren Verlustpotenzial wächst mit der Restlaufzeit. Und weil steigende Zinsen bzw. Renditen mit Aktiendividenden konkurrieren, sind sie Gift auch für die Aktienkurse.

So weit, so klar. Doch es wäre sträflicher Leichtsinn, einen weiteren Faktor auszulassen: die Geldentwertung, also Inflation. Beträgt sie beispielsweise 2 Prozent (leicht über dem von der EZB vorgegeben Ziel), ist 1 Euro nach fünf Jahren 90,6 Cent und nach zehn Jahren sogar nur noch 82,0 Cent wert. Nimmt man realistischerweise an, dass die Inflation sich nicht einfach beim EZB-Ziel von knapp 2 Prozent stoppen lässt, sobald sie es erreicht hat, sondern weiter steigt, wird es noch spannender: Ausgehend von 5 Prozent Inflation (in den 70er und 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts ganz normal) ist 1 Euro nach fünf Jahren nur noch 78,4 Cent wert und nach zehn Jahren ganze 61,4 Cent. So bestechend kann Finanzmathematik, so vernichtend kann Inflation sein.

Ob Wohn- und Gewerbeimmobilien vor Geldentwertung schützen, hängt von derart vielen Faktoren ab, dass ich hier nicht näher darauf eingehe. Es kommt halt darauf an: auf Erträge (falls vermietet), Lage und nochmals Lage, Infrastruktur, staatliche Eingriffe wie die mehrfach erhöhte Grunderwerbsteuer oder die jetzt eingeführte Mietpreisbremse, Bauqualität u.a. Im Übrigen stellt sich erst beim Verkauf heraus, in welchem Umfang Immobilien – falls überhaupt – vor Geldentwertung schützen.

Zu guter Letzt noch einige Anmerkungen zum Gold, das bekanntlich keine Zinsen abwirft. Eine seiner herausragenden Qualitäten besteht darin, dass es auf Dauer die Kaufkraft erhält. Oder anders formuliert: Sein Preis spiegelt im Trend (nicht kurzfristig) wider, wie marode das auf immer höheren Schulden basierende Währungssystem ist. Zurzeit können die meisten Anleger sich noch nicht so richtig entscheiden, wie viel Gold sie als Schutz vor der sukzessiven Entwertung der Währungen kaufen sollen. Folglich tendiert dessen Preis erst einmal seitwärts. Da jedoch die Währungsentwertung allein schon wegen der de facto Nullzinspolitik in den USA wie auch in Europa sukzessive fortschreitet, ist der nächste Preisanstieg nur noch eine Frage der Zeit. Insofern erscheint es sinnvoll, Gold jetzt im Rahmen eines breit angelegten Vermögens mindestens ebenso hoch zu gewichten wie Tagesgeld.
Manfred Gburek – Homepage


 

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