Liebesgrüße aus Moskau: „Ware“ Freundschaft

9. April 2015 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Eine Reise nach Moskau ist in diesen Tagen nicht ohne Pikanterie, speziell wenn der Besucher Tsipras heißt und sich von Russland Alternativen zu den Finanzhilfen der EU erhofft…

Denn angesichts der wiederholten Erpressungsversuche der neuen griechischen Regierung gegenüber der Eurozone ist der Flirt mit Putin nun ein weiterer Joker. Ein Joker, der angesichts der Reaktionen seine Wirkung nicht verfehlt.

Klar und deutlich artikulieren die Eurokraten daher auch ihren Unwillen über das Verhalten ihrer griechischen „Partner“. Denn wenn Putin nun tatsächlich sein Scheckbuch zücken sollte, treibt er damit einen ganz merklichen Keil zwischen Griechenland und die Eurostaaten.

Bereits eine symbolische Finanzierung würde die Euro-Retter in ihren Anstrengungen düpieren. Die neue russisch-griechische Freundschaft wäre dann für Russland zwar teuer bezahlt, die erneute Aufgabe derselben später jedoch eine ideale „Tauschware“ im Ukrainekonflikt.

Parallel dazu haben die Griechen auch in den Archiven einen weiteren „Megajoker“ ausgegraben. Glatte 278,7 Mrd. würde den Griechen demnach an noch ausstehenden Reparationen zustehen, darunter auch eine bis heute nicht bediente Zwangsanleihe der griechischen Nationalbank an die damaligen deutschen Besatzer. Die Frage nach der – wie Politiker so etwas gerne formulieren – „Belastbarkeit“ der Zahlen ist wohl eher nebensächlich. Schließlich geht es primär darum, den Forderungen der Eurozone eine entsprechende Position entgegen zu setzen. Ob man nun unter Freunden so miteinander umgeht oder nicht, die gegenseitige Erpressbarkeit bringt es eben mit sich, dass sich ein solches Verhalten auszahlt.

Wahrer Glaube

Wie gehabt wedelt beim Thema Griechenland der Schwanz mit dem Hund. Angeblich soll Griechenland nun in den nächsten Tagen faktisch insolvent sein. Die Historie der letzten Jahre belegt jedoch, dass solche Fristen ebenfalls Teil des Spiels sind.

Zu dieser Beobachtung passen daher auch die jüngsten Meldungen, wonach sich Athen noch immer mit halbjährigen Anleihen am Kapitalmarkt verschulden kann. Die Rückzahlung einer nächste Woche fälligen Anleihe scheint mit den in dieser Woche aufgenommenen Geldern damit sichergestellt. Zwar muss die Tsipras-Regierung mit rund 3% Zinsen dafür im aktuellen „Nullzinsumfeld“ einen stattlichen Coupon bezahlen, der Kapitalmarkt scheint jedoch allem Poker zum Trotz an eine weitere Rettung der Griechen zu glauben.

Einzelne Beobachter, wie der Münchener Asset Manager Dr. Jochen Felsenheimer von der XAIA Investment GmbH, sehen in Griechenland sogar die ultimative Waffe der Eurozone im globalen Abwertungswettlauf. Für den Fall eines „Grexit“ rechnet Felsenheimer nämlich mit einem deutlichen Euro-Anstieg. Der dadurch bedingte Rückgang der Exporte aus der Eurozone würde die Euroländer im Endeffekt mehr kosten, als eine weitere „Griechenrettung“. Die Einschätzung von Dr. Felsenheimer zu den Zinsen, den Anleihekäufen der EZB und den Risiken an den Anleihemärkten lesen Sie in der nächsten Heftausgabe 5/2014 des Smart Investor.



Zu den Märkten

Die erneuten Turbulenzen um Griechenland, die aufgebauten Drohkulissen und die neuen griechischen Sondierungen in Moskau taten zumindest dem Bund-Future gut (vgl. Abb.). Immer wenn die Unsicherheit über die Zukunft der Eurozone akut wird, setzt die Flucht in „Qualität“ ein.

2015-04-08_Bund

Gewiss, unter den Staatsanleihen sind die Bunds die Einäugigen unter den Blinden. Allerdings darf Qualität nicht so missverstanden werden, dass es hier für den Anleger irgendetwas zu holen gäbe. Die Renditeerwartung liegt bei einer runden Null und das Geschäftsmodell „Staatsanleihe“ ist ohnehin höchst fragwürdig. Staaten sind eben keine Unternehmen, die mit den aufgenommenen Krediten auf eine mehr oder weniger vernünftige Weise wirtschaften.

Bei Unternehmen gibt es daher zumindest eine realistische Chance, dass Zins und Tilgung aus den aufgenommenen Mitteln erwirtschaftet werden können. Diese Chance fehlt bei der Staatsanleihe schon deshalb, weil das aufgenommene Geld in aller Regel gar nicht erst investiert wird. Es dient vor allem zwei Zwecken: Erstens, dem Stopfen bereits vorhandener Etatlöcher, etwa in Form der Ablösung auslaufender Altanleihen. Zweitens, der Finanzierung der Wählerbestechung mit allerlei Wohltaten.

Das Problem dabei ist, dass dem bestochenen Wähler von heute schon morgen der Sinn nach noch mehr kostspieligen Aufmerksamkeiten seines politischen Personals steht. Rückflüsse sind von den so Beschenkten eher nicht zu erwarten. Die einzig ernsthafte Qualität der Staatsanleihe ist ihre Liquidität. Das sieht man gerade in Krisenzeiten besonders gut an den Bundespapieren, wenn wieder einmal massenhaft Geld aus der Eurozone nach Deutschland schwappt und dabei verständlicherweise Bankkonten links liegen lässt. Als Parkposition und Geldersatz sind die Bunds derzeit erste Wahl. Insofern ist der unaufhörliche Anstieg des Bund-Future – und das scheint uns die eigentlich richtige Interpretation zu sein – nicht positiv, sondern ein deutlicher Hinweis auf die grundsätzlich ungelöste Krise.

Trotz österlicher Ruhe gelang es dem deutschen Aktienindex DAX in den vergangenen Handelstagen seine Konsolidierungsformation der letzten drei Wochen nach oben zu verlassen. Das ist zwar noch kein neues Allzeithoch, in unmittelbarer Reichweite ist es aber allemal. Ob der Markt bereits genügend Anlauf geholt hat, um den alten Höchststand zu überwinden, wird sich schon in den nächsten Tagen zeigen. Mittel- und langfristig bleiben wir jedoch optimistisch und trauen dem DAX diesen Ausbruch mehr als zu.

Fazit

Wie jeder Flirt birgt auch das „russische Abenteuer“ von Alexis Tsipras das Risko einer heftigen Eifersüchtelei der Eurozone. Eifersucht, die sich vielleicht auf mittlere Sicht in deutlichen Zugeständnissen bemerkbar macht. Das All-Time-High im Bund Future ist dagegen alles andere als ein Grund zum Jubeln, denn der Indikator für Bundesanleihen zeigt nichts anderes als eine der größten Blasen aller Zeiten an. Die wahre Lösung einer Krise sieht dagegen völlig anders aus.

© Ralph Malisch, Christoph Karl – Homepage vom Smartinvestor


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