Letzte Urlaubstage

8. Dezember 2009 | Kategorie: Kommentare

von Frank Meyer

Ich genieße die letzten schönen Tage in der Herbstsonne. 23 Grad Ende September… Ist das schon die Klimakatastrophe? Und… Gibt es ein Leben ohne den DAX hier im fernen Sachsen? Wenn er in Frankfurt herumzappelt, steht das erst einen Tag später in der Zeitung. Sehen Sie, die Krise ist nicht mal bis hierher gekommen. Hier ist schon immer Krise gewesen, sagte eine Freundin…

Die wenigsten Leute haben hier Probleme mit Aktien. Manche sitzen noch auf ihren Infineon- Post- oder Telekom-Papiere und träumen, dass sie irgendwann auferstehen werden, wenigstens für die Kinder, Enkel und Urenkel. Der Durchschnittsverdienst liegt netto bei 977 Euro, berichtet das Statistische Landesamt. Das nur nebenbei. Man hat andere Probleme, berichtet die hiesige „Freie Presse“…

Auch sächsische Zeitungen werden wie fast alle Tageszeitungen mit Informationen von Agenturen beliefert. DPA ist eine solche Agentur. Ihr soll es nicht so gut gehen, hört man immer wieder. Die Gesellschafter streiten sich oft, ist zu hören. Notfalls kann sich Herr Steinmeier einen Einstieg des Staates in den Medienbereich vorstellen, war neulich zu lesen. Oh, wenn das der Karl Eduard von Schnitz wüsste. Eigentlich hieß er ja Schnitzler, aber im Osten hieß er „Schnitz“, denn dann war der Fernseher schon abgeschaltet, bevor der Name ganz über den schwarz-weißen Bildschirm flimmerte. Ob Herr Steinmeier nach der Wahl seinen Worten auch Taten folgen lässt? Keine Sorge! Wenn nicht er, dann vielleicht ein anderer.

Man liest hier wenig über geldliche Dinge, außer, dass Geld überall knapp ist – in den Geldbeuteln, an den Schulen, in der Stadtkasse, und das man überall sparen muss. Gleichzeitig werden Verschönerungsarbeiten vorgenommen, für die Touristen, heißt es, die dann nicht vorbeikommen. Zeulenroda ist so ein Ort, in dem man sich entschlossen hat, das Geld zum Fenster hinaus zu werfen, indem man den Marktplatz erneuert, unter anderem mit asiatischem Gestein. Mit Kettensägen bewaffnet, verschönern tausende ABM-Kräfte die Straßenränder oder mähen welkes Gras. Sollte es im Winter überraschenderweise schneien, kann man die Schneeberge von einem Platz zum nächsten Platz karren. Das schafft Arbeit und entlastet Statistiken. Der Wahnsinn scheint System zu haben und seine Zweigstellen finden sich dort, wo das nicht vorhandene Geld verteilt wird. Die Gewerbesteuer ist im zweiten Quartal um ein Fünftel eingebrochen ist. Wen stört es? Geld ausgeben, das man nicht hat, um Dinge zu bewegen, die man nicht braucht, macht richtig Spaß. Wäre es nicht so traurig, Ihrem Computer entsprängen jetzt einige Lachsalven…

Von Investitionen ist hier in Sachsen die Rede, und nicht nur dort – um die Dinge „anzukurbeln“ – ein Wort, was als Unwort 2009 glatt durchgehen dürfte. Man kurbelt an einer Maschine mit geborstenen Zahnrädern, weil man schon zu viel gekurbelt hat. Unternehmer, die eine Million Euro investieren wollen, fordern eine weitere Million an Zuschüssen von Städten und Ländern – und bekommen sie auch – selbst wenn die Unternehmung als ziemlich sinnlos erscheint. Sobald auf einem Antrag auf Zuschuss etwas von XXX Arbeitsplätzen steht, (streichen Sie bitte ein X) gibt es Geld. Inzwischen fuhrwerken auch die Länder in einer Wirtschaft herum und verzerren Märkte, von denen sie keine Ahnung haben. Ein Unternehmer, der diese Geldquellen nicht anzapft, gilt als Volltrottel. Und so leeren sich die Kassen und steigen die Schulden. Manche meinen, der Sozialismus, den man vor 20 Jahren abgewählt hat, ist längst durch die Hintertür zurück gekommen. Übrigens, der Trabant feiert gerade als newTrabi seine Auferstehung. Und die MZ (Motorrad) ist auch „in der Mache“.

Man kommt überhaupt nicht zur Ruhe mitten im Urlaub. Meine Oma hat schon wieder den Ofen angeheizt. Aus dem Schornstein raucht es. Ist das nicht umweltunfreundlich? Ich bin gespannt, wann wir eine kreditfinanzierten Holzofenentstaubungsanlage einbauen müssen oder wir verpflichtet werden, eine Solaranlage aufs Dach zu bauen. Wann muss die Gasheizung des Nachbars abgewrackt werden, wegen irgendwelcher Standards, die in Brüssel ausgebrütet werden? Zudem lastet auf unserer Familie eine medial ausgelöste Phobie gegenüber Glühbirnen. Gerade konnte ich Oma noch davon abhalten, auf Leitern zu klettern, um die Glühlampen durch Energiesparlampen zu ersetzen. Hätte sie die Glühbirnen in die Mülltonne geworfen, hätte ich wieder den Kampfmittelräumungsdienst rufen müssen – wegen des Quecksilbers. Ach, man muss überall aufpassen. Und hoffentlich entdeckt niemand im Gewächshaus die schief gewachsenen Gurken…

Man bekommt von der großen Welt im Urlaub gar nicht viel mit, außer dass am Sonntag gewählt wird. Würde es etwas ändern, wären Wahlen verboten, rief mein Nachbar über den Gartenzaun. Diese Zyniker! Bis Sonntag bleibt die Welt schön bunt – auf den Wahlplakaten mit den plüschweichen Versprechungen, in den Radios, die gesetzlich verpflichtet sind, Wahlwerbung zu versenden, in Talkrunden, wo der Begriff „Talk“ Programm ist und auch die Bäume sind bunt wie die farblich wechselnden Hosenanzüge unserer alten und neuen Kanzlerin. Nicht nur die Bäume werden in wenigen Tagen ihre Farbenpracht verloren haben.

Und dann wird Winter.

Sollten Sie Kinder haben, wie wäre es, ihnen den Beruf des Historikers vorzuschlagen? Die letzten Jahre bieten genügend Stoff für ganze Buchbände über unsere moderne Welt. Wenn man mit ein paar Jahren Abstand und vielleicht etwas kühlerem Kopf zurückschaut, scheint mir dieser Job zukunftsträchtig zu sein.

Ach, oh weh, ich muss Sachsen in Kürze wieder verlassen. Meine Frankfurter Freunde fragen mich dann oft, wie es da „drüben“ war. Ich müsste ihnen berichten, dass Hessens Zukunft in etwa so aussehen könnte wie die Gegenwart in Mitteldeutschland. Fahrt doch mal „rüber“ sage ich immer. Der Marktplatz in Zeulenroda ist bis dahin umwerfend schön – mit einem Hauch von weiter Welt. Es gibt auch nicht viel Gedrängel um den schönsten Eindruck. Und wenn ihr Glück habt, das kann ich mir dann nicht verkneifen zu sagen, bekommt Ihr sogar ein Erinnerungsfoto geschickt, aufgenommen von Überwachungs-Kameras auf Autobahnen, auf der Jagd nach Temposündern, Dränglern und Terroristen.. ja Ihnen! In den letzten Jahren war das die krisensicherste Einnahmequelle. In der Zukunft macht es unser aller Leben zudem sicherer, heißt es – überall.

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