Leiden Sie auch unter Ostern?

9. April 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Frank Meyer) Für viele war Ostern sicherlich furchtbar langweilig. Ginge es nach den Ökonomen, wären Feiertage als unproduktive Zeit längst schon abgeschafft worden. Und überhaupt… Wie schrecklich für viele, wenn es vier Tage lang keine Kurse von den Börsen gibt und sie nicht wissen, ob sie richtig oder falsch liegen, reicher oder ärmer geworden sind?

Doch nun am Ostermontag tickern wieder die ersten Kurse an den Börsen. Die Märkte sind etwas gefallen. Gold etwas gestiegen, soweit ich das sehen konnte, eine kleine Abwechslung zu Diskussionen über Benzinpreise und Politik episch langer Form. Wenn dann Oma von den alten Zeiten zu reden beginnt… Dauert ja nur vier Tage. Angenehmer sind da Rezepte, Gerüchte, Wetter und anderer unproduktiver Unsinn. Ostern stört den „Flow“ habe ich auf Facebook gelesen und tausende selbst gebackene Torten als Foto dort gesehen und auch Empörung entdeckt, dass das Tanzen am Karfreitag polizeilich geahndet wird.

Die Nummer Eins aus Einbeck 🙂

Wenn jemand sagt, er würde keinem Glauben nachgehen, lügt er. Ob in der Liebe, beim Blick in den Spiegel, an der Börse oder in den Ökonomie: Glaube heißt nicht wissen, ist die moderne Billig-Variante von Wissen geworden – einfach zu haben wie Kartoffeln im Supermarkt. Moderner Glaube überdeckt gerne die Realität, vor allem dann, wenn dann die Rede auf Dinge kommt, die man entweder noch nie gesehen oder darüber länger nachgedacht hat – man aber trotzdem mitreden will.

Wer in dieser Phase der geselligen Diskussionen unter große Langeweile leidet, zähle das Wort „Euro“ der Anwesenden beim Vertilgen selbst gebackener Kuchenstücke. Leidige Diskussionen ums Thema Geld. Mache Schnäppchen und rede darüber… Das erinnert daran, dass sich die meisten Menschen von ihren Vorfahren nicht sonderlich unterscheiden. Sie sind nur etwas besser angezogen. Erstaunlicherweise macht sich nach einigen Stunden das Gefühl breit, man sitzt unter Machern, Denkern und Experten in allen Lebenslagen. Nicht dass es langweilig wäre – im Gegenteil. Es erheitert, vor allem, wenn man die Realität von ihren Fiktionen subtrahiert. Es werden Pläne geschmiedet und Absichten kund getan – die gleichen wie jedes Jahr.

Doch eigentlich ist Ostern eine äußerst angenehme Sache. Vier freie Tage, ökonomisch völlig wertlos.

Meist werden vor Ostern interessante Themen in der Öffentlichkeit platziert, beispielsweise das Gedicht eines Nobelpreisträgers, über das sich die Gesellschaft in der freien Zeit ausgiebig streiten kann. Oster-Grass war in diesem Fall spannender als alles Oster-Gras. Während die Medien mangels Themen Unmengen Experten vorschicken, die ihre Meinungen kund zu tun wie der Papst auf dem Petersplatz, werden selbst C- und D-Promis aus medialen Katakomben ausgegraben, die ihre Meinungen auf sonst leer gebliebenen weißen Seiten ausschütten. Es braucht Mutige, die die Wahrheit aussprechen, sagte jemand an der Kaffeetafel, der womöglich das Gedicht nicht gar nicht gelesen hat, aber merkt, dass da etwas nicht stimmt. Das Beben aus dem öffentlichen Raum setzte sich am Kaffeetisch fort. Man redet darüber, man glaubt und man weiß. Danke Günther Grass. Allein schon deshalb hat sich Ostern in diesem Jahr gelohnt.


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5 Kommentare auf "Leiden Sie auch unter Ostern?"

  1. Andre sagt:

    Sehr tolle Zusammenfassung.

  2. mfabian sagt:

    … und für alle, die das Gedicht von Günther Grass noch nicht gelesen haben, hier der Link:

    http://www.sueddeutsche.de/n5J388/557180/Was-gesagt-werden-muss.html

  3. FDominicus sagt:

    Ich leide nicht unter Ostern ich leider unter unseren Delebets. Und das über das ganze Jahr.

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