Lehmans Reise nach Jerusalem

26. Juli 2010 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

Sie kennen das Spiel? Sicherlich. Eine Reihe von Stühlen wird von den Mitspielern umrundet. Dabei spielt jemand eine Musik. Verstummt diese, müssen sich alle setzen. Doch oh weh! Es ist nicht für alle ein Stuhl da. Derjenige, der keinen Platz finden konnte, ist aus dem Spiel raus. Doch auf dem Spiel wurde Ernst. Am Wochenende hat man gleich zwei Runden gespielt. Zuerst fand Lehman Brothers keinen Stuhl, in der nächsten Runde sprang Merrill Lynch aus Not auf den Schoß der Bank of Amerika. Amen. Der DJ legt nun die nächste Platte für eine weitere Runde auf. Ob es diesmal AIG oder Washington Mutual erwischt? Beide wirken recht schwankend wie fast alle ihrer Kollegen. Sie torkeln ziemlich betrunken vom billigen Geld um die Stuhlreihen. Da war doch diese Party mit dem billigen Fusel…

Wir erinnern an diese Einladung. Unterzeichnet hatte Alan Greenspan. Er besaß die Genehmigung für die Beschaffung von Rum. Die Politiker sorgten für die musikalische Umrahmung. Und während die Band begann aufzuspielen, sorgten die Statistiker für die Sicherheit. Als das Fest fast auf dem Höhepunkt war, hat sich Alan Greenspan aus dem Staub gemacht und Ben Bernanke die Hoheit über die Punschbowle überreicht. Dann ging alles recht schnell. Den Gästen wurde schlecht, das Zelt brach zusammen, die Suche nach den Autoschlüsseln begann. Wer sie finden konnte, fuhr los. Nun hängen die Partygäste über der Kloschüssel. Manche haben die Spülung schon betätigt, andere stecken im Fallrohr fest. Wer noch lebt, rückt heute etwas näher zusammen.

Von Lehman werden nur Schulden an eine bessere Zeit erinnern. Die Gebrüder sollen 613 Mrd. USD davon haben. Vielleicht machen auch deren Derivate noch etwas Ärger. Wer kann das heute schon einschätzen. Doch Lehman ist in ist nicht allein. Fünf große US-Institutionen hat es bislang dahingerafft. Warnende Stimmen gab es zwar etliche, doch die wurden in die Ecke der Verschwörungstheoretiker gesteckt. Heute stellt man fest, die Warner hatten recht. Es ist tatsächlich eine Systemkrise von ungeahnter Dimension und mit ungewissem Ausgang. Es brennt an allen Ecken, vorrangig in den USA. Durch die globale Vernetzung würde es heute nicht wundern, wenn der Rest bald auch richtig in der Patsche sitzt. Gerade eben schickt die EZB neue 30 Mrd. Euro als Hilfe. Prost!

Vor wenigen Monaten kippte der Kreditzyklus. Die Banken wurden vorsichtiger. Schrumpfende Kreditmengen beförderten in den nächsten Monaten das Unheil in der Realwirtschaft. Auch hier drehten die Plattenspieler ihre letzten Runden. Bundesfinanzminister Peer Steinbrück gab jetzt folgendes von sich: „Die Nachrichten, die aus den USA kommen, sind schlecht.“ Diejenigen, die in der Bankenkrise voreilig vom Licht am Ende des Tunnels gesprochen hätten, müssten nun feststellen, „dass das in Wirklichkeit der entgegenkommende Zug war. Noch vor zwei Wochen mahnte er an, dass es unverantwortlich wäre, von einer kommenden Rezession zu sprechen. Ach was! Wie schnell man doch die Meinung ändern kann.

Der DAX quittiert die Geschehnisse vom Wochenende bislang mit einem Minus von über drei Prozent, Europa ist rauscht vier Prozent in den Keller. Die Preise für Anleihen sind gestiegen, Gold legt nur etwas zu. Nun fragt man sich, welcher Hafen sicherer ist. Anleihen oder Gold? Zumindest zeigt sich heute, dass die Experten mit ihrem Gebrüll, dass das Schlimmste hinter uns liegt falsch lagen. Wieso sollten es heute anders sein?

Interessant wird es jetzt sein, was die Notenbanken tun. Werden sie die Zinsen weiter senken, weil sie sie senken müssen? Werden sie Unmengen an neuem Geld in Umlauf bringen und jeden Müll von den Banken aufkaufen? Werden die Regierungen weitere Fußkranke verstaatlichen und mit Rettungsprogrammen und damit neuen Schulden aufwarten?
Ich glaube, sie haben keine andere Wahl. Sollte sich das abzeichnen, wird noch mehr Geld noch weniger Werte gegenüberstehen. Und dann würde aus der „Great Moderation“ die „Great Inflation“ Dann heißt es wie heute schon: Anschnallen! und das Spiel nicht mehr „Reise nach Jerusalem“ sondern „Der Kampf um das goldene Vlies“.

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