Leck unter der Wasserlinie?

22. April 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Ronald Gehrt

Ich hatte vor etwa sechs Wochen in einer Kolumne davor gewarnt, dass die Börsen mehr und mehr auf einen neuen Flash Crash zusteuern, der möglicherweise eine ganz andere Dimension annehmen würde als das, was wir Anfang Mai 2010 an den US-Börsen erlebt hatten…

Natürlich hatte man damals intensiv ermittelt (so wurde uns mitgeteilt). Und obwohl nie eine glaubwürdige Erklärung veröffentlicht wurde, verlautbarte man in den USA, dass dergleichen nicht wieder vorkommen könnte. Ich denke, in der Hinsicht hatte man vollkommen recht – so wie damals wird ein Flash Crash nicht mehr ablaufen. Wenn die computergesteuerten Handelsprogramme in der aktuellen Situation in den Status „alle Mann von Bord“ geraten, dürften wir uns wundern, was alles möglich ist.

Bislang wirkten die Börsen, insbesondere die Aktienmärkte in den USA, wie unverwundbare Panzerkreuzer, deren Kurs durch nichts beeinträchtigt werden könnte. Man verließ sich auf die treibende Kraft des billigen Geldes, das über den Umweg der Anleihemärkte letzten Endes bei den Rohstoffen ebenso wie bei den Aktien ankam und die Kurse immer höher trieb, während man sich aufgrund der auf diese Weise erkauften Zeit eben diese ließ, um dringend notwendige Reformen auf die lange Bank zu schieben. Bis heute sind die grundlegenden Ursachen für die Probleme in den USA ebenso wie in Europa immer wieder verschoben und vertagt worden. Und ginge es nach den Verantwortlichen, würde es zumindest so lange so bleiben, bis sie sich selbst mit entsprechenden Pensionen aus der Schusslinie bringen konnten und ihre Nachfolger zusehen können, wie sie den Karren aus dem Dreck ziehen. Aber mittlerweile mehren sich die Hinweise darauf, dass diese bullishen Panzerkreuzer unverhofft Schlagseite bekommen können. Und das aus mehreren Gründen:

Zunächst mal ist es immer dann gefährlich, wenn man sich unverwundbar wähnt. Jung Siegfried kann davon ein Liedchen singen. Je länger man mit dem permanenten Hochtreiben der Kurse durchkam, desto geringer wurde die Wachsamkeit und zugleich die Absicherung gegen unerwartete Eventualitäten. Im Gegenteil agieren viele der großen Spieler an den Börsen immer noch nach demselben Prinzip, das ihnen 2008/2009 das Genick gebrochen hat. Man pyramidisiert seine Position durch den umgehenden Einsatz auflaufender Gewinne auf dem Marginkonto, was dazu führt, dass der Sicherheitspuffer immer ungewöhnlich klein bleibt, die Positionsgröße aber immer mehr anwächst. Geht etwas schief, ist man zwangsläufig dazu verdammt, die Positionen blitzschnell über Bord zu werfen, bevor die Terminbörsen sie aufgrund zu gering werdender Sicherheiten zwangsverkaufen.

Desweiteren ist man sich bei vielen großen Adressen womöglich immer noch nicht im klaren darüber, wie schnell einem die Kontrolle über die Situation entgleiten kann, wenn man das Denken den Maschinen überlässt und den Großteil des Handels über entsprechende Handelsprogramme abwickelt, deren Funktionen und Reaktionen man womöglich nicht einmal voll erfasst.

Hinzu kommt der Zwang, immer weiter zu kaufen, weil die Sache mit der „Milchmädchen-Hausse“ nicht funktioniert. Es ist seit der letzten großen Baisse einfach noch nicht genug Zeit verstrichen, um eine neue Generation leichtgläubiger Neuinvestoren an die Börse zu locken, die den großen Adressen ihrer riesigen Bestände auf dem jetzt erreichten Kursniveau abkaufen würden. Privatanleger tauchen bei dem schwindelerregend hohen Niveau insbesondere der US-Börsen offenbar immer weniger als Käufer auf. Die Banken, Fonds, Hedge Funds, Versicherungen und Pensionskassen können somit ihre Gewinne nicht zu Geld machen, weil ihnen nicht genug Käufer zur Verfügung stehen und der Verkauf größerer Positionen somit deutlichen Kursdruck auslösen und damit den Ast absägen würde, auf dem sie selbst unfreiwillig noch sitzen. Und was besonders unangenehm sein dürfte.

Diese Notwendigkeit, die Kurse irgendwie hochzuhalten, korrespondiert offenbar nicht mit einem ausreichenden Zufluss neuen Kapitals. Es kommt immer weniger neues Geld herein, so dass beispielsweise die Nettokapitalzuflüsse in den USA im Februar völlig unerwartet negativ wurden. Das deutet an, dass die Barreserven durch diese Vorgehensweise Monat um Monat langsam kleiner werden… (Seite 2)

 

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Ein Kommentar auf "Leck unter der Wasserlinie?"

  1. Shindo-Trade sagt:

    Brillante Kombinationslogik und besser kann man es nicht erklären Herr Gehrt.

    Mit dem kompletten „Waffenarsenal“ inkl. der herausragenden Vernetzung mit der Medienlobby round world versucht man die privaten Anleger einerseits in die Aktien zu locken UND andererseits raus aus den Edelmetallen.

    Nur, „liebe“ JPMS – die Menschen sind via ihrer eigenen Vernetzung ROUND WORLD im Gegensatz zu 2008 ff eben mittlerweile mehr und mehr aufgeklärt, was hier für ein abgekartetes Spiel durchgezogen werden soll.

    Und ja, hier werde ich mit einer komplette Freirunde in meinem Bekanntenkreis aufwarten, wenn die Manipulatioren der Märkte, allen voran die großen 4 der US Banken zum Schluss, eine ganze Salve an Torpedos – algotechnisch gut verpackt – um die Ohren geschlagen bekommen werden. Ein echter Verdienst 😉 keine Frage.

    Der ganze mediale Hype Aktien, Aktien, Aktien… er wirkt nicht wie geplant. Schaun mer mal Ende Q4 2013.

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