Lasst euch nicht ver“Apple“n!

27. April 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Ronald Gehrt) Eine Aktie. Eine Reaktion. Weltweit. Kaum hatte Apple seine Quartalsbilanz auf den Tisch gelegt, sausten weltweit die Kurse der Index-Futures nach oben … und hörten nicht mehr damit auf. Wie kann das sein? Apple ist doch nur EIN Unternehmen unter Tausenden, die an der Börse wichtig sind…Aber dennoch überlagerten die Hoffnungen und Ängste der Akteure im Vorfeld der Zahlen ebenso wie die Freude danach die zahlreichen anderen Quartalsbilanzen, Nachrichten und Konjunkturdaten…

Selbst der Einbruch der US-Auftragseingänge für langlebige Wirtschaftsgüter um –4,2 % im März wurde einfach beiseite gewischt. Egal – Hauptsache Apple verdiente in den ersten drei Monaten 2012 gut 20% mehr als erwartet. Hurra! Woher kommt dieser seltsame Kultstatus? Und wieso reagiert selbst der Dax, in welchem Apple, soweit die Wissenschaft feststellen konnte, nicht notiert ist, als wäre er ein Spin-Off dieses Unternehmens?

Alles irre, aber erklärbar. Apple ist einfach deswegen Kult, weil sich die „Appleianer“ als eine Art verschworene, elitäre Gemeinschaft verstehen, die schon immer an das Unternehmen und ihren verstorbenen, charismatischen Chef Steve Jobs geglaubt haben. Bei den PCs ging es los. Gerade weil die große Mehrheit der Konsumenten ob der schrillen Farben und ungewöhnlichen Formen der Geräte den Kopf schüttelte und nicht zuletzt wegen der Kompatibilitätsprobleme bei vielen Programmen einerseits und des Preises andererseits auf die klassischen PCs zurückgriffen, wurde die immer recht kleine Schar der Apple-Fans so etwas wie ein Geheimbund. Man verstand sich. Nicht mit dem Strom schwimmen, das war erstes Gebot. Vergleichbar war das beispielsweise mit der Wahl des Fahrzeugs. Der Individualist fuhr keine Honda, sondern z.B. eine Norton. Als Autofahrer schwor man nicht auf VW oder Opel, sondern eben auf Saab oder Citroen. Anders sein – das war in Wahrheit die Basis des Ganzen, nicht die angeblich so viel einfachere Bedienung eines Mac-Computers. Das ist einfach Gewohnheitssache. Aber …

… so richtig grotesk wurde es, als sich das iPhone zu etablieren begann, vergleichbares galt für den iPod. Auf einmal wollten nämlich alle Individualisten sein. Und dazu kam, dass Apple mit diesen Produkten die junge Generation förmlich im Sturm eroberte. Konsequenz: Auf einmal ist die Zahl derer, die „anders“ oder innovativ zu sein glauben so groß, dass man von Individualismus nicht mehr sprechen kann. Aber gerade das führte dazu, dass man sich noch enger mit den Produkten, den anderen Nutzern und letztlich mit der Firma verbunden fühlte. Apple ist heute quasi „Kult für jedermann“. Und die Aktie?

Die gehört einfach mit dazu, zumal sie nicht nur wegen der Produkte, der Person Steve Jobs oder des simplen, undifferenzierten Kultstatus so im Mittelpunkt steht, sondern wegen ihres Kursanstiegs. Zum ersten Höhepunkt der (ja heute noch laufenden) Krise Anfang 2009 schlug der Kurs kurzzeitig bei 80 US-Dollar auf. Das Hoch vor zwei Wochen lag bei 644 US-Dollar. Eine solche Karriere zieht die Lemminge an wie die Fliegen. Die zahllosen „ich auch’s“, die jedem Trend hinterherlaufen, kaufen jetzt nicht nur jedes neu herauskommende Apple-Produkt, sondern auch wie vernagelt die Aktie. Und diese Gattung des „Herden-Anlegers“ ist immens weit verbreitet, obgleich niemand aus dieser Kategorie sich ihr zugehörig fühlen würde. Gerade drum. Und eben nicht nur, was Apple angeht.

Und das führte zu dieser Reaktion an den Aktienmärkten, die dem erfahrenen, besonnenen Investor verrückt vorkommt, nicht aber den Lemmingen. Apple ist für sie das Zentrum der Technologie ebenso wie des Aktienmarkts. Und der kometenhafte Aufstieg der Aktie führte dazu, dass dies ob einer nahezu erdrückend hohen Gewichtung mittlerweile nicht nur im Nasdaq 100, sondern auch im (eigentlich) marktbreit angelegten Standard & Poor’s 500 auch zutrifft.

Steigt Apple als Konsequenz der Quartalszahlen um knapp zehn Prozent, werden beide Indizes unweigerlich mit nach oben gezerrt. Und obwohl dieses eine Unternehmen nicht gleichbedeutend mit dem Wohl und Wehe im Technologie-Konsum insgesamt ist (sondern sogar im Gegenteil dessen Erfolg momentan oft zum Schaden der Konkurrenz gereicht), lief vieles, was mit Technologie zu tun hatte, sklavisch mit dieser einen Aktie mit. Nicht zuletzt auch, weil manch einer sich auf diesem Kursniveau nicht mehr in die Apple-Aktie hineintraut und statt dessen einfach etwas anderes aus der Branche einsammelt… (Seite 2)

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