Lasst die Defaults beginnen!

3. August 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Weitgehend unbemerkt von den DAX- und DOW-Junkies der Nachrichtenkanäle, rostet der Rohstofftanker munter vor sich hin. Neben drastisch gesunkenen Aktienkursen faulen auch die Anleihen der Firmen munter vor sich hin.

Da Kreditausfälle nicht riechen lassen sie sich prima ignorieren. Hauptsache der DAX steigt noch ein bisschen. Ein paar an den Haaren herbeigezogene Begründungen, die man aus aktuellen Nachrichten (Griechenland, China, Bauer sucht Frau) ableitet und schon sind die paar Minuten zwischen dem „Aussterben der Dinosaurier“ und „Hitlers Malkurs“ seriös überbrückt.

Lässt man die Volksbelustigung hinter sich und widmet sich den Daten, sieht die Lage anders aus. Vor allem im Metall- und Energiesektor sieht die Lage derart angespannt aus, dass man meint sie vielleicht doch riechen zu können. Die folgende Grafik zeigt den Anteil der Bergbau- und Energieunternehmen an den Emittenten stark gefallener Anleihen.

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Da die Firmen aus beiden Sektoren vergleichsweise große Volumina emittiert haben, wirken sich die Kursrückgänge der Anleihen auch insgesamt spürbar aus. Der Anteil aller High Yield-Papiere, die unter distressed debt zusammengefasst werden, steigt aktuell deutlich an.

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Unter distressed debt versteht man bei JP Morgan in diesem Zusammenhang Papiere, die unter 50% vom Nennwert notieren. Über diese Definition kann man streiten, denn auch ein ein Zinsanstieg drückt die Kurse von Anleihen, so dass nicht immer eine Ausweitung der Risikoprämien ursächlich für einen gesunkenen Preis ist. Da die Rendite 10-jähriger US-Treasuries seit 1994 von mehr als 7% auf derzeit 2,3% gesunken ist, stellt dies allerdings derzeit kein Problem dar.

Da viele Anleger sich privat eher mit Aktien beschäftigen, sagt Ihnen möglicherweise die Formulierung „50% vom Nennwert“ nicht viel. Anleihen werden in der Regel in der Nähe 100% emittiert. Steigen die Zinsen oder die Risikoprämien stellen sich Kursverluste ein. Bis zum Ende der Laufzeit werden diese wieder aufgeholt, denn die Rückzahlung erfolgt zu 100%. Das gilt natürlich nur, wenn der Emittent nicht vorher ausfällt, ein im High Yield-Segment nicht eben seltenes Ereignis.



Ein Bild hilft bei der Einordnung oft weiter. Der folgende Chart zeigt eine Anleihe des größten Gasproduzenten der USA, Chesapeake, mit einer Restlaufzeit von weniger als 8 Jahren. Diese Anleihe hat ordentlich Prügel eingesteckt, gilt aber auf Grund des Kurses von 82,6% noch lange nicht als distressed. Besitzern dieser Anleihe hilft das freilich wenig und angesichts der Geschäftslage des Unternehmens sollte man nicht allzu überrascht sein, wenn es die Anleihe noch in diese Schublade schafft.

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Für den Treasurer des Unternehmens ist die Lage dennoch stressig. Der Kursverfall bedeutet im Umkehrschluss einen Anstieg der Risikoprämien (Aufschlag gegenüber Treasuries) von fast 5 Prozentpunkten seit Januar 2015. Da der Aktienkurs seit Juni 2014 um 70% gefallen ist, schließen sich derzeit alle Finanzierungskanäle. Das ist der Grund, warum nicht nur Chesapeake versucht, über Verkäufe von Beteiligungen Geld hereinzubekommen. Was man heute verkauft, bringt einem morgen natürlich nichts ein, aber auf Grund der angespannten Lage ist man bei den Rohstoff- und Energiefirmen mit dem Überleben beschäftigt.

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Bei derartigen Verkäufen fallen in der Regel Abschreibungen an, weil man die Assets oft nur unter dem Buchwert losschlagen kann. Da Abschreibungen aber nicht zahlungswirksam sind, spielt dies für die Firmen derzeit eine untergeordnete Rolle, denn wer illiquide ist, ist tot.

Überraschen sollten die künftig steigenden Kreditausfälle gerade im High Yield Segment niemanden. Auf Rekordvolumina bei den Neuemissionen folgen immer Rekordausfälle. Das ist keine Neuigkeit. Wann genau die Ausfälle hereinregnen weiß niemand, es ist aber auch unerheblich, denn die Preise fallen (meistens) nicht über Nacht. So wird die Lage am High Yield-Markt seit geraumer Zeit ungemütlicher. Wer Positionen verkaufen will, muss dies tun, solange sich eine Gegenseite findet.

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Der oft bemühte Vergleich eines fallenden Finanzmarktes mit einem brennenden Theater, in dem alle zum Ausgang stürmen, ist nicht ganz vollständig. Am Finanzmarkt können Sie nicht einfach loslaufen. Sie müssen erst jemanden davon überzeugen, Ihren Sitzplatz einzunehmen.

Solange Analysen, die nicht zu Kurszielen führen, die im Himmel liegen, als bärisch klassifiziert werden, wird der Begriff „überraschend“ in den Medien wohl noch oft benutzt werden. Aber solange der DAX und der amerikanische Aktienmarkt steigen, ist alles was drumherum passiert egal. Dummerweise wird jede Aktie jederzeit von irgendjemandem gehalten. Das gilt für die griechischen Aktien, die mehr als 90% gefallen sind, wie für US-Techs, von denen einige auf bizarre Levels gestiegen sind.

Was langfristig passieren kann, wenn die Etragslage und die bilanzielle Gesundheit von Unternehmen nicht mehr ganz so attraktiv sind, lässt sich an zahlreichen Sektoren und Länderindizes ablesen.

Für Rohstofffreunde sei daher an den bemerkenswerten Abstieg der globalen Kohleproduzenten erinnert.

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Wie bei vielen anderen Dingen kann so etwas natürlich nur da passieren, wo es bereits passiert ist. Alle anderen Sektoren und Indizes sind dagegen gefeit. Es sei denn, es passiert etwas Überraschendes.

 

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11 Kommentare auf "Lasst die Defaults beginnen!"

  1. MFK sagt:

    Interessant ist, woher die Mittel von Four Point Energy kommen, mit denen sie den Kauf bezahlen. Von den USD 840 Mio. kommen USD 619 Mio. durch die Ausgabe neuer Aktien. Nimmt man einmal an, dass sich equity immer höher verzinsen sollte als debt, noch dazu wenn wie hier ein private equity fund involviert ist, dann fragt man sich schon wie das funktionieren soll. Offensichtlich geht auch ein Teil des Kaufpreises an die Vorzugsaktionäre der Cheasapeake, welche wohl auch hoch gehebelt investiert sind. So kommt dann Cheasapeake von zwei Seiten unter Druck, einmal operativ durch sinkende Erträge und dann durch die eigenen Aktionäre.

  2. waltomax sagt:

    Das Schöne ist, dass mit dem Untergang des Systems auch dieses Börsen-Kauderwelsch verschwinden wird, das m. E. Teil der Blase ist. Wurden hier nicht jüngst von „Gehirnfürzen“ gesprochen?

    • Bankhaus Rott sagt:

      Hallo waltomax,

      nicht alles was man nicht versteht ist Kauderwelsch. Was stört sie denn besonders?

      Beste Grüße
      Bankhaus Rott

      • waltomax sagt:

        Da Sie mich fragen: Diese mit Anglizismen aufgeblasene Sprache stört mich.

        Da Sie offensichtlich nur für Spezialisten schreiben, erübrigt sich der Tip vielleicht, dem Leser ab und an mit einem kleinen Glossar entgegenzukommen. Bedenken Sie doch bitte, dass es auch promovierte Dumme gibt, wie mich, die es gerne knapp und verständlich haben wollen.

        Außerdem klingen Begriffe wie „credit default swaps“ doch an sich schon so aufgepumpt und genau so ohne jede Substanz, wie sich die tatsächlichen „Finanz- Produkte“ dieser Art ja auch gerade herausstellen.

        Das jüngste Gefasel von Frau M. zum „Bailout“ der Griechen war so mit Anglizismen gespickt, dass wohl zwei Effekte erzielt werden sollten: Die Einlassungen sollten nicht verstanden werden und Frau M. gedachte, mit Sprechblasen Eindruck zu schinden. Die heiße Luft dazu lieferten vor allem Finanz-Anglizismen, welche die Dame ablas und sicher selber nicht verstanden hatte.

  3. Bankhaus Rott sagt:

    Hallo waltomax,

    nicht jeden Fachbegriff anderer Sachgebiete sofort zu verstehen hat mit Dummheit wenig zu tun daher freuen wir uns über Ihre offenen Worte! Wir schreiben übrigens nicht für Spezialisten, wollen aber die notwendige Tiefe bei einigen Themen nicht auslassen. Denn was hilft es, wenn man denkt, die Welt gehe wegen einiger Milliarden CDS unter, wenn man nicht weiß, was ein CDS eigentlich ist?

    Wir halten uns an allen Stellen an denen wir es für sinnvoll halten mit Anglizismen zurück. Wo man die Grenze der Nutzung zieht ist eine Geschmacksfrage. Einen Begriff wie Credit Default Swap könnte man mit „standardisierter Kreditausfallversicherung“ übersetzen. Wir möchten allerdings bezweifeln damit per Saldo mehr Verständnis herauszuholen.

    Die Idee mit dem Glossar hatten wir auch schon, allerdings wäre es im Internet vermutlich das dreimillionste Finanzglossar.

    Beste Grüße
    Bankaus Rott

    Nachtrag: http://wirtschaftslexikon.gabler.de/

    • waltomax sagt:

      Die Kirche im Dorf lassend, muss man Ihnen ja zunächst einmal danken, das Sie sich dieser Themen überhaupt annehmen und versuchen, Aufklärung zu betreiben. Wenn es drei Millionen Finanz – Glossars gibt, dann geht der Ball an mich zurück. Denn da kann man ja nachsehen. Nicht für ungut also.

      Was Frau M. betrifft, so ist da allerdings nichts zu relativieren…

  4. Michael sagt:

    Rohstoffe waren seit jeher mit Vorsicht zu genießen und das wird auch in Zukunft so belieben.

    Anglizismen. Anglizismen sind wohl in Ordnung. Die deutsche Übersetzung suggeriert zumeist ein Mindestmaß an aufgeräumter Ordnung. Einen CDS aus ‚Kreditausfallversicherung‘ zu bezeichnen, wie es geschah, kommt eine Liebkosung gleich.

    Der Computer war auch mal jener der wie die Damen in der Schreibstube saß und mit dem Rechenschieber sich plagte. Vorne am Pult saß der Oberrechenknecht und hat die Ergebnisse zusammengeführt. Zu Zeiten von PL/I und COBOL gab es letztgenannte Rolle noch. Der sog. Leistenprogrammierer (jener der das Hauptprogramm ’schrieb‘) und die Ergebnisse der anderen Programmier verband. Gerechnet hat aber der ‚Blechtrottel‘ oder wie man ihn heute noch vorfindet der ‚Aluhengst‘.

    Ich finde den Blog allgemein verständlich und jeder Autor ist bemüht interessante Themen verständlich aufzubereiten. Es ist mehr ehrbar, dass sich mal jemand Anleihen annimmt und noch dazu ein breites Spektrum beleuchtet.

    @waltomax Die Frau M. spricht ähnlich den Damen im Mainstream TV live vom Parkett, wenn der DAX mal einen Zacken macht eben allein auf einer anderen Ebene. Politiker sind im Punkt Schulden in Mitteleuropa etwas in der Bredouille. Sie müssen irgendwie kommunizieren, dass die gebuchte Kaufkraft Geld sei und dann doch ein Gschichterl erfinden, warum dem dann doch nicht ganz so ist…

  5. Jürgen sagt:

    Ne, noch ein Finanzglossar braucht es wirklich nicht. Wäre schade um die vertane Zeit. Die meisten Fachbegriffe, die hier verwendet werden, kann man z.B. auf wikipedia nachlesen. Hier z.B. der Artikel zu den CDS https://de.wikipedia.org/wiki/Credit_Default_Swap
    Die bloße Verwendung eines (eventuell einfach nur übersetzten) deutschen Begriffes hilft dagegen m.E. oft nicht weiter, wie das Beispiel Gänseblümchendrucker zeigt. 😉

    • Skyjumper sagt:

      Heijeijei, ist das lange her. Aber immerhin wußte ein ganze Zeitlang jeder der auch nur ein wenig mit der Materie zu tun was ein „Gänseblümchendrucker“ war.

      In der Sache muss ich Ihnen allerdings vorbehaltlos zustimmen, auch wenn ich Anglizismen eigentlich ablehne: Viele Anglizismen sind mittlerweile derart feststehende Begriffe das es schon arg verkrampft wirken würde die nun zu verdeutschen. Mal davon abgesehen dass der unbeleckte Leser dann zwar eine lebhafte Phantasie entwickeln kann, der Lösung damit häufig aber auch nicht näher kommt. Und es hätte den Nachteil das man den verdeutschten Begriff wahrscheinlich in keinem der 3 Millionen Finanzglossars findet um sich mit dessen Hilfe schlau zu machen.

  6. Avantgarde sagt:

    Also ich könnte nicht sagen, daß die Artikel hier nicht verständlich wären.

    Wobei es mir grundsätzlich schon auch so geht, daß ich die Anglizismen und noch sehr viel schlimmer das fürchterliche Denglisch als regelrechte Plage empfinde.
    Unsere Kultur schafft sich vielleicht tatsächlich selber ab……traurig…..MSM und all die Dummies machen freilich mit….

    • bluestar sagt:

      „Unsere Kultur schafft sich vielleicht tatsächlich selber ab……traurig…..MSM und all die Dummies machen freilich mit….“
      Aber ein Selbstlauf scheint Kulturzerstörung nicht zu sein, immerhin wird dieser Prozess bewusst und sehr aktiv durch MSM, Schule und Staatspropaganda aktiv gefördert – mit phantastischen Ergebnissen wie ich meine.
      Deutsche Kultur ist hinderlich und schädlich auf dem geförderten Weg in eine zersetzte, ängstliche Gesellschaft ohne Mut und Identität, aber mit größer Leidenschaft für Unterwerfung, Konsumrausch,Obrigkeitshörigkeit, Egoismus und Verdummung.
      Patriotismus, Heimatliebe, Aufklärung , Gewissen, Humanismus – sehr gefährlich für das System.

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