Kurze Beine?

27. April 2017 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Es gibt Börsenweisheiten, die immer wieder einmal machtvoll ins Bewusstsein der Marktteilnehmer zurückdrängen. Etwa die von den kurzen Beinen politischer Börsen. Am vergangenen Montag beobachteten wir eine solche durch und durch politische Aufwärtsbewegung. Der DAX stieg, ach was, er sprang um mehr als 400 Punkte bzw. knapp 3,4% in die Höhe…

… und schloss auf Tageshoch. Schon zur Eröffnung war ein Aufwärts-Gap (grünes Rechteck) von annähernd 250 Punkten entstanden.

Zudem markierte der Schlussstand zugleich auch noch ein neues Allzeithoch, was erneut technisch orientierte Anleger in den Markt locken dürfte. Auch für institutionelle Anleger wird der Druck steigen, bei dieser Bewegung dabei zu sein, falls sie sich als nachhaltig herausstellen sollte. Damit ist das Baisse-Keil-Szenario aus dem letzten SIW 16/2017 ad acta zu legen. Der Keil wurde nun innerhalb nur eines Handelstags komplett durchschritten und mit einem Ausbruch nach oben abgeschlossen. Das vorangegangene Fehlsignal zeigt nicht nur die große Unsicherheit sondern kann auch für die besondere Dynamik mitverantwortlich gewesen sein.

Allerdings ist der Kursaufschwung im Wesentlichen politisch motiviert. Auslöser des Freudensprungs war der Ausgang des ersten Wahlgangs der französischen Präsidentschaftswahl vom Vortag. Bis dahin war lediglich klar, dass keiner der insgesamt elf Kandidaten so überzeugend sein würde, dass er bereits am 23.4. die Wahl mit absoluter Mehrheit für sich hätte entscheiden können. Was bis zum Sonntag dagegen offen war, wer es mit welchen Prozentanteilen letztlich in die Stichwahl schafft.

Zur Auswahl stand mit François Fillon lediglich ein wirtschaftsliberaler Kandidat, der mit einem Stimmanteil von 20,0% den undankbaren dritten Platz errang und damit nicht in die Stichwahl kommt. Die anderen zehn Bewerber vertreten dagegen sozialistische bzw. dirigistische Wirtschaftsmodelle, wobei das Spektrum von weit links (Jean-Luc Mélenchon, La France insoumise, 19,6%) bis weit rechts (Marine Le Pen, Front National, 21,3%) reicht.

Insofern mag der Jubel der Börsen schon ein wenig verwundern, da das Rennen am 7. Mai nun zwischen dem linken Sozialisten Emmanuel Jean-Michel Frédéric Macron (Parti Socialiste, 24,0%) und der rechten Sozialistin Le Pen entschieden wird, die im ersten Wahlgang nur auf dem zweiten Platz landete.

Frexit adé!

Den Märkten war es aber offenbar ziemlich egal, welcher der zum Teil völlig austauschbaren Bewerber sich letztlich durchsetzen würde, solange es nur nicht Le Pen ist. Und für die ist das Rennen nun praktisch gelaufen. Denn die unterlegenen Kandidaten mit relevanter Wählerschaft werden nun entweder eine Empfehlung für Macron abgeben oder sich enthalten.

Während das Reservoir aus dem Le Pen zusätzliche Stimmen mobilisieren könnte, also sehr begrenzt ist, kann Macron praktisch lächelnd darauf warten, dass ihm das Präsidentenamt in zwei Wochen in den Schoß fällt. Das wäre selbst dann so, wenn einige Wähler zwar für die medial geächtete Le Pen stimmen wollen, dies aber aus Gründen der sozialen Erwünschtheit („Bradley-Effekt“) in Umfragen nicht angeben.

Für die Märkte herrschte bereits nach dem ersten Wahlgang Klarheit: Das Frexit-Szenario (France & Exit) ist erst einmal tot und wird so schnell nicht wiederbelebt werden. Entsprechend groß waren am Montag insbesondere die Kurssprünge europäischer Bankaktien. Etlichen dieser hochgehebelten Geldinstitute hätten die Verwerfungen um einen französischen Euro-Ausstieg wohl den Rest gegeben.

Allerdings ist durch die Abstimmung – und das könnte die Frage nach der „Beinlänge“ dieser politisch motivierten Hausse beantworten – kein einziges Problem gelöst worden. In Bezug auf den Euro wird es also statt eines möglichen Endes mit Schrecken weiter beim Szenario Siechtum bis zum St. Nimmerleinstag bleiben.

Zu den Märkten

Der Ausgang des ersten Wahlgangs in Frankreich hat auch den Risk-Off-Trade im Gold erst einmal beendet. Für die Investoren gab es offensichtlich wenig Grund, an Edelmetallpositionen festzuhalten, während gleichzeitig die Aktienmärkte in Champagnerlaune waren. Zumal Gold in den Wochen zuvor ordentlich performed hatte. Das ist nun erst einmal wieder vorbei.

Was der Aufwärtsbewegung der vergangenen Wochen allerdings fehlte, war eine vergleichbare Stärke des Silbers. Der Relativchart (vgl. Abb., unterer Teil) zeigt, dass Silber dem Gold hinterherhinkte – das Verhältnis von Gold zu Silber stieg (rote Linie).

Das aber wäre für eine nachhaltige Edelmetallhausse ein ziemlich ungewöhnliches Kursverhalten. In diesem Zusammenhang dürfen wir auf unsere Druckbeilage „Silber 2016“ vom letzten November verweisen. Dort ist auf Seite 7 ein Chart dargestellt, der das beschriebene Phänomen seit dem Jahr 2001 zeigt.

Im Klartext: Ohne eine Bestätigung durch stärker steigende Silberkurse gehörten Kursaufschwünge beim Gold stets in die Kategorie „netter Versuch“. Der abgebildete Relativchart müsste in einer gesunden Edelmetallhausse entsprechend fallen, weil Gold im Zähler und Silber im Nenner steht.

Fazit

Nach dem ersten Wahlgang der französischen Präsidentschaftswahl erlebten wir zum Wochenauftakt stark haussierende, aber letztlich politisch getriebene Aktienmärkte. Wie diese Episode einzuordnen ist, und was wir für den weiteren Jahresverlauf erwarten, dazu mehr im neuen Smart Investor 5/2017, der zum Wochenende erscheint.

© Ralph Malisch, Christoph Karl – Homepage vom Smart Investor

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Ein Kommentar auf "Kurze Beine?"

  1. markus45 sagt:

    Ist doch klar, warum die Kurse stiegen. Macron ist ein waschechter Vertreter der Finanzindustrie :
    https://monde-diplomatique.de/artikel/!5388627

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