Kurs-DAX auf die DAX-Tafel!

17. April 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Robert Rethfeld

Der Kurs-DAX („KDAX“) überwand am letzten Freitag – nach 15 Jahren – sein bisher gültiges Intraday-Allzeithoch von 6.306 Punkten. Dieses wurde am 03. März 2000 erzielt. Der Performance-DAX („DAX“) ließ den Allzeithoch-Korken bereits vor zwei Jahren knallen…

Das Allzeithoch des Kurs-Dax ist Anlass genug, sich – anderthalb Jahre nach Veröffentlichung unserer Kolumne „Botox-DAX-Marketing“ – erneut dem Thema Performance-DAX oder Kurs-DAX zu widmen. Die damalige Kolumne sorgte für angeregte Diskussionen.

Im Sommer 1988 erhob die Deutsche Börse den DAX zum Barometer des deutschen Aktienmarktes. Von Beginn an wurde sowohl ein Kursindex als auch ein Total-Return-Index berechnet. Im Unterschied zum Kursindex erfasst ein Total-Return-Index zusätzlich Dividendenzahlungen und andere Ertragskomponenten. Der Total-Return-Index wurde „Performance-DAX“ getauft und für die Darstellung auf der Anzeigetafel ausgewählt.

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Mit dieser Wahl beschritt die Deutsche Börse einen Sonderweg. Alle wichtigen Leitindizes dieser Welt (u.a. Dow Jones Index, S&P 500, Nikkei 225, Shanghai Composite Index, CAC 40, FTSE 100, SMI, IBEX, Euro Stoxx 50) sind Kursindizes. Lediglich der norwegische Leitindex OBX ist ein Total-Return-Index.

Warum handelte die Deutsche Börse so? Nach dem Crash von 1987 wollten sich einige Börsen neu sortieren. Die Einführung eines neuen Index wurde nicht nur in Frankfurt, sondern auch in Paris diskutiert. Die Pariser Börse brachte zu Jahresbeginn 1988 ihr neues Flagschiff, den CAC 40, als Kursindex an den Start. Die Konkurrenzsituation zwischen Frankfurt und Paris war stets intensiv. Der Gedanke, das neue Produkt „DAX“ ein halbes Jahr später als Total-Return-Index auf die Anzeigetafel zu setzen, dürfte nicht zuletzt dieser Situation geschuldet gewesen sein. Unsere Vermutung geht dahin, dass man sich einen optischen Vorsprung gegenüber dem Nachbarn herausarbeiten wollte.

Ob es tatsächlich so war, wissen nur die Beteiligten selbst. Das Argument, die Darstellung des Performance-DAX auf der Anzeigetafel wäre realitätsnäher als die Darstellung des Kurs-DAX, zieht nicht. Erstens sind Investoren kaum ausschließlich in einem DAX-ETF investiert. Und zweitens wird in etwa das, was an Dividenden gut geschrieben wird, von Brokern und/oder Fonds-Managern als Gebühr wieder abgezogen. Wenn ein Investor seinen Erfolg messen will, schaut er auf die Abrechnung seines Brokers oder Fonds-Managers, nicht aber auf die DAX-Tafel.



Eine andere Funktion ist viel wichtiger. Medial extrem präsent erzeugt die DAX-Tafel Aufmerksamkeit („Börse vor acht“, „n-tv Telebörse“). Möglichst viele Menschen sollen dazu bewegt werden, sich mit dem Thema Aktien zu beschäftigen. Der Aufmerksamkeit folgt das Geschäft, so jedenfalls die Theorie. In der Praxis dürfte die mediale Präsenz der Tafel dazu beigetragen haben, das Thema „Aktien“ beim Privatanleger am Köcheln zu halten. Eine Aufrechterhaltung des Status Quo war in den vergangenen Jahren schon ein Erfolg.

Die Frage ist nur, zu welchen Mitteln man dabei greift. Als der Total-Return-DAX („DAX“) im Mai 2013 ein neues Allzeithoch erzielte, wurde dies medial gefeiert. Der Kurs-DAX war zu jenem Zeitpunkt noch 30 Prozent von seinem Allzeithoch entfernt. Die Schere zwischen Kurs-Dax und dem Performance-DAX läuft immer weiter auseinander (folgender Chart).

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Alle wichtigen Leitindizes dieser Welt sind Kursindizes. Der internationale Vergleich unterstreicht die Absurdität eines Total-Return-Index. Bitte betrachten Sie das folgende Bild. Es suggeriert, dass die Deutsche Börse mit der US-Börse auf einer Wellenlänge funkt: DAX und S&P 500 performen deutlich besser als der Rest.

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Dabei ist der S&P 500 ein Kursindex, der DAX ein Total-Return-Index. Beide Indizes sind in keinem Fall miteinander vergleichbar. Hingegen spielt der Kurs-DAX in der Liga des Euro Stoxx 50 (klingt plausibel, da die Schnittmenge groß ist) und des CAC 40.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Als ich mich noch nicht mit diesem Thema beschäftigte, hatte ich häufig genug das Gefühl: Der DAX und die US-Märkte spielen in der ersten Liga. Die zweite Liga war dem Eurostoxx 50, der CAC 40 und anderen europäischen Indizes vorbehalten. Dieser Glaube dürfte nach wie vor weit verbreitet sein.

Es ist grundfalsch. Der DAX spielt in der europäischen Liga. Der Index macht das nicht schlecht – er hat einen kleinen Vorsprung gegenüber dem CAC 40 -, aber im Vergleich zum S&P 500 schneidet der DAX um Längen schwächer ab. Dies gilt sowohl für den S&P 500 in Euro als auch in US-Dollar. Die Deutsche Börse AG verzerrt die Performance des DAX im internationalen Vergleich – bewusst oder unbewusst. Falls nicht bewusst, nimmt sie die Verzerrung zumindest in Kauf.

Charttechnisch zeigt der Kursdax ein positives Muster. Einem langjährigen, bedeutsamen Dreiecksausbruch folgte ein Rücktest mit anschließendem steilen Anstieg.

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Natürlich könnte man nichts dagegen haben, wenn sich alle großen Börsen auf einen Total-Return-Index als Leitindex verständigen. Da eine solche Einigung unwahrscheinlich erscheint, ist die Deutsche Börse am Zug. Sie sollte sich internationalen Gepflogenheiten anpassen. Die Zahl der Börsianer, die die Darstellung eines Total-Return-Index auf der DAX-Tafel für falsch und irreführend halten, nahm in den vergangenen anderthalb Jahren stetig zu. Der Vorstand der Deutsche Börse AG sollte sich ernsthaft darüber Gedanken machen, wie eine Umstellung der DAX-Tafel auf den Kurs-DAX bewerkstelligt werden kann.

Robert Rethfeld – Wellenreiter-Invest



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