Kurs auf den Eisberg

20. März 2014 | Kategorie: Gäste

vom Smart Investor

Mit voller Fahrt voraus manövrieren Europas Banken gerade durch eine eisige See – doch wie bei Eisbergen sind die Risiken zum größten Teil unsichtbar und unter der Wasseroberfläche…

Als die Titanic im April 1912 auf den wohl bekanntesten Eisberg der Geschichte fuhr, war die Welt noch in Ordnung – der Glaube an die Beherrschbarkeit der Technik kannte keine Grenzen. Doch auch die modernste Technik konnte die Naturgewalt nicht bändigen, die sich unsichtbar für den Kapitän unter der Wasseroberfläche versteckte.

Zwei Jahre später schienen die Titanic und ihre Eleganz endgültig wie ein Relikt aus einer vergangenen Zeit. Der Ausbruch des 1. Weltkriegs erschütterte den Glauben an die Technik endgültig. Die Titanic steht seitdem sinnbildlich für den letzten Tanz einer untergehenden Epoche, deren jähes Ende durch einen Eisberg eingeläutet wurde.

Bleibt man in dieser Bildsprache, steuert Europas Bankensektor gerade auf ein Meer aus kleinen und großen Eisbergen zu – der ein oder andere mit dem Potenzial, die aktuelle Ära der Sorglosigkeit abzulösen.

Stupid German Money – reloaded

Passenderweise sind es genau Schiffe, die den Trigger darstellen könnten. Der deutsche Staat scheint es einfach nicht zu lernen: Wie so häufig in der Vergangenheit, legte auch diesmal wieder die Steuergesetzgebung den Grundstein zu einer irrsinnigen Bonanza in einem speziellen Anlagesegment.

Gilt es steuerliche Vorteile zu erlangen, schaltet sich bei deutschen Anlegern regelmäßig der ökonomische Sachverstand aus. Die sogenannte Tonnagesteuer machte es Zeichnern geschlossener Fonds möglich, Gewinne aus Schiffsbeteiligungen pauschal mit moderaten Sätzen zu besteuern. Ideal also für genau die Zielgruppe, die bislang durch Medienfonds, Flugzeugbeteiligungen und Lebensversicherungsfonds nach Verlusten gierte, um ihre Steuerlast zu senken.

Nachdem diese Modelle abgeschafft wurden, war es plötzlich nötig, aus geschlossenen Fonds Gewinne zu erzielen – warum also nicht solche, die zumindest die Steuerlast möglichst gering hielten?

Die „große Seefahrernation“ Deutschland schwang sich zum größten Schiffsfinanzier der Welt auf, bis 2008 mit durchaus beachtlichem Erfolg: Die Frachtraten für Containerschiffe stiegen unaufhörlich, durch boomende Weltwirtschaft und Globalisierung verfünffachten sich die Charterraten teilweise. Stellen Sie sich nur mal eine Mietwohnung vor, deren Miete sich innerhalb von wenigen Jahren verfünffacht. Würden Sie als Eigentümer nicht geneigt sein, auf der anderen Straßenseite gleich noch ein Haus zu bauen? Genau dasselbe taten die deutschen Schiffsanleger. Die Auftragsbücher der Schiffswerften in China und Südkorea waren bis zum Anschlag voll.

Doch mit der Finanzkrise ab 2008 kam es, wie es kommen musste: Der Schiffsverkehr brach weltweit ein, die Charterraten lagen wieder auf dem Level wie zehn Jahre zuvor. Auch der weltweite Wirtschaftsaufschwung ab 2009 konnte das Problem nicht lösen, denn die Überkapazitäten verschwanden nicht, sondern wurden sogar noch größer.

Selbst Jahre später wurden Schiffsbestellungen aus den besseren Zeiten ausgeliefert. Gleichzeitig macht sich der technologische Fortschritt bemerkbar. Aktuelle Containerschiffe brauchen rund 30% weniger Öl, gleichzeitig kostet ein Schiff, das 2008 mit 40 Mio. USD bewertet war, nur noch rund 23 Mio. USD. Bis 2008 gekaufte Schiffe sind also schlicht unökonomisch geworden. Teilweise erwirtschaften sie nicht einmal genug Charterraten, um den Unterhalt zu decken.

Keine leichte Situation, insbesondere wenn das Schiff auch noch massiv mit Fremdkapital finanziert wurde, und das war bis 2008 nahezu jedes Schiff. Typischerweise ist ein geschlossener Fonds als Kommanditgesellschaft organisiert, die Anleger haften also maximal mit ihrem eingesetzten Eigenkapital.

Sinkt der Schiffswert massiv, ist das Eigenkapital aufgebraucht. Die Anleger müssen entweder frisches Geld nachschießen oder das Schiff fällt in die Hände der finanzierenden Bank. Spätestens damit wird das Problem zu einem Bankenproblem. Rund 100 Schiffsfonds sind bereits pleite, weitere 800 sind aktuell akut von einer Insolvenz bedroht. Alte Schiffe haben häufig nur noch Schrottwert, Schiffszerleger in Indien und Pakistan dagegen Hochkonjunktur…

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Ein Kommentar auf "Kurs auf den Eisberg"

  1. Lickneeson sagt:

    “ Alte Schiffe haben häufig nur noch Schrottwert, Schiffszerleger in Indien und Pakistan dagegen Hochkonjunktur…“

    Dann wird es Zeit mal ein neues Zertifikat auf den Markt zu bringen:

    „Ship Schredder Flex Zertifikat“ Investieren Sie in die abwrackenden Länder der Emerging Markets.

    Das wäre doch auch für die Coba interessant…

    MfG

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