Krisen nutzen sich ab. Weg sind sie nicht.

5. Oktober 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Frank Meyer

Ja ja, ich weiß… Läuft! Nichts Neues unter der Sonne. Rosa Wölkchen ziehen weiter über den medial frisch geputzten Himmel. Wozu sich also Sorgen machen?

Fällt Ihnen das auch auf? Die Halbwertzeit von Krisen wird auch immer kürzer. Sie kommen und gehen, so schnell kann man gar nicht gucken. Solange aber sonst die Musik irgendwie spielt, muss man mittanzen. Nahe des Ausgangs dürfte der richtige Platz sein, um schnell draußen zu sein wie auf der Titanic. Aber wohin dann? Manchmal weiß man allerdings nicht, ob man die Tanzfläche nicht schnellstens verlassen soll, als beispielsweise in der letzten Woche die Deutsche Bank bedrohlich wankte. Doch die Musik spielte weiter. Hat jemand etwas anderes erwartet?

Eine tolle Party! Nicht wahr? Vielleicht reicht es ja an der Bar nur noch für ein Bier statt für Cocktails wie früher, aber das dreht doch auch. Schließlich werden doch für die Zukunft wieder Cocktails versprochen, wann immer das auch sein mag. Und die anderen Krisenherde sind weit weg und nicht vor der Haustür. Warum sich Sorgen machen? Nur weil einige behaupten, der große Crash wäre unterwegs? Vielleicht ist er das ja, man sieht davon nicht viel. Und solange das Geld aus der Wand kommt, und sei es auch das der anderen, kann man doch das Leben einfach genießen.

Unsere führenden Ökonomen und Schönredner erwarten einen Aufschwung nach dem Nächsten. Wann gab es eigentlich die letzte Rezession? Das muss lange her sein. Dabei waren Rezessionen früher mal die Chance für eine Bereinigung von wirtschaftlichem Wildwuchs. Heute wird dieser gedüngt, bis es selbst im Winter noch grünt. Wir wissen nicht, wie lange das gut geht, doch sind voller Hoffnung, denn auf eines kann man sich verlassen: Auf die Struktur der Leute und wie man diese seitens der Politik bedient. Sie funktionieren wie die Tasten eines Klaviers – und es ist ziemlich egal, wer die Noten vorlegt. 

Es wird viel getan, damit die Leute nichts mitbekommen und auch dafür, dass es so bleibt – wohl wissend, dass sich das Krisengerede abnutzt. Wie oft hat da jemand „Feuer!“ gerufen? Und was passierte? Sehen Sie! Und schließlich gewöhnt man sich an alles, so absurd es auch ist. Das liegt auch in der Natur des Menschen. 

Nur beim Wetter kann man noch nicht eingreifen. Wenn, hätte man am Tag der Einheit den Regen doch abbestellt. 

Apropos, ich habe mir das Spektakel der Deutschen Einheit von Mallorca aus angesehen bei weit besserem Wetter als zu Hause. Nicht dass Sie glauben, das wäre hier die „Insel der Versuchung“. Das Leben hier geht weiter. Dieses Jahr mit 58 Millionen Besuchern. Wo sonst kann man schon noch in Ruhe Urlaub machen, sagen die meisten. Ja, es hat sich schon etwas getan auf der Insel, ich weiß nur nicht was. Um die Ecke wurde für 1,2 Millionen Euro ein Radweg gebaut. Für wen eigentlich? Das Geld kam von der EU und musste weg. Heute früh lag eine tote Katze am Straßenrand. Hätte sie mal den Radweg genutzt.

Nein, im Ernst, es gibt nichts Neues auf Mallorca. Zwar gibt es in Spanien seit Monaten keine Regierung im Amt, aber wen kümmert das hier schon? Vielleicht ist es sogar besser? Das einzige, was messbar ist, sind die Temperaturen und der fehlende Regen. Die Leute gewöhnen sich wie überall an ihr Schicksal. Man muss ihnen nur entsprechend viel Zeit dafür lassen. Nur manchmal überdreht man das Gewinde einer Schraube. Das mag der Grund für die etwas seltsamen Feierlichkeiten zum Tag der Einheit gewesen sein.

Man feiert sich wieder selbst

Früher, so erinnere ich mich, verschanzte sich die DDR-Führung vor dem Volk und verschickte von dort Grußbotschaften, die mit der Realität wenig nichts zu tun hatten. Lustig! Diesmal feierte man sich selbst ausgerechnet in Dresden. Drinnen in der Oper spielte das Orchester. Draußen riefen einige, dass sie das Volk wären. Moment, wer ist denn nun das Volk? Die drinnen? Oder die draußen? In der DDR hätte man den „Pöbel“ ja schnell weggesperrt.

Dresden ist ein seltsames aber interessantes Pflaster – wie der Osten ohnehin. Liegt es daran, dass man noch Erinnerungen daran hat, verschaukelt zu werden? Oder ist es immer noch das Tal der Ahnungslosen? Machen wir uns nichts vor, Dresden ist überall, nur dort ist man am lautesten. Wenn die Leute hierzulande immer das Gegenteil von dem bekommen, was sie eigentlich möchten, verwundert es doch nicht, wenn die Gemüter auch in Mannheim, Köln, Wuppertal oder Kaiserslautern in Wallung kommen – nur eben leiser. Noch. Ich schweife ab…

Manchmal wird einem das Schicksal auch so lange vor Augen gehalten, dass man sich wünschen möchte, es solle geschehen – Hauptsache der Krach ist vorbei. Man könnte einiges als mediale Folter bezeichnen, wenn man von TTIP, CETA, EZB, Sparen, Rente und „Wir schaffen das!“ geredet wird. Macht schon! Nur hört auf damit, selbst wenn das Ergebnis wie zu erwarten sich als völlig idiotisch herausstellen wird. Aber erst später. 

Dann schlägt wieder die Stunde der Interventionisten, der Kurpfuscher, Schönredner und Weltverbesserer, die versuchen aus einem Auto eine Beule zu schlagen und damit für zwei neue Beulen sorgen. Bis das Auto kein Auto mehr ist oder nicht mehr als dieses zu erkennen ist. Übrigens ist der Beruf des Interventionisten gut bezahlt, wo man langfristig auch noch die größten Schäden anrichten kann. Mancher dieser Leute hat dabei das Gefühl, Gott spielen zu können und führt sich so auf – bezahlt mit dem Geld derer, denen man es letztlich wegnimmt.

Solange die Melkkühe auf dem Sofa liegen und abgelenkt sind, ist dieser Job krisensicher. Er wird von Krisen genährt. Nein, es gibt nichts wirklich Neues. Und wenn, erfahren wir das wirklich Wichtige nicht aus den Medien. Alles dreht sich im Kreis – selbst wenn dieser heute schon vier Ecken hat.

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4 Kommentare auf "Krisen nutzen sich ab. Weg sind sie nicht."

  1. Insasse sagt:

    Vielleicht müsste man an zwei wichtigen Stellen noch etwas verfeinern:

    „Übrigens ist der Beruf des Interventionisten gut bezahlt, wo man langfristig auch noch die größten Schäden anrichten kann. Mancher dieser Leute hat dabei das Gefühl, Gott spielen zu können und führt sich so auf – bezahlt mit dem Geld derer, denen man es letztlich wegnimmt. “

    Politiker, die regelmäßig Interventionisten sind, werden seit eh und je vom Geld des Steuerzahlers bezahlt, dem es dafür weggenommen wird. Die Frage ist, ob sich diese „Investition“ in die Organisation des Gemeinwesens rechnet („Zum Wohle des Volkes“). Wenn ich mich so umschaue, würde ich diese Frage zumindest seit Anfang des neuen Jahrtausends klar verneinen.

    „Solange die Melkkühe auf dem Sofa liegen und abgelenkt sind, ist dieser Job krisensicher. Er wird von Krisen genährt.“

    Es scheint, dass der Politiker-Job immer weniger von allgemeinen Krisen, als immer mehr von solchen, die selbstgemacht sind, genährt wird. Auf diese Weise bauen sich diese Leute, die oftmals noch nie in ihrem Leben etwas Konstruktives (und genauso wenig Produktives) geleistet haben, quasi selbst ein unendliches Geschäftsmodell auf Kosten der steuerzahlenden Bürger und gegen deren Interessen.

  2. Frank Frei sagt:

    Eine Rezesson liegt per Definition vor, wenn sich ihr Wirtschaftswachstum in mindestens zwei aufeinander folgenden Quartalen negativ entwickelt. Aha. Kann es sein, dass wir an einer kollektiven, durch Medien & Politik getriggerten, Bewusstseinsstörung/Wahrnehmungsstörung leiden, und die Rezession „einfach“ vor unseren Augen „weggezaubert wurde? Ein Taschenspielertrick? Öder schon pathologisch?

  3. JayJay sagt:

    Ja, Herr Meyer die Sache mit der Selbstbeweihräucherung unserer politischen Elite und geladenen Gästen aus Wirtschaft und Unterhaltung hat mich auch sehr an die DDR erinnert.

    Und eins ist Gewiss am liebsten hätten die sicherlich den “Pöbel“ am Straßenrand auch weggesperrt, nur ist das zum Glück noch nicht möglich, aber wer weiß vielleicht kommt das sogar alles wieder.

    Armer deutschen Biedermeierschläfer 2.0

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