Krieg im Einzelhandel – Drohne gegen Gabelstapler?

5. Juli 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Amazon ist unter Anlegern in den letzten Jahren zu einer Art gefühltem Blue Chip mutiert. Die Übernahme des Einzelhändlers Whole Foods wird jedoch sehr unterschiedlich bewertet. Zudem ist die tot geglaubte Konkurrenz lebendiger als viele glauben.

An den Börsen basieren viele Entwicklungen allein auf persönlichen Wahrnehmungen. So wird der Konzern Amazon immer noch als eine Art hyperschnell wachsendes Start-Up eingestuft, dass im Grunde jede Bewertung rechtfertigt. Nun gibt es kein Geschäftsmodell, dass jede Bewertung rechtfertigen könnte. Schlussendlich ist auch die Aktie mit der schönsten Story nur eine Verbriefung zukünftiger Cash Flows. Wer für 10 Dollar Cash Flows pro Aktie über die kommenden 30 Jahre heute 1000 Dollar auf den Tisch legt hat offenbar nicht nur wirtschaftliche Motive.

Hilfreich bei der Beurteilung zukünftiger Zahlungsströme sind Daten. Und wenn es am Finanzmarkt neben hübschen Geschichten eines im Überfluss gibt, dann sind es Daten. Interessanterweise machen sich nur wenige die Mühe, einen Blick auf diese Daten zu werfen, es ist eben so schrecklich langweilig. Wenn aber keiner mehr hinschaut und alle nur noch kaufen was sich hübsch anhört, kann das sogar eine ganze Weile gut gehen. Wer erinnert sich nicht noch an die späten 90er Jahre, in denen die Daten zwar bereits 1996 komplett schwachsinnige Bewertungen anzeigten, dies aber niemanden interessierte.

Als dann der Wecker klingelte ging es flott bergab, was auch erst nach der ersten Halbierung so richtig ins Bewusstsein schlicht, aber bis zum Minus von 80% war ja auch noch ein bisschen Zeit. Da eine hohe Bewertung noch keine Timing-Indikation ist, sollte niemand angesichts einer solchen Bewertung unmittelbar in Panik geraten. Er sollte jedoch wissen, dass sich diese Bewertungen über die Zeit immer normalisieren und dies einen oft sehr schmerzhaften Prozess darstellt. Wie sind die Chancen weiterzumachen und wie sind die Risiken? Wenn das Chance-Risiko-Verhältnis sehr asymmetrisch in Richtung der Risiken geneigt ist, sollte man darüber nachdenken, die Füße vom Gaspedal zu nehmen.

Zurück zum Einzelhandel.

Wie sieht es mit den Daten zur Entwicklung von Amazon aus? Der Konzern beackert mittlerweile eine Menge Geschäftsfelder. Besonders interessant sind sicherlich die Daten, die der Konzern sammelt. CEO Jeff Bezos sagte sinngemäß einst sehr zutreffend: Andere wissen, was die Menschen suchen. Wir wissen, was die Menschen kaufen. Ein relevanter Unterschied. Allerdings ist die Datensammelei mittlerweile zum allgemeinen Hobby geworden. Jedes mittelprächtige Unternehmen sammelt mittlerweile alle möglichen Daten und die Menschen geben ihre privaten Daten bekanntermaßen auch gerne gratis im Netz preis. Der Wert der Daten alleine ist daher nicht sonderlich hoch. Interessant ist die Art und Weise, wie man Daten aus verschiedenen Quellen kombiniert und wie man diese dann monetarisiert. Daten sind eben Daten und noch keine Informationen. Ob Amazon hier die Speerspitze darstellt darf bezweifelt werden.

Das alte Kerngeschäft, der online-basierte Einzelhandel, war in den ersten Jahren der Unternehmensgeschichte von hohen zweistelligen Wachstumsraten gekennzeichnet. Das lag vor allem am Basiseffekt. So wies Amazon im Jahr 2002 einen Umsatz von 3,9 Mrd aus. Wal Mart lag bei 217 Mrd. Seither ist der Umsatz von Amazon um satte 138 Mrd. Gestiegen. Wal Marts Umsatz stieg jedoch im gleichen Zeitraum um 270 Mrd. Dollar. Schöne Grüße von der Basis.

Hier noch ein paar weitere Daten:

Natürlich wächst Amazon noch immer schneller. Vor allem jedoch wuchs Amazon deutlich schneller und hat dies auf Grund einer extrem flexiblen Strategie und ohne den üblichen Ballast eindrucksvoll genutzt. Der Preis für das Wachstum waren und sind absolut trostlose Renditen. Viel effizienter werden kann man vermutlich kaum, aber ob man die Margen über höhere Preise anheben kann darf bezweifelt werden. 

Andere Firmen wären natürlich froh, solche Wachstumszahlen wie Amazon vorweisen zu können. Der Umsatz von Apple markierte sein bisheriges Hoch vor zwei Jahren. Der Umsatz von Coca Cola sinkt sogar seit 5 Jahren. Apple verkaufte im letzten Jahr 6% weniger als zur besten Zeit, Coca Cola satte 15%.

Die Gegenwehr vieler Konkurrenten im Einzelhandel war in den letzten Jahren halbherzig. Viele haben aufgegeben, sich auf eine kleine Nische beschränkt oder kooperieren mit Amazon. Der US-Koloss Wal Mart hat nicht aufgesteckt. Das Unternehmen, dass schon seit Ewigkeiten auf die Nutzung von Software und die Optimierung von Lieferketten setzte und so die Konkurrenz locker abhängte, scheint derzeit auf einen aggressiveren Kurs gegenüber Amazon einzuschwenken.

Die Integration der übernommenen Jet, die man für ein paar Milliarden de facto aus der Portokasse zahlen konnte, läuft langsam an, und die Wachstumsraten im Online-Handel müssen sich nicht verstecken. Dieses Segment des Einzelhändlers wuchs im letzten Quartal auf Jahressicht um 63%.

(Forbes) Walmart has always excelled at selling products in its cavernous stores. It appears to be getting its head around selling online, too.

On Thursday, the company said e-commerce sales had grown 63 percent in the United States in the latest quarter. The unexpected leap offered the strongest evidence yet that Walmart, the country’s largest retailer, is making headway in its effort to be as prominent online as it is across the American landscape.

Das ist deutlich schneller als das Wachstum von Amazon. Auch hier greifen natürlich Basiseffekte. Dennoch sind die Entwicklungen bemerkenswert. War der online Umsatz von Amazon vor einem Jahr noch mehr als sechs mal so hoch wie der von Wal-Mart, liegt das Verhältnis nun noch bei Einbeziehung der letzten Wachstumsraten bei rund 5. Nebenbei macht das Unternehmen noch mehr als 400 Mrd. Dollar Umsatz im klassischen Geschäft mit beneidenswerten Margen und Cash Flows.

So langsam deutet sich eine Schlacht der Einzelhändler in den USA an. Kampflos wird der alte Platzhirsch keinen Boden preisgeben. Man darf gespannt sein mit welchen Methoden die beiden aufeinander losgehen. Die Langeweile im US-Konsumsektor ist jedenfalls beendet.

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3 Kommentare auf "Krieg im Einzelhandel – Drohne gegen Gabelstapler?"

  1. Argonautiker sagt:

    Wenn etwas eine gewisse Größe und Dominanz erreicht hat, dann wird die Ernährung immer mehr zu einem Problem, denn um Sättigung zu erreichen, muß auch die Beute Wachsen. Ein Tiger kann sich nicht von Amöben ernähren. Es braucht Wesen, die Amöben fressen, die wieder von etwas noch größerem gefressen werden, bis die Wesen eine Größe erreicht haben, die auch einen Tiger sättigen.

    Die Beute eines mittels Zins zu einem Wachstumzwang verurteilten Wesen wächst aber schon aus dem Grunde nicht so schnell nach, weil der Hunger von stetig Wachsendem immer einen Schritt voraus ist. Hätten sie Kinder, deren Hunger immer wachsen würde, sie hätten keine Chance die ab einer gewissen Größe satt zu kriegen.

    Man könnte also sagen, durch den exponentialen Wachstumzwang des Zinses, erreicht man irgendwann eine Größe, an dem man die Beute so lang abgrasen muss, bis der Nachwuchs nicht mehr nachkommt. Das ist der Zeitpunkt, wenn den Großen und Dominanten nichts anderes mehr übrig bleibt, als einander zu fressen, um noch leidlich satt zu werden. Wirtschafts Kanibalismus. Wer geht in Wem auf? Amazon in Wal Mart, oder umgekehrt? Spannend? Wohl eher nicht.

    Denn auch das hat ein finales Ende. Dann wenn der Highländer sein Ziel erreicht hat, und es nur noch einen Mega Konzern gibt, steht der immer noch unter Wachstumszwang. Der verhungert dann, und zersetzt sich selbst.

    Es sei denn, die Konzerne lernten zu Pubertieren. Das heißt von Wachtum auf Erhalten umzustellen. Mit dem auskommen was genug ist. Physisches Wachstum anhalten und nach Innen Wachsen. Leben. Es sieht derzeit nicht danach aus. Warum sieht es nicht danach aus? Weil die, die nun überall an der Spitze stehen, und bestimmend sind, nur dadurch an diese Spitze kommen, wenn sie genau das eben nicht nur nicht tun, sondern gar nicht können, mit etwas zu frieden sein.

    Das Prinzip eines automatisierten exponentialen Wachstumzwangs mittels Zins kennt nur ein Ende, einmal Dominant geworden, sodaß er bestimmend wird, zerstört er alles, auch sich selbst.

    Die Dinosaurier, werden immer trauriger, denn Dinosaurier dürfen nicht mehr sein.

    Wer kommt durch? Die Amöben, und all die, die so klein sind, daß sie die Dinosaurier noch nicht mal als Beute wahrnehmen.

    Es ist gut das die Dualität höher als die Kausalität steht, weil das Unmögliche dadurch geschehen kann.

    Alles, was jetzt in Größe flüchtet, weil es denkt, dann kann mir keiner was, dürfte irgendwann ins Wundern geraten.

    Weitsichtigkeit muss keine Krankheit sein.

  2. Michael sagt:

    Walmart waren die ersten die ein Data-Warehouse einsetzen. Walmart gilt als Vorreiter, deren Anforderungen haben schon Einfluss auf die Entwicklung von Technologien. Die sind mittlerweile auch sehr gut in Realtime. Die schauen auf Information. Geht ein neues Gut zu einem gewissen Zeitpunkt.

    Die Logistikstrukturen in den U.S. sind ganz andere. Message Broker, Converter usw… waren Businessmodelle.

    Amazon hatte den One-Click Buy Mechanismus zu Zeiten zu denen am Internet der Kunde von der Bestellung und Bezahlung von 4 bis 6 Formularen wurde abgehalten. Hinter OneClick Buy steht die die vollautomatische Abwicklung inkl. Storno noch während des Bestellvorgangs.

    Mich beschleicht eher der Verdacht, dass die Automatisierung viel mit überhaupt die Volumina zu stemmen zu tun hat.

    • Argonautiker sagt:

      „Mich beschleicht eher der Verdacht, dass die Automatisierung viel mit überhaupt die Volumina zu stemmen zu tun hat.“

      Da stellt sich für mich die Frage, was war zuerst da, das Volumen, oder die Nachfrage. Mußte man die Automatisierung wegen der Nachfrage so konstruieren, oder wollte man das Volumen erweitern, um andere mittels Quantität anstatt Qualität unterbieten zu können und hat das deswegen so konstruiert?

      Ein feiner aber wichtiger Unterschied, denn ob die Nachfrage noch Ursache ist, oder die Konkurrenz zueinander, zeigt, in wieweit die Märkte durch den Kampf der großen Konzerne untereinander bestimmt werden, oder eben noch vom freien Markt.

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