Kredit und Vertrauen

6. September 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Die Ruhe, für die die Zentralbanken auf den Finanzmärkten gesorgt haben, ist eine trügerische Ruhe. Kredit (ein Wort, das abstammt vom lateinischen Verb “credere“ und „glauben“, „vertrauen“ bedeutet) spielt im heutigen Geldwesen eine zentrale Rolle…

Dazu muss man wissen, dass das Geld – ob nun US-Dollar, Euro, chinesischer Renminbi oder Schweizer Franken – durch Bankkreditvergabe geschaffen wird. Damit Geld im Umlauf ist, braucht es folglich jemanden, der einen Kredit aufnimmt, und es muss eine Bank geben, die in der Lage und willens ist, den Kredit zu vergeben.

Banken erhalten Kredite von der staatlichen Zentralbank und zwar zu günstigen Konditionen: Die Zinsen, die sie an die Zentralbank zahlen, liegen in der Regel deutlich unter den Zinsen, die sie ihren Kreditkunden in Rechnung stellen. Das macht es verlockend für Banken, sich zu verschulden und Kredite an Private, Unternehmen und den Staat zu vergeben.

Dies hat mehrere Gründe.

(1) Weil der Geldwert chronisch schwindet, kann der Schuldner die berechtigte Erwartung haben, dass er seinen Kredit in wertgemindertem Geld zurückzahlen kann, dass er also von der Verschuldung profitiert (auf Kosten des Kreditgebers).

(2) Der Kauf von Sachvermögen (in Form von Grundstücken, Häusern, Aktien etc.) ist aussichtsreich, weil die Preise dieser Vermögensbestände im Zeitablauf ansteigen, und auch das ist für ihn vorteilhaft.

(3) Durch Kreditfinanzierung lässt sich die Eigenkapitalrendite „hebeln“. Das verlockt natürlich ebenfalls, sich zu verschulden.

Die Anreize, denen Banken und Kreditnehmer in einem Kreditgeldsystem unterliegen, sprechen für ein Anwachsen der Schulden. Und genau das lässt sich in allen Volkswirtschaften, in denen das Geld durch Bankkreditvergabe produziert wird, beobachten: Im Zeitablauf steigt die Verschuldung relativ zur Wirtschaftsleistung immer weiter an. Was aber, wenn das Ver- trauen in den Kredit schwindet?

Verlieren Banken das Vertrauen, dass die Kreditnehmer in der Lage sind, ihre Schulden zu bedienen, drehen sie den Kredithahn zu. Sie fordern Kreditnehmer, deren Kredit fällig wird, auf, ihre Kredite zurückzuzahlen. Kreditnehmer, die damit gerechnet haben, dass sie fällige Kredite durch neue Kredite ablösen können, geraten in Bedrängnis: Ihnen droht mitunter die Zahlungsunfähigkeit. Angesichts solcher Probleme verlieren diejenigen das Vertrauen, die ursprünglich geplant hatten, sich zu verschulden.

Wenn Banken Altschuldner auffordern, fällige Kredite zurückzuzahlen, und wenn Neukreditnehmer abgeschreckt werden, sich zu verschulden, droht das Kreditgeldsystem zu kollabieren. Die Geldmenge beginnt zu schrumpfen, und das lässt früher oder später die Güterpreise fallen. Eine wachsende Zahl von Schuldnern ist dann nicht mehr in der Lage, ihren Schuldendienst zu leisten. Banken erleiden Zahlungsausfälle, weisen Verluste aus. Das Vertrauen in die Banken schwindet. Die Geldhäuser geraten in Zahlungsschwierigkeiten, weil Sparer ihre Einlagen abziehen. Im Zuge einer solchen Abwärtsspirale geraten immer mehr Schuldner und Banken in Probleme. Die gesamtwirtschaftliche Nachfrage knickt ein, es kommt zur Rezession oder gar Depression.

In 2008 und 2009 gab es derartige Vertrauensverluste sowohl auf der Kreditnachfrage- als auch Kreditangebotsseite. Viele Staaten und Banken erhielten keine Kredite mehr, oder wenn, dann nur zu Konditionen, die sie sich nicht leisten konnten. Die Kreditkonditionen für private Haushalte und Unternehmen verschlechterten sich ebenfalls, und ihre Kreditnachfrage ging zurück. Dem weltweiten, ungedeckten Papiergeldsystem drohte der Zusammenbruch. Er wurde nur dadurch abgewendet, dass die Zentralbanken die Zinsen senkten und strauchelnden Staaten und Banken de facto jeden gewünschten Geldbetrag zusicherten, damit offene Rechnungen bezahlt werden konnten. Auf diese Weise wurden die Kreditausfallsorgen aus den Finanzmärkten vertrieben.

Lassen sich diese Markteingriffe so ohne weiteres zurückführen? Vermutlich nicht.

Eine Abkehr von der Tiefzinspolitik würde das Schuldgeldsystem wieder in Schwierigkeiten bringen. Sollten die Zinsen merklich steigen, wird das Vertrauen in die Kreditqualität von Staaten, Banken, Unternehmen und Konsumenten schwinden. Vor allem die großen Volkswirtschaften sind heute höher verschuldet als noch vor Ausbruch der Krise 2007/2008, ihre Zinsabhängigkeit ist größer denn je. Denn es wurden in den letzten Jahren nicht nur neue Kredite zu Tiefstzinsen aufgenommen. Es wurden auch fällige Kredite durch neue Kredite ersetzt, die mit Tiefstzinsen ausgestattet sind. Schon leicht steigende Zinsen würden daher überdehnten Schuldnern arg zusetzen.

Durch die Eingriffe der Zentralbanken sind Zahlungsausfallsorgen zwar aus den Märkten vertrieben worden, jedoch sind nun die Marktkräfte stark beeinträchtigt. Weniger die Einschätzung der tatsächlichen Kreditfähigkeit der Schuldner, sondern vielmehr die Erwartung, die Zentralbanken werden keine politisch ungewollten Zahlungsausfälle zulassen, bestimmt Zinsbildung. Kreditrisiken werden dadurch unterschätzt. Fehlentwicklungen stellen sich ein. Sparer und Investoren werden angehalten, Schuldnern Geld zu leihen, deren Finanzlage bei ungetrübter Sicht der Dinge als kreditunwürdig einzustufen wäre. Die Fähigkeit der Märkte, knappe Ressourcen zum besten Wirt zu lenken, wird geschmälert. Das schwächt die Wachstumskräfte. Produktion und Beschäftigung leiden, und das wirkt sich wiederum negativ aus auf die Schuldentragfähigkeit der Volkswirtschaften.

Die Markteingriffe der Zentralbanken sind daher keine Dauerlösung des zentralen Problems, das nun im Schuldgeldsystem zutage getreten ist: das schwindende Vertrauen in den Kredit. Ein künstlich abgesenkter Zins schafft vielmehr neuerliche Probleme. Die Ruhe, für die die Zentralbanken auf den Finanzmärkten gesorgt haben, ist daher eine trügerische Ruhe. Dass sich aktuell neuerliche Fehlentwicklungen aufbauen, ist absehbar, nicht aber, wann und wo sie in Erscheinung treten.
© Prof. Thorsten Polleit
Quelle: Marktreport der Degussa Goldhandel GmbH


 

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