Krähen unter sich

18. Juni 2015 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Am Dienstag entschied der Europäische Gerichtshof (EuGH) über die Rechtmäßigkeit des Ankaufs von Staatsanleihen durch die EZB. Konkret ging es um die von der EZB im Jahr 2012 beschlossenen „Outright Monetary Transactions“ (OMT), mit denen sich die Notenbank den prinzipiell unbegrenzten Ankauf von Staatsanleihen der Euro-Länder genehmigte.

EZB-Chef Draghi signalisierte damals im Vorfeld seine unbedingte Bereitschaft mit den berüchtigten Worten „Whatever it takes“. Der EuGH wurde tätig, weil das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) die Frage im Jahr 2014 an ihn zur Klärung weiterleitete. Im Klartext: Obwohl die Karlsruher Richter seinerzeit nicht umhin konnten, das OMT-Programm als Kompetenzüberschreitung der EZB zu bewerten, vertrauten sie wohl darauf, dass letztlich die Luxemburger Richter die Kastanien doch noch aus dem Feuer holen würden. Sie selbst wollten sich diesmal nicht so weit verbiegen.

Andererseits wollte man in Karlsruhe auch keinesfalls der „Euro-Mörder“ sein – gegen alle Bedenken winkte man in der Vergangenheit eine lange Reihe von Rechts- und Vertragsbrüchen der „Euro-Retter“ mit einem praktisch folgenlosen „Ja, aber“ durch.

Jetzt lieferte der „Gerichtshof der Europäischen Union“, wie sich der EuGH selbst nennt. Eigentlich war von vornherein klar, dass so entschieden würde. Zwar war das Merkel-Wort „Scheitert der Euro, dann scheitert Europa“ nichts weiter als eine allgemeine Einschüchterungsformel, ganz ausschließen kann man aber nicht, dass ein Scheitern des Euro die aktuelle Superbürokratie „Europäischen Union“ und deren Institutionen empfindlich treffen würde.

Hinter dem Urteil der EuGH-Richter steckt also auch die Sorge um die eigene Bedeutung und die eigenen Arbeitsplätze. Eine ernsthafte Gewaltenteilung gibt es in der EU ohnehin nicht. Die Akteure setzen sich zwar lustige Hüte wie „Kommission“, „Parlament“, „Notenbank“ oder „Gerichtshof“ auf, funktionieren bei bestandsgefährdenden Entwicklungen aber streng nach dem Motto: „Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus“.

Denn in einem sind sich alle einig: Die von den europäischen Steuerzahlern finanzierten „Rundum-Sorglos-Pakete“ wollen die Akteure noch möglichst lange genießen. Die einzig spannende Frage war, wie man den Pflock umspielen würde, den das BVerfG mit seiner Rechtsauffassung bereits eingeschlagen hatte. Nun, die EU-Richter machten es sich leicht und pflügten den „Pflock“ einfach unter – der Ober sticht den Unter, wie das in Bayern heißt.

Apropos Bayern: Einer der Kläger, Dr. Peter Gauweiler, kritisierte das Urteil als „schweres Fehlurteil“ und sogar als „Kriegserklärung“. Konsequenzen? Richtig. Keine. Damit hat die Draghi-EZB EU-höchstrichterlich den Freibrief zur Errichtung des größten europäischen Schrotthandels aller Zeiten erhalten. Entsprechend beruhigt darf man sich im neuen Frankfurter Glashaus auch hinsichtlich des aktuellen QE-Programms zurücklehnen – die Luxemburger Spezies werden bestimmt nicht mit Steinen werfen.

Schauspiel nach Plan

Spürbare Dynamik kommt seit einigen Tagen in die Diskussionen mit der griechischen Regierung rund um Alexis Tsipras und Yanis Varoufakis. Sie werden sagen: „Nicht schon wieder Griechenland, ich kann es nicht mehr hören!“ Und damit geht es Ihnen wohl wie einem Großteil der deutschen Bevölkerung. Denn kaum jemand hat noch gesteigerte Lust jeden Tag aufs Neue in den Abendnachrichten von neuen Spielchen, Finten und Durchhalteparolen rund um das hellenische Schuldendrama zu sehen und zu hören.

Ein Schauspiel, das üblicherweise nach einem festen Drehbuch abläuft: Zunächst gibt es eine Meldung aus Brüssel. Eine neue, diesmal allerdings tatsächlich letzte Frist drohe unmittelbar abzulaufen. Würde nun im Schuldenstreit keine Lösung gefunden, würden in Athen binnen Tagen die Lichter ausgehen. Besorgte Gesichter in einem Konferenzraum werden gezeigt, danach europäische Spitzenpolitiker, die mit ernster Miene in Limousinen steigen. Ein kurzer Schnitt, danach erklärt ein deutscher Politiker den grundsätzlichen Willen der Bundesregierung den Griechen helfen zu wollen. Wenn diese sich nur helfen lassen würden (hier dürfen Sie sich nun sämtliche Gesichter der deutschen A- und B-Politprominenz vorstellen, je nach Vorliebe).

Doch die Geduld der Eurozone sei natürlich nicht auf ewig belastbar. Im Anschluss gibt es noch ein paar Bilder des EZB-Hochhauses oder von Mario Draghi, mit dem Hinweis auf deren bestehendes Engagement zur Eindämmung der Krise. Abschließend wird ein kurzer Kommentar eines „griechischen Bürgers von der Straße“ über die Schlechtigkeit der Zustände und die Ausweglosigkeit in seinem Heimatland gezeigt.



Good Cop, Bad Cop

Von dieser Rhetorik abgesehen ist die Verhandlungslage jedoch relativ einfach zu analysieren: Das Geschehen folgt nach wie vor der Logik der Spieltheorie. Tsipras und Varoufakis drohen mit einem Abbruch der Verhandlung. In genauem Wissen, dass der Plan B der Eurozone in Wahrheit nicht vorhanden ist. Die Eurogruppe dagegen möchte Stärke beweisen und versucht nach außen hin den harten Verhandlungsführer zu markieren. Auf der anderen Seite gibt die EZB der griechischen Seite nach wie vor die nötige Unterstützung durch ELA-Kredite, vielleicht die Grundausstattung für einen Neustart nach einem Euro-Austritt (wir berichteten darüber im letzten Smart Investor Weekly ausführlich).

Mario Draghis Rolle ist nämlich eindeutig die des „Good Cops“, während Jean-Claude Juncker offensichtlich zuletzt in der Rolle des „Bad-Cops“ vollends aufgeht. Der mögliche „Grexit“ wird angesichts der weiteren Liquiditätshilfen durch die EZB für die Griechen immer lohnenswerter, für die Eurozone dagegen immer kostspieliger. Eine Strategie, wie sie wohl nur jemand wählt, der am Ende diesen Schritt verhindern will. Nach neuesten Meldungen steht nun am Wochenende eine große Runde der Regierungschefs zum Thema Griechenland an. Nachdem die Verhandlungen auf der Arbeitsebene zuletzt beendet wurden, müssen es nun die Premierminister zur „Chefsache“ erklären. Womit wir wieder beim oben beschriebenen üblichen Drehbuch wären, welches dann wieder im Fernsehen zu verfolgen sein wird.

Zu den Märkten

n der Aktienanalyse gibt es ein Grundproblem: Das Interesse der Anleger bzw. eine bereits vorhandene Position vernebeln das Urteilsvermögen. Im schlimmsten Fall ist die „Analyse“ dann eine Mischung aus Schönreden und Wunschdenken. Etwas Abhilfe kann man hier möglicherweise dadurch schaffen, dass man sich vergegenwärtigt, dass es an der Börse praktisch nie den „glasklaren“ Kauf oder Verkauf gibt. Das muss schon deshalb so sein, weil selbst da, wo sich ein Käufer oder Verkäufer seiner Sache absolut sicher ist, niemand die Gegenposition aus reiner Menschenfreundlichkeit einnimmt.

Man ist also gut beraten, sich stets daran zu erinnern, dass man mit Marktteilnehmern handelt, deren Gewinnerzielungsabsichten man mindestens so ernst nehmen sollte wie die eigenen. Wer also nach eingehender „Analyse“ ausschließlich Argumente für oder ausschließlich Argumente gegen eine Investition findet, der kann sich relativ sicher sein – er hat nicht tief genug und/oder nur einseitig analysiert.

2015-06-17_DAX

Der DAX zeigt uns aktuell eine solche, ambivalente Situation, die sich noch(!) immer nicht in die eine oder andere Richtung aufgelöst hat.

Was angesichts der Kursrückgänge von knapp 1.500 Punkten seit Mitte April vielleicht etwas aus dem Fokus geraden ist: Damals markierte der Deutsche Aktienindex ein Allzeithoch. Eindeutig negativ ist dagegen die Verletzung des seit Oktober währenden Aufwärtstrends (Abb.; rote Linien). Allerdings folgte dem Trendbruch kein panischer Abverkauf, sondern ein geordneter Rückgang innerhalb der blau markierten Flaggenformation.

Nun sind wir innerhalb nur einer Woche zweimal auf deren unterer Begrenzung aufgesessen (gelbe Markierungen) und gestern kräftig nach oben abgeprallt. Ebenfalls positiv: Dies geschah in unmittelbarer Nähe der ehemaligen Widerstandslinie aus den Tops von Januar und Juni 2014, die sich damit als Unterstützung erwies (grüne Linie). Insgesamt würde das den korrektiven – und damit trendbestätigenden – Charakter der Abwärtsbewegung seit dem Allzeithoch unterstreichen.

Auch wenn es sich nun zeitlich weiter aufgeschlüsselt hat, halten wir eine Aufwärtsbewegung, wie auf Seite 51 der aktuellen Printausgabe Smart Investor 6/2015 skizziert, für die wahrscheinlichste Alternative. Dabei können auch neue Allzeitochs erreicht werden. Das Risiko dieser Situation besteht in einem dynamischen Ausbruch aus der Flagge nach unten. Dieses sollte durch einen Stopp-Loss abgesichert werden.

Das Szenario eines nochmaligen Aufschwungs wäre auch mit den Prognosen von Martin Armstrong (vgl. Smart Investor 5/2015) kompatibel, der Markteinbrüche für Anfang Oktober erwartet. Sein Fokus liegt allerdings auf einem Crash des Rentenmarktes. Als der Bund-Future nach Erreichen der „magischen“ 160-Punkte-Marke massiv abverkauft wurde, dürften dies etliche Marktteilnehmer schon für „The Big One“ gehalten haben. Das stünde jedoch erst im Oktober nach einer Zwischenerholung an.

Fazit

Egal ob zwischen EuGH und EZB, Tsipras und Varoufakis, Merkel und Schäuble, Bundesregierung und EZB – das Spiel mit verteilten Rollen ist im „Rettungseuropa“ wieder groß in Mode. Letztlich aber ziehen alle an einem Strang für den Euro: „Vorwärts immer, rückwärts nimmer!“

© Ralph Malisch, Christoph Karl – Homepage vom Smart Investor


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