Das Ende der Täuschung

16. Mai 2009 | Kategorie: Kommentare

Die Emotionen schlagen hoch, die Börsen fallen tief. Das Rettungspaket in den USA ist vorerst gescheitert. Wie weiter? Muss der Dow erst weitere 1000 Punkte fallen, um ein „Ja“ zu erzwingen? Wir werden sehen. Cui bono. Wem nutzt es?

Es war ohnehin ein seltsamer Tag. Die Hypo Real Estate hat es zerrissen. Mit einem 35 Mrd. EUR schweren Rettungspaket hat man versucht, die vor der Klippe zu retten. Im Ernstfall zahlen die Steuerzahler die Zeche. Sie wurden nicht einmal danach gefragt. Und Herr Funke, der Chef von der HRE gibt vielleicht schon bald Kurse an der Volkshochschule im „Schönreden“ sofern man ihn lässt. Nein! Es ist kein Wunder, dass Banker sagen können was sie wollen und damit nichts mehr ausrichten können. Nach zu vielen Lügen fehlt nun der Glaube.

Macht hoch die Tür, das Tor macht weit…“ tönt es aus den Fenstern der Notenbanken. Ja is denn heit scho Weihnachtn? Offenbar doch. Nur die Geschenke sind keine. Es sind Kredite. Geschenke werden aus ihnen erst, wenn man sie nicht mehr zurückzahlen muss. Dafür braucht man eine neue Blase, die so schnell nicht aufgepumpt sein wird. Seit gestern übernimmt die EZB die Aufgabe des Interbankenmarktes. Keine Bank traut mehr der anderen. Warum auch? 620 Mrd. USD stellte gestern die FED Verfügung. 620.000 Millionen USD. Und alle stehen an.
In den kommenden 12 Monaten werden zehn deutsche Banken selbst 340 Mrd. EUR an Krediten suchen, um alte Schulden mit neuen zu tilgen.

Von Ausschau halten nach Schwierigkeiten schrieb ich zu Beginn des Jahres. Es sind jetzt nicht nur mehr Schwierigkeiten für Börsianer, es werden zunehmend die Schwierigkeiten für den Otto Normalverbraucher, der den Gürtel enger schnallen will und muss und sorgenvoller in die Zukunft schaut. Sein Brötchengeber wird vielleicht morgen schon die Türen schließen, weil ihm die Banken Kredite vorenthalten hat, weil sie selbst nicht mehr kreditwürdig war und nichts vergeben konnte.

Eine Korrektur ist eine Reaktion auf eine Täuschung mit umgekehrten Vorzeichen, schreibt Bill Bonner. Die Täuschung muss riesig gewesen sein, wenn man auf die Reaktion schaut. Es geht um Vertrauen, das durch zuviele nichtssagende und dumme Worte ausgehöhlt wurde. Und viele werden sich jetzt auf die Suche nach Menschen machen, bei denen Worte und Taten übereinstimmen. Davon ist aber nichts zu sehen. Was wird jetzt aus den armen Quacksalbern, die ständig Optimismus verspritzen und deren jeder dritte Satz eine Halbwahrheit war oder gar eine Täuschung? Was wird mit denen, die bislang jeden aufgetischten Quatsch glaubten?

Und wenn da jemand den Stecker an der Börse ziehen sollte, die Erde wird sich garantiert weiter drehen, vielleicht etwas langsamer und vielleicht auch mit weniger von denjenigen, die das ganze verbockt haben. Die Verrücktheiten werden zumindest wieder zurechtgerückt. Es wird wirklich Zeit. Vielleicht crasht der Markt in den kommenden Tagen. Wer kann das jetzt schon einschätzen? Der DAX ist jetzt billiger. Ist er aber billig genug, um zugreifen zu müssen?

Doch ich habe auch ein Stück Bewunderung für diejenigen, die Henry Paulson keinen Blankoscheck ausstellen wollten, mit dem er und seine Kumpels die Macht zementieren und ohne Kontrollen schalten und walten hätten können. Gratulation an diejenigen, die genug Verantwortung in ihrem Herzen fanden.

Gleichzeitig beschleicht ein komisches Gefühl. Wenn wie vor wenigen Stunden die Nacht am tiefsten ist, wird man einen neuen Anlauf wagen, um die Bedächtigen umzustimmen. Wenn der Dow Jones ein paar tausend Punkte tiefer steht, werden die Zögerer vielleicht bemerken, dass sie demnächst vielleicht gar keine Entscheidungen mehr treffen können. Dann wird es spannend! Denn es geht nicht nur um Geld, sondern es geht vor allem um Macht. Dafür haben die, die sich gestern gegen das Rettungspaket entschieden haben, sicherlich auch hart gearbeitet.


Nachtrag „Kommentar von Robert Rethfeld
vom Wellenreiter

In den USA ist die Volksstimmung gegenüber dem Rettungsplan zu 90% negativ. Bei den
Wahlen im November stehen nicht nur der Präsident, sondern auch Teile der Abgeordneten
des US-Kongresses zur Wiederwahl. Es ist davon auszugehen, dass jeder einzelne
Abgeordnete wiedergewählt werden möchte. Ein votieren für den Rettungsplan schmälert
die Chance auf eine Wiederwahl. Die Balance persönlicher (Abstimmungsverhalten:
„Nein“) und gesamtstaatlicher Interessen (Abstimmungsverhalten: „Ja“) überfordert die
Abgeordneten. Wie heißt es so schön: Das Hemd sitzt näher als die Hose.

Das beste Zitat eines US-Abgeordneten, der die Situation nach der gestrigen Ablehnung
des Rettungsplanes einschätzte, ist das folgende: „Der Fall des Dow Jones Index um 777
Punkte ist ein ziemlich kräftiges Argument, weitere 12 Stimmen zu finden, um den
Rettungsplan doch noch verabschieden zu können“. Wir sind gespannt, ob dies im Vorfeld
der Wahlen tatsächlich gelingen kann. Ich schätzte die Wahrscheinlichkeit, dass versucht
werden wird, die notwendigen 12 Stimmen zu kaufen, als recht groß ein. Im Falle des
konstruktiven Misstrauensvotums gegen Willy Brandt im Jahr 1972 erhielten mindestens
zwei CDU-Abgeordnete vom Ministerium für Staatssicherheit der DDR jeweils 50.000 DM,
um sich Ihrer Stimme zu enthalten. http://de.wikipedia.org/wiki/Willy_Brandt
In den USA geht es um viel mehr, so dass die Summen dort höher ausfallen dürften. Im
Nachhinein könnte sich das Tamtam um die Abstimmung zu einem Skandal entwickeln,
wie es die USA zuletzt im Watergate-Skandal zur Zeit Richard Nixons erlebt haben. Wir
werden wahrscheinlich erst Jahre später erst davon hören.

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