Kommunale Mangelerscheinungen

24. November 2010 | Kategorie: RottMeyer, Zeitlos

vom Bankhaus Rott
Da der Mensch lediglich zwei Augen im Kopf hat, kann es beim Versuch alle schwelenden Krisenherde im Blickfeld zu behalten, schon einmal eng werden. Hüben ist es mal wieder die so genannte Peripherie der Europäischen Union, ein Begriff, der wohl fälschlich suggerieren sollte, es handele sich bei der Verschuldungssituation lediglich um einen eingerissenen Fußnagel, während der ganze Organismus nur so vor Kraft strotzt…

In den Vereinigten Staaten wird munter das Füllhorn der Fed geschwenkt, während die darbende Realwirtschaft sich über die ausbleibenden Steuereinnahmen in die Bilanzen vieler Bundesstaaten und Kommunen hinein frisst…

Die Diskussion um vorhandene Risiken flackert in Europa regelmäßig auf. Dabei wird sie nur selten unterbrochen, sei es durch nicht haltbare Garantieversprechen aus der Großpolitik oder durch allenfalls belustigende Dokumente verschiedener Institutionen. Erinnern Sie sich noch an den schon legendären „Banken-Stresstest“? Alles prima lautete das Fazit, ein bisserl mehr Eigenkapital hier, ein bisschen mehr Regulierung dort, mehr fehle eigentlich nicht zur Heilung des Bankensektors. Ein wenig später musste dann die EZB zu offenen Anleihekäufen übergehen – nicht gerade

ein Zeichen für Stabilität – und dennoch ließen sich mittlerweile sogar vermeintliche Repräsentanten dazu hinreißen, den „Aufschwung“ für sich zu reklamieren. Ob sich diese Personen, deren Namen wir uns beim besten Willen nicht merken können, in zwei, drei Jahren noch dazu bekennen, für die aktuelle ökonomische Situation verantwortlich gewesen zu sein? Oder wird dann mit völlig „überraschenden externen Schocks“ á la Irland argumentiert?

So furchtbar überraschend sollten die Probleme eigentlich nicht sein, immerhin sind sie mittlerweile einige Jahre alt. Allein das Rotationsprinzip in den Medien sorgt für einen wechselnden Fokus. Heute Irland, gestern Griechenland und morgen sind vielleicht mal wieder die schwächelnden US Kommunen oder der kranke britische Immobilienmarkt am Pranger. Eine Problematik für gelöst zu halten, weil sie es in der Berichterstattung gerade nicht auf Seite eins in die Gazetten schafft, ist doch wenig tiefschürfend und der Situation nicht angemessen.

In der Zwischenzeit, Fokus oder nicht, verstärkt sich der Druck auf die US-Kommunen und die entsprechenden Anleihen – die Municipal Bonds. Der Kursrutsch der Papiere sieht im Chart eines beispielhaft gewählten Fonds dramatisch aus. Ein Blick auf die Skala verdeutlicht aber das bisher noch halbwegs im Rahmen befindliche Ausmaß. Nichtsdestotrotz korrigierte diese kurze Bewegung den vorangegangenen, über Monate anhaltenden, fundamental nicht untermauerten Anstieg.

Von den Tiefs sind die Papiere noch weit entfernt, das im jetzt im Laufschritt erreichte Niveau entspricht in etwa dem Stand aus dem Herbst 2009. Während diese Bewegung vielerorts als Ausdruck neu aufflammender Sorgen um die Solvenz der Schuldner betrachtet wurde, sollte diese erste Abwärtsbewegung in großen Teilen auf die Insolvenz des ehemaligen Anleiheversichers Ambac zurückzuführen sein. Diese Firma hatte die Papiere von US-Kommunen gegen Ausfälle versichert, so dass diese ein gutes Rating erhielten und auf diesem Wege die Finanzierungskosten drücken konnten. Ein Modell, das von Beginn an Unsinn war und schlussendlich auch folgerichtig von der Insolvenz des Monoliners gekrönt wurde.

Absinkende Ratings können dazu führen, dass Investoren, die nur dazu in der Lage sind, verschiedene Kombinationen der Buchstaben A und B auseinander zuhalten, zum Verkauf gezwungen sind, so dass es simultan zu zahlreichen größeren Orders kommt. Gerade bei Fonds, die quasi rein per Excel-Tabelle verwaltet werden ist dies der Fall. Schade um die Managementgebühren.

Ob nun die Pleite von Ambac der Auslöser war oder nicht, die Situation vieler Emittenten von Municipal Bonds ist nicht beneidenswert. Dies gilt für die Bundesstaaten selbst, betrifft aber in noch größerem Ausmaß viele Städte und Gemeinden, so dass es bereits zu zahlreichen Offenbarungseiden kam. Unlängst hat es das Städtchen Hamtrack im Staat Michigan erwischt.

Viele Kommunen sind direkt von Transferleistungen der Bundesstaaten abhängig, die selber in keiner guten Verfassung sind. Besonders betroffen waren in den letzten Jahren diejenigen Bundesstaaten, die die größte Abhängigkeit vom Immobilienmarkt aufweisen. Bekanntester Vertreter dieser Gattung ist Kalifornien, ein Staat der finanziell seit Jahren am Rande des Zusammenbruchs wandelt. Wie in früheren Krisen herrscht Hochkonjunktur allenfalls beim Einfallsreichtum, wenn es darum geht, eine strukturelle Lösung auf die lange Bank zu schieben. Auf diesem Feld hat es der Sunshine State zu wahrer Meisterschaft gebracht. So kam es unter anderem in Ermangelung anderer Gelder zur Neuauflage der IOU genannten Schuldscheine. Um potenzielle Anleger zu ermutigen, dem Staat weiter Geld zu leihen wurde auch eine Internetseite mit dem offenherzigen Titel „Buy California Bonds“ (für Interessierte: buycaliforniabonds.com) gestartet. Wenn es auch ehrenrührig ist, auf diesem Weg Mittel aufzutreiben, so ändert dies natürlich nichts an den hartnäckigen Defiziten und dem stetig steigenden Kosten des Schuldendienstes.

Von der Entwicklung der Bevölkerung hat sich dieser Trend offensichtlich deutlich abgesetzt. Nicht ignoriert werden darf in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass der Anteil der Menschen, die überhaupt einen Job haben, im dargestellten Zeitraum deutlich gesunken ist. Die steigende Last verteilt sich so auf immer weniger zahlungsfähige Bürger. Die offizielle Arbeitslosenquote Kaliforniens liegt deutlich über dem nationalen Mittel und übersteigt auch in der geschönten Version locker die 12% Marke. Die umfassende Quote U6 findet sich bei 22% wieder, ein erschreckender Wert. Auf Grund der kollabierten Nachfrage nach gebrauchten und neuen Häusern zerfällt vor allem der Bausektor, in dem es zu massiven Entlassungen kam und immer noch kommt.

Mittlerweile ist hier das Niveau aus der Mitte der 90er Jahre wieder erreicht worden – Trendwende? Fehlanzeige.

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