Kommt ein neuer Goldstandard? (Manfred Gburek)

23. Mai 2009 | Kategorie: Kommentare

Diese Woche zeigte weniger an den Aktienmärkten „Auffälligkeiten“ sondern vor alem am US-Anleihemarkt und beim US-Dollar. Anleger gergriffen die Flucht. Die 10-jährigen US-Anleihen stiegen in der Rendite auf um 35 Basispunkte. Das ist eine Menge Holz. Der Dollar-Index fiel unter die 80er Punkte-Marke. Dafür legte Gold auf 960 USD zu und auch Silber kletterte hinterher. Manfred Gburek beschäftigt sich in seinem Wochenendartikel mit dem Thema „Goldstandard“. Bitteschön…!

Comeback des Währungsklassikers „Dollar schwach, Gold stark“ – was steckt dahinter? Dieses Mal mehr als sonst. Ursache Nr. 1: Die von den Notenbanken mit Geld vollgestopften Geschäftsbanken finden immer weniger Kreditnehmer, die ihnen genug beleihbare Werte zur Absicherung von Krediten vorweisen können, und legen das Geld deshalb vorsichtshalber zu Minizinsen an. Das trifft vor allem den US-Dollar, die führende internationale Währungsreserve, der man die Reservefunktion außerhalb der USA immer weniger zutraut, und begünstigt das oft als „Anti-Dollar“ bezeichnete Gold.

Damit zum Teil zusammenhängend kommt nun Ursache Nr. 2 ins Spiel: Die vom US-Dollar mehr oder weniger abhängigen Länder – allen voran China wegen der hohen Exporte in die USA, aber auch die Golfstaaten, weil Öl in der amerikanischen Währung abgerechnet wird – sind es leid, auf diese Weise von den USA abhängig zu sein und zusehen zu müssen, wie der Dollar an Kaufkraft verliert.

Zunächst zu Ursache Nr. 1, die zur Erläuterung zwar etwas volkswirtschaftliche Theorie erfordert, aber trotzdem sehr spannend ist: Ob Werte, beispielsweise Staats- oder Firmenvermögen, beleihbar sind, hängt davon ab, ob sie einem Eigentümer wirklich gehören. Ist dieser bereits überschuldet, steht es schlecht um die Beleihbarkeit, denn unter Berücksichtigung der Schulden kann er in Wahrheit gar nicht mehr frei über sein früheres Eigentum (jetzt nur noch Besitz) verfügen. Das bekommen zurzeit neben einer Unzahl maroder Unternehmen auch Staaten zu spüren, deren Bonität durch Ratingagenturen heruntergestuft wurde, von einigen EU-Ländern bis zu ehemaligen Musterschuldnern wie Japan. Bald auch die USA?

Die von der US-Notenbank Fed oder von der Europäischen Zentralbank kurz und klein gehackten offiziellen Zinsen können also nominal zwischen 0 und 1% liegen und real noch so sehr ins Minus rutschen, dennoch bevorzugen die Geschäftsbanken für die Anlage des vielen verfügbaren Geldes lieber etwas, was ihnen sicherer erscheint als die Kreditvergabe an überschuldete Staaten und Firmen.

Die spannende Frage, ob sie dabei auch an Gold denken, müsste eigentlich ausgeblendet werden, weil das Edelmetall keine Zinsen bringt und weil es wegen des – etwa im Verhältnis zu Aktien oder Anleihen – geringen Marktwerts kaum eine Geldlawine verkraften könnte, ohne dass sein Preis extrem in die Höhe schösse. Doch gerade diese Überlegung könnte manchen Banker reizen, das Spiel mit der Asset Inflation beim Gold, womöglich auch bei den anderen Edelmetallen und bei diversen Rohstoffen fortzusetzen: mittels Kreditvergabe durch Beleihung eines höheren Zukunftswerts.

Dieses Spiel hat ja um die Jahrtausendwende schon weltweit mit Aktien und später mit amerikanischen Eigenheimen funktioniert, bis es abrupt endete. Schließlich ist Gold als beleihbarer Wert ja nicht schlechter als überbewertete Aktien wie einst Deutsche Telekom, EM.TV oder Sun Microsystems oder wie danach Bruchbuden in Texas oder Florida. Zugegeben, die Idee vom Gold als Beleihungswert mag manchem von Ihnen auf Anhieb abwegig erscheinen; aber lassen Sie sich mal durch den Kopf gehen, warum Exchange Traded Funds (ETF) unter Führung von SPDR im ersten Quartal 2009 laut Statistik des World Gold Council über 465 Tonnen Gold verfügten, was mehr als einer Versechsfachung innerhalb Jahresfrist entsprach. Hier bliebe allerdings noch die Frage nach den wahren Eigentumsverhältnissen und Lagerstätten zu beantworten.

Wenden wir uns nun Ursache Nr. 2 zu. Aufhänger ist hier zunächst eine aktuelle Meldung, wonach der Traum einiger Golfstaaten von einer eigenen Gemeinschaftswährung nach dem Muster des Euro-Währungsraums geplatzt sein soll. Wie es heißt, seien sich vor allem Saudi-Arabien als Befürworter und die Vereinigten Arabischen Emirate als Gegner eines solchen Experiments nicht einig geworden. Von hier an beginnen allerdings die Spekulationen ins Kraut zu schießen, die sich vor allem an der Frage aufhängen, warum ausgerechnet die Saudis als den USA besonders zugetane Verbündete deren Währung durch Einführung einer Euro-Kopie unterlaufen sollen. Tatsache ist indes, dass außer vielen anderen Ländern, reichen wie armen, neben China als Dollar-Multimilliardär besonders die ölreichen Golf-Anrainer nicht mehr lange zusehen wollen, wie ihr Vermögen durch die neuerliche Dollar-Schwindsucht dahinschmilzt.

Derweil hat China, von der breiten Öffentlichkeit kaum bemerkt, bereits den ersten Teil der Wende weg vom Dollar vollzogen: durch das Absorbieren des ganzen im eigenen Land geförderten Goldes. Glaubt man den offiziellen Statistiken, geht es dabei immerhin um 282 Tonnen. Hier dürfte es sich um den zweiten Teil einer langjährigen Entwicklung handeln, die in den vergangenen Jahren mit dem Streit zwischen den USA und China um das richtige Verhältnis der chinesischen Währung Yuan zum Dollar begann und wahrscheinlich mit einem Ereignis enden wird, das man sich heute erst mit viel Phantasie vorstellen kann: mit einer neuen Weltwährungsordnung.

Bemühen wir also die Phantasie, es könnte sich lohnen. Theoretisch kommen für eine solche Ordnung sieben Möglichkeiten in Betracht:

1. Stabilisierung des Dollars, womöglich mit fester Anbindung an den Euro;

2. kleiner Währungskorb mit vier bis fünf führenden Währungen;

3. großer Währungskorb entsprechend den G-20-Mitgliedern;

4. Auffrischung der angestaubten Sonderziehungsrechte;

5. Gold-Devisen-Standard wie von 1944 bis 1971;

6. Rohstoffkorb;

7. Goldstandard.

Für Nr. 1 ist es aus den schon genannten Gründen wahrscheinlich zu spät, es sei denn, die Euro-Mitglieder sind zu erheblichen Opfern zugunsten der USA bereit.

Nr. 2 und 3 führen automatisch zum Streit, wer dazugehören darf und wer nicht.

Nr. 4 ist mangels allgemeiner Akzeptanz schon einmal sang- und klanglos in der Versenkung verschwunden.

Nr. 5 erfordert eine Einigung nicht nur zwischen einer dann um Großbritannien und sonstige EU-Mitglieder erweiterten Euro-Zone und den USA, sondern vor allem auch zwischen den USA, China und anderen großen Ländern, wie Russland, Indien und Brasilien.

Nr. 6 führt automatisch zum Streit zwischen rohstoffreichen und -armen Ländern. Nr. 7 wäre zwar vernünftig, wobei man durchaus auch Silber hinzunehmen könnte; aber ohne dass die USA dann größere Opfer bringen müssten, ginge da nichts.

Wie ginge es doch? Im Prinzip ganz einfach, und darin liegt der wirkliche Charme von Nr. 7: Außer den USA müssten auch weitere Länder Opfer bringen. Das heißt, wenn die USA sich im Ausland nicht mehr beliebig verschulden könnten, weil zum Beispiel China dieses Spiel mittels Käuferstreik bei amerikanischen Staatsanleihen beendet, würde der Dollar erst auf ein niedrigeres Niveau gegenüber anderen wichtigen Währungen fallen, sich danach aber stabilisieren. Zu diesen Währungen dürfte auf jeden Fall der Euro gehören.

Sieger wäre das Gold, und zwar gemessen in Dollar wie auch in Euro, immer unter der realistischen Annahme, dass das Vertrauen in die beiden Währungen nicht über Nacht zurückkehrt. Wie sollte es auch? In diesem Zusammenhang Preisziele für das Gold zu nennen, ist wiederum nur mit viel Phantasie möglich. Ein mittlerer vierstelliger Preis in Dollar erscheint möglich, entsprechend einem nicht ganz so hohen Preis in Euro. Darauf sollten Sie jetzt spekulieren, bevor es andere tun. Dabei wünsche ich Ihnen viel Glück!

Manfred Gburek, 22. Mai 2009
Homepage von Manfred Gburek

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