Kollaps verpennt? Weiterschlafen!

9. September 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Im aktuellen Geschrei um die Kursverluste beim DAX und an den amerikanischen Börsen ist der Flash-Crash zahlreicher ETFs leider untergegangen. Warum interessiert es niemanden, wenn Fonds die zig Milliarden schwer sind aus dem nichts heraus um mehr als 40% fallen?

Warum interessiert es niemanden, wenn ETFs teilweise mehr als dreimal so hohe Kursverluste hinnehmen, wie der Index, den sie nachbilden?

Vielleicht passt der bizarre Kurseinbruch, den viele ETFs aufs Parkett legten, nicht ins schöne neue Bild von „Robo-Investing“ und einfachen „20 Euro im Monat“-Fondssparplänen. Oder haben Sie in der Tagesschau vom kurzfristigen Debakel der Exchange Traded Funds gehört? Nein?

Nun, an mangelndem Ausmaß der Kursverluste kann es nicht gelegen haben. So hat der iShares Core S&P 500 ETF am Tag, als der S&P 500 Index rund 5% verloren hat zwischenzeitlich mehr als 20% abgegeben. Der Fonds ist rund 65 Milliarden Dollar schwer.

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Besonders erfrischend ist der Kollaps des – ausgerechnet – Powershares S&P 500 Low Volatility ETF. Er fiel um mehr als 40%. Der Fonds ist 4,6 Milliarden Dollar schwer.

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Einer der Gründe für die Probleme sind die Handelsaussetzungen zahlreicher Einzeltitel, die den üblichen Arbitrage-Mechanismus, der die Preise von ETF und Index zusammenhält, verhinderten oder erschwerten. Die Aussagen der Anbieter, es seien nicht nur ETFs betroffen gewesen sind leider nicht sonderlich beruhigend.

Die Thematik derartiger Probleme wird uns sicher noch eine Weile begleiten und die Anbieter müssen sich wohl auf einiges Sperrfeuer der Regulierer gefasst machen. Ob gerade diejenigen, die sich zwar um die siebte Nachkommastelle der Bankenkapitalberechnung kümmern, wichtige Probleme aber ausblenden, die richtigen sind, um für eine Verbesserung zu sorgen, darf bezweifelt werden.

Schlussendlich entscheidet der Kunde mit seinem Geld ob ihm bestimmte Risiken als Preis der Bequemlichkeit angemessen erscheinen oder nicht. Schlussendlich werden aber wohl die meisten weiterhin schlafen, mit dem Dumbphone herumdaddeln und im Fall der Fälle über den schlimmen Finanzmarkt jammern. Immerhin, schön wenn es noch vorhersehbare Verhaltenweisen gibt. Schuld sind bekanntlich immer die anderen. Für alle anderen gilt die einfache Regel: Wenn Sie dreimal „kein Problem“ gehört haben, wird es Zeit die Beine in die Hand zu nehmen.

Fragen Sie doch einmal bei Ihrem Sparplananbieter nach.
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Glücksspiel ETF

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11 Kommentare auf "Kollaps verpennt? Weiterschlafen!"

  1. astroman sagt:

    Ist denn das Hauptproblem dieser überschießenden Kursverluste bei ETF – grob vereinfacht formuliert – letztlich auch wieder ein zu illiquider Markt? Wenn einige ETF ausgesprochene Schwergewichte sind und per Stop Loss Limit zeitgleich in hoher Stückzahl mit einem Schlag auf den Markt geworfen werden und dann (wenn ich das richtig verstanden) zu einem großen Teil wieder in ihre Bestandteile, die einzelnen Wertpapiere zerlegt werden, hat das ja zudem eine gewisse „Schrapnell“-Wirkung auf viele Einzeltitel.

    Die Grundidee des ETF ist ja an sich ganz smart. Aber wie so oft steckt der Teufel anscheinend im Detail. Nervös macht das einen schon, denn schließlich sollte man ja mit Stop Loss absichern, aber die Order bei -10% aufgegeben wird und man dann bei -40% oder noch schlechter verkauft, ist das ja zumindest – suboptimal…

  2. Insasse sagt:

    „Kollaps verpennt? Weiterschlafen!“ Die Überschrift ist geschickt gewählt. Die ebenfalls denkbare Variante „Kollaps verpennt? Aufwachen!“, käme in der heutigen Zeit dagegen schon fast einem Aufruf zur Revolution gleich. Und das geht ja gar nicht, wo sich Vater (oder besser: Vater_in?) Staat so viel Mühe macht, seine Schäfchen weiter im Tiefschlaf zu halten. Da hat das Bankhaus doch wieder alles richtig gemacht: Informieren ja; aufwecken nein. Das diese Methode tatsächlich funktioniert, werden die Robo-Investing-Schäfchen auch mit ihrer künftigen „Weiter so“-Geldanlage beweisen. 😉

    Schöne Grüße vom Insassen

    • Bankhaus Rott sagt:

      Guten Morgen Insasse,

      vielen Dank!

      „Informieren ja; aufwecken nein.“

      Natürlich, denn geht es nicht nur noch darum, kein falsches Signal zu senden 🙂

      Beste Grüße
      Bankhaus Rott

      • Insasse sagt:

        Hallo Bankaus Rott,

        „Natürlich, denn geht es nicht nur noch darum, kein falsches Signal zu senden.“

        Ich habe verstanden. Für diese überaus gelungene Formulierung, haben Sie sich nun wirklich auch einen Literturpreis verdient. Bitte suchen Sie sich einen aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Literaturpreisen 😉

        Schöne Grüße aus der Anstalt! Man liest sich…

        • Bankhaus Rott sagt:

          Hallo Insasse,

          fein, uns fällt sofort der Franz-Kafka-Literaturpreis ins Auge. Ob das etwas damit zu tun hat, dass wir gerade Herrn Juncker und seinen Knappen gesehen haben?

          Jetzt müssen wir uns wieder an der Vernunftausgabestelle anstellen. Die müsste eigentlich gleich hinter der nächsten Ecke sein!

          Beste Grüße in die Anstalt
          Bankhaus Rott

          • Insasse sagt:

            Hallo Bankhaus Rott,

            der Franz-Kafka-Literaturpreis ist es also geworden. Unter diesen Umständen eine gute Wahl – herzlichen Glückwunsch! 😉

            Wenn ich mir die Leute in der Großstadt, in der ich lebe, so anschaue, ist Vernunft hier ein echter Ladenhüter. Wahrscheinlich sind deshalb hier so viele arm, fühlen sich dafür aber sexy. Dementsprechend scheinen die Ausgabestellen alle in Konkurs gegangen zu sein. Um die Ecke konnte ich jedenfalls keine finden. Da sind Sie in Ihrer Region offenbar klar im Vorteil. Dass Sie sich dort allerdings anstellen müssen, kann ich mir nicht wirklich vorstellen. Es sei denn, Sie gehen gemeinsam mit den Autoren dieses Blogs zur Vernunftausgabe, worauf die zahlreichen vernünftigen Artikel ja hindeuten könnten.

            Dass Sie sich aber den Juncker noch antun?! Bei dem kommt doch absolut nichts Vernünftiges mehr heraus. Naja, ein kleines bisschen Unvernunft muss wohl doch hin und wieder mal sein. 🙂

            Schönen Feierabend aus der Anstalt vom Insassen

  3. Dave sagt:

    Ich versuche das jetzt auch schon seit einiger Zeit für mich einzuordnen und freue mich, dass auch vom Bankhaus Rott ein Artikel dazu kommt (ganz grunsätzlich mag ich Ihre Art zu schreiben sehr).
    Bei Zerohedge gab es ja auch einige Artikel zu diesem Thema. In einem, den ich gelesen habe, geht es darum, dass man mit ETFs allokiert und nicht investiert und dass das von vielen Leuten nicht bedacht wird. Dann macht man eben Sachen wie beim investieren, setzt stop-loss-orders und wird in so einen Flash-Crash rasiert.
    Meine Frage nun: Ist das hier ein ganz grundsätzliches Problem, was ETFs als Konstrukt haben und letztlich Geld in illiquiden Marktphasen verbrennen oder bin nur ich dran Schuld, wenn ich sie falsch benutze (z.B. mit stop-loss-orders), meine Anteile in einen illiquiden Markt kippe und dabei Geld verbrenne?

    • Dave sagt:

      Wurde der Link zu dem älteren Beitrag nachträglich hinzu gefügt oder habe ich ihn zuerst übersehen? In erstem Fall danke für den Hinweis, ein mit wichtigen Informationen gespickter Artikel. In letzterem Fall bitte ich um Entschuldigung für’s Übersehen und danke natürlich trotzdem für den wichtigen älteren Artikel.

      • Bankhaus Rott sagt:

        Hallo Dave,

        der link war schon da 🙂

        Zu Ihrer Frage. Sie sprechen zwei wichtige Probleme an. Zum einen die Illiquidität der zu Grunde liegenden Anlageklassen. Diese kann auch bei Aktien ein Problem werden, deutlich ausgeprägter ist sie aber bei High Yield Bonds oder auch höhergradigen Unternehmensanleihen. Generell ist der Anleihemarkt viel illiquider als mancher Index suggeriert. Was passieren kann, wenn man illiquide Produkte in eine liquide Hülle verpackt, zeit das Beispiel der „offenen“ Immobilienfonds. Schlimmstenfalls muss so ein Vehikel geschlossen und abgewickelt werden. Der Anleger kommt damit erst später an sein Geld und weiß nicht, wieviel bei der Abwicklung herauskommt. Mit zwanzig kann das mancher aussitzen, mit 70 kann das böse ausgehen.

        Die strukturellen Probleme von ETFs (abgesehen von der grundsätzlichen netten Idee) sind vielseitig. Ein Problem ist die Preisfindung, die von einem Arbitrage-Prozess abhängt. Bei einem ETF bedeutet dies, ist der Preis des ETFs zu tief, kann jemand den ETF kaufen und ein entsprechendes Aktienportfolio verkaufen. Das bringt die Preise wieder in Einklang. Sind aber nicht alle Aktien handelbar, die für die Abbildung des Portfolios benötigt werden, wird der Prozess unsauber bis unmöglich. Das kann zu massiven Verwerfungen führen, wie man sie jetzt bei einigen Aktien-ETFs sehen konnte.

        Problematisch ist dies nicht nur, wie manche annehmen, für Daytrader. Es gibt viele Anlagestrategien (von Risk Parity mit gehebelten Bondinvestments bis zu diversen Long/Short- Ansätzen) die nur dann funktionieren, wenn der Preisfindungsmechanismus ordentlich funktioniert. Durch Zwangsliquidierungen kann es schnell zu größeren Auswirkungen auf den Gesamtmarkt kommen.

        Ein Swap-basierter ETF ist ein Derivat, kein echter Fond.

        Wir hoffen, Ihnen ein wenig weitergeholfen zu haben!

        Beste Grüße
        Bankhaus Rott

  4. Luxic sagt:

    Sehr geehrtes Bankhaus Rott,

    Zitat:
    „Warum interessiert es niemanden, wenn ETFs teilweise mehr als dreimal so hohe Kursverluste hinnehmen, wie der Index, den sie nachbilden?“

    Vielleicht interessiert es ja doch so ungefähr eine handvoll Menschen. Wenigstens ein bisschen. 😉
    An dieser Stelle möchte ich mich mal bei allen Autoren dieser Seite herzlich bedanken.

    Grüße von einem interessierten Leser

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