Knappe Kredite

8. Februar 2014 | Kategorie: Gäste

von Prof. Thorsten Polleit

Im Euroraum schrumpfen die Bankkredite. Die Ausleihungen aller Geldhäuser an Private und Unternehmen gingen im Dezember 2013 um 2,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurück…
Die Gründe für diese Entwicklung dürften sowohl auf der Angebots- als auch auf der Nachfrageseite zu finden sein. So scheuen Banken mit knappen Eigenmitteln davor zurück, neue Kreditrisiken einzugehen.

Gleichzeitig ziehen es Unternehmen und Private vor, ihre Ausgaben aus Eigenmitteln und nicht durch Kreditaufnahmen zu finanzieren, oder sie vertagen Teile ihrer Ausgaben.

Ein Schrumpfen der Kredite ist in mehrfacher Hinsicht bedeutsam. Zum einen könnte es eine Konjunkturdämpfung andeuten, denn das Bankkreditwachstum und die Wirtschaftsentwicklungen waren bislang in der Regel recht eng miteinander verbunden (siehe Graphik).

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Quelle: Thomson Financial, eigene Berechnungen
*Die Zeitreihen sind inflationsbereinigt

Zum anderen schürt das Schrumpfen der Bankkredite, sollte es sich fortsetzen, bei vielen Marktbeobachtern Deflationssorgen. Das erklärt sich wie folgt: Durch Bankkredite wird neues Geld in Umlauf gebracht.

Vergibt eine Bank einen Kredit an zum Beispiel ein Unternehmen, steigt die Geldmengean. Wird ein Kredit jedoch zurückgezahlt – schrumpft also der Kreditbestand -, schrumpf die Geldmenge in der Volkswirtschaft.

Das fortgesetzte Anwachsen der Geldmenge ist üblicherweise mit einem Ansteigen aller Güterpreise (von Konsumgütern bis hin zu Aktien und Grundstücken) im Zeitablauf verbunden.

Ein dauerhaftes Absinken der Geldmenge (als Folge eines fortgesetzten Schrumpfens der Bankkredite) würde vermutlich früher oder später auch zu einem Absinken der Preise auf breiter Front führen. Mit anderen Worten: Aus einem „inflationären Regime“ würde ein „deflationä-res Regime“. Das wiederum hätte weitreichende Auswirkungen für die Volkswirtschaften.

Wer verschuldet ist, gerät unter Druck. Denn die sinkenden Preise erhöhen den realen Wert der Verschuldung. Beispielsweise wäre in einem deflationären Umfeld mit sinkenden Löhnen zu rechnen.

Ein Arbeitnehmer, der sein Haus mit Kredit finanziert hat, wird feststellen, dass seine Einnahmen sinken, aber sein Schuldendienst gleichbleibt, dass er im Extremfall seine Zahlungen nicht mehr leisten kann.

Ähnliches gilt für verschuldete Unternehmen. Auch sie müssten ihre Schulden bedienen, was natürlich zusehends schwieriger wird, wenn die Absatzpreise für ihre Güter fallen.

Und natürlich kommen vor allem auch Banken und Staaten – die großen Schuldner – in Bedrängnis, wenn eine schrumpfende Geldmenge zu fallenden Preisen führt. Banken müssten mit hohen Kreditausfällen rechnen, die ihnen Verluste bescheren. Und weil die Eigenkapitaldecke vieler Banken hauchdünn ist, könnten sie rasch vor dem Aus stehen.

Staaten verzeichnen sinkende Steuereinnahmen, und Investoren werden misstrauisch, ob die Regierungen noch in der Lage oder willens sind, ihre Schulden fristgerecht zu bedienen.

Daraus kann sich – wie jüngst beobachtbar – ein allgemeiner Vertrauensverlust entwickelt, der die Zinsen steigen lässt und es Schuldnern unmöglich macht, fällig werdende Kredite durch neue Kredite zu ersetzen.

Diese Überlegungen sollten bereits deutlich machen, dass eine Deflation im Kreditgeldsystem weitreichende Folgen hätte, Folgen, denen Regierende und Regierte ausweichen wollen.

Es ist daher auch nicht überraschend, dass eine „Bekämpfung“ einer deflationären Entwicklung bereits eingeleitet ist. So kauft die amerikanische Zentralbank (Fed) Anleihen im Kapitalmarkt auf.

Diese Käufe bezahlt sie mit der Ausgabe von neuem Geld. Das auf diesem Wege geschaffene neue Geld trägt dazu bei, die US-Dollar-Geldmenge insgesamt weiter ansteigen zu lassen.

In ähnlicher Weise handeln die Bank von Japan und die Bank von England. Auch sie sorgen durch ihre Ankaufspolitik von Anleihen für ein Anwachsen der umlaufenden Geldmenge… (Seite 2)

 

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3 Kommentare auf "Knappe Kredite"

  1. Zaubrberg sagt:

    Prof. Thorsten Polleit ist Monetarist in Reinform… Monetarismus ist laut Flassbeck eine überholte Denkweise die man vergessen kann. Flassbeck stellt es vom Kopf auf die Füße: Weil die Löhne so niedrig sind üben die Menschen Kaufzurückhaltung. Kein Unternehmer investiert aber wenn er jetzt schon auf Überkapazitäten sitzt – was soll das für ihn bringen? Da kann man die Geldmenge ausdehnen so lange und so viel man will, die Geldmenge kauft keine Autos, keine Möbel, keine Waschmaschinen – wenn man nicht die Masseneinkommen spürbar erhöht wird es immer weiter in die Deflation rutschen – Japan ist der Beweis – Japan können die Monetaristen nicht erklären…

  2. Samsara sagt:

    Das bisherige QE ala der FED brachte den meisten Leuten überhaupt nichts, es führte nur zu einer zunehmenden Umverteilung von unten nach oben. Wenn man wirklich die Deflation bekämpfen will, kann man das neue Geld den Leuten gleich selber geben. Etwa 3000 Euro pro Einwohner im Euroraum, als Versuchsballon. Dies würde mit Sicherheit die Deflation stoppen. Bei einer eventuellen Inflation hätte wenigstens auch jeder etwas davon gehabt.

    Für eine Familie in Spanien mit 2 Kindern und Schulden könnte dies die Rettung bedeuten (und damit auch für die Bank hilfreich sein). Auch in Griechenland würden die Leute zum ersten Mal etwas von Europa erhalten, und nicht nur die dortige Kleptokratie.

    An Stelle der Finanzwirtschaft würde das neue Geld ausnahmsweise mal überwiegend an die Realwirtschaft gehen.

  3. Lotus sagt:

    Ja, die Geldmenge in der Volkswirtschaft könnte schrumpfen, aber nicht nur wegen weniger Kredite, sondern auch deshalb, weil überall in Europa die Bürger/Kleinunternehmer ihr Geld von Konten holen. Die Missgunst ist groß geworden, was die politische Elite zu verantworten hat. Man kann nicht der Ideologie wegen, ganze Volkswirtschaften und deren Bürger zerstören, nur weil schwache Regierungsvertreter meinen, den Kontinent Europa zu einem Staat zusammen zu führen. Hier zeigten die letzten Jahre, dass Verbrechen von oberster Stelle vollzogen wurden. Das Volk reagiert dementsprechend.

    Leider wird diese Tatsache des Rückzugs aus Institutionen (Banken, Versicherungen, Rentenvorsorge usw.) kaum beachtet, was bedeutet, daß der Wink mit dem Zaunpfahl „Vermögensabgabe“, NSA und Merkelscher Volksignoranz Wirkung zeigt. Denn die Löhne wachsen wie bekannt nicht und gespart wird wie früher, auch ohne Banken und öffentlichen Erklärungen. Insofern können jegliche Statistiken schon nicht passen. Die Tatsache Niedrig-Zinsen und Abzocke hat sich ja nun schon längst eingeprägt.

    Und wenn Inflation oder Deflation übertrieben eintreten sollte, kann das Volk sowieso nur zusehen, welches Einsparpotential noch vorhanden ist. Was wiederum die Kriminalstatistik, Steuervermeidung und Privatgeschäftigkeit erhöht. Dann geht es ab aufs Land, wo die Selbstversorgung Konjunktion haben wird. Aber davon abgesehen, läuft in D. sowieso schon ein Dagegen im Stillen. Der Trend des Geldes zurück ins Private hat begonnen, woran sich die vergessenen Kleinstbetriebe schon längst beteiligen.

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