Klartext zu Aktien und Aktienfonds

13. April 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Manfred Gburek

Die Börsen bewegen sich „auf einem Niveau wie 1929 vor der Weltwirtschaftskrise“. Das sagte neulich Stefan Kreuzkamp, Anlagestratege des Vermögensverwalters Deutsche Asset Management, in einem Interview mit der Schweizer Zeitung Finanz und Wirtschaft. Abgeleitet aus dem Shiller-Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), das – anders als das gängige aktuelle KGV – auf dem Durchschnitt der Unternehmensgewinne der vergangenen zehn Jahre beruht und zudem um die Inflationsrate bereinigt ist.

Aber warum sind die Aktienkurse deshalb noch nicht zusammengebrochen? Kreuzkamp gibt unter anderem diese Antworten:

Die Unternehmensgewinne wachsen weltweit.

Die USA seien wegen der von Donald Trump geplanten Steuerreform „der Joker“.

Die Aktienkurse folgen langfristig der Gewinnentwicklung der Unternehmen.

Steigen die Gewinne jetzt weiter, sei aus aktueller Sicht ein Kursanstieg „im mittleren einstelligen Prozentbereich realistisch“.

Kurz nach Veröffentlichung des Interviews erschien eine Studie des Finanzdienstes Marketwatch mit äußerst brisanten Daten. Darin wird nachgewiesen, dass die dem Trend folgenden amerikanischen Spekulanten („dumb money“) – erfahrungsgemäß so gut wie immer die Verlierer – für Aktien jetzt positiv gestimmt sind wie noch nie. Und dass die Commercials („smart money“) – so gut wie immer die Gewinner – die höchsten Short-Positionen aller Zeiten aufgebaut haben.

Nach der Lektüre beider Quellen drängt sich die Frage auf: Soll man als privater Anleger noch die Chance auf einen Kursanstieg im mittleren einstelligen Bereich wahrnehmen oder lieber abwarten, bis die Shorties recht behalten und die Aktienkurse in die Tiefe stürzen? Ich neige zur zweiten Alternative, bin mir aber darüber im Klaren, dass sie mir unter Umständen sehr viel Geduld abverlangt. Denn so, wie die Aktienkurse in Europa und in Amerika seit nunmehr acht Jahren mit nur kleinen bis mittleren Unterbrechungen allen Short-Attacken standgehalten haben, könnte es ja bleiben. Wie lange noch? Das kann niemand wissen.

Aus Erfahrung und belegt durch die Kursentwicklung vergangener Jahrzehnte, ja Jahrhunderte, weiß man allerdings, dass ein ohne größere Unterbrechungen andauernder achtjähriger Aufwärtstrend der Aktienkurse höchst selten vorkommt. Und das Shiller-KGV ist auch nicht zu verachten. Folglich heißt es aus Sicht privater Anleger, weiter geduldig zu bleiben, statt noch den letzten Zipfel des bisherigen Aufwärtstrends mitzunehmen.

Institutionelle Anleger, also Fonds und Vermögensverwalter, ticken da ganz anders: Würden sie nicht nach dem besagten Zipfel greifen und so riskieren, beim Performance-Rennen um die Gunst von privaten Anlegern, Versicherern oder Stiftungen zurückzufallen, könnten sie ja riskieren, dass das von ihnen verwaltete Geld zur Konkurrenz abwandert. Oder auf den Punkt gebracht:

Ein Fondsmanager, der Siemens-, SAP-, Daimler- und Bayer-Aktien mit Kursgewinnen zu früh verkauft, riskiert eine solche Abwanderung und damit seinen Job. Dagegen befindet sich ein Fondsmanager, der mit dem Verkauf dieser Aktien zu lange wartet und sie am Ende womöglich mit Verlust verkaufen muss, im Kollektiv mit vielen ähnlich agierenden Fondsmanagern, und er darf seinen Job behalten.

Private Anleger genießen demgegenüber gleich drei Privilegien.

Erstens: Sie sind nur sich selbst einschließlich ihrer Familie Rechenschaft schuldig.

Zweitens: Im Gegensatz zu institutionellen Anlegern können sie bei Bedarf all ihre Aktien – mit Ausnahme solcher in engen Märkten – von heute auf morgen kaufen oder verkaufen, ohne Gefahr zu laufen, die Kurse durch ihre Order in den Steil- oder in den Sinkflug zu schicken.

Drittens: Diese Flexibilität ermöglicht es ihnen, das durch institutionelle Anleger verursachte Auf und Ab der Aktienkurse zum eigenen Vorteil zu nutzen.

Das dürfte jedem Anleger einleuchten. Also alles paletti? Noch nicht ganz. Denn das Gespür für die Auswahl erfolgversprechender Aktien und das richtige Timing, diese beiden Garanten überdurchschnittlicher Kursgewinne kommen nicht mal eben angeflogen, sondern müssen gewissermaßen einstudiert werden. Doch bei entsprechender Disziplin lohnt sich dieses Vorgehen allemal. Und um den Blick nach vorn zu richten: Nicht zuletzt das Shiller-KGV spricht dafür, sich als privater Anleger gerade jetzt in Geduld zu üben und abzuwarten, bis institutionelle Anleger mit ihren Aktienverkäufen für lukrative Kaufkurse sorgen.

Manfred Gburek – Homepage

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