Keine Welt ohne Zins

14. Juli 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Der „Urzins“ ist aus dem menschlichen Dasein nicht wegzudenken. Der negative Zins der Zentralbank richtet großen Schaden an.

Der Zins (oder genauer: der „Urzins“ oder „neutrale Zins“) lässt sich aus dem menschlichen Handeln nicht wegdenken. In ihm kommt eine Wertdifferenz zum Ausdruck: Der Mensch schätzt das gegenwärtig verfügbare Gut höher als das erst künftig verfügbare Gut. Beträgt zum Beispiel der Wert eines Euro, der erst in einem Jahr verfügbar ist, 0,90 Euro, so lässt sich der Urzins wie folgt ermitteln:

1 Euro / 0,90 Euro = 1 + i,

wobei i für den Urzins steht und in diesem Beispiel etwa 11,1 Prozent beträgt. Je höher der Urzins ist, desto größer ist der Wertabschlag, den ein Zukunftsgut gegenüber dem Gegenwartsgut erleidet.

Der Urzins, der also das Wertverhältnis zwischen Gegenwarts- zu Zukunftsgut bezeichnet, ist für jeden immer und überall positiv, er kann nicht auf null fallen, geschweige denn negativ werden. Das ist keine Verhaltensannahme, sondern folgt aus der Logik, dass der Mensch handelt.

Der Marktzins, der sich aus dem Urzins und einer Preis- und Kreditausfallprämie zusammensetzt, kann allerdings sehr wohl in den Negativbereich absinken. Das kann dann der Fall sein, wenn die Inflationserwartungen negativ sind und sie gleichzeitig den Urzins übersteigen. Der Marktzins kann aber auch negativ werden, wenn die Zentralbank ihn künstlich in den Negativbereich herabdrückt. Letzteres wird seit einiger Zeit von einigen Zentralbanken – wie etwa im Euroraum, Japan und der Schweiz – bei den Kurzfristzinsen praktiziert.

Dazu kauft die Zentralbank beispielsweise Anleihen zu einem Kurs, der höher ist als die Summe der Zins- und Tilgungszahlungen der Anleihe. Sie zahlt also mehr Geld aus als sie vom Schuldner bekommt. Sparer versuchen natürlich den Verlusten auszuweichen, die ihnen ein Negativzins beschert. Sie kaufen zum Beispiel Schulden mit längeren Laufzeiten. Die Kurse dieser Papiere steigen und ihre Renditen fallen – und zwar auch auf oder gar unter die Nulllinie. Aber nicht nur das: Der negative Marktzins ermutigt auch die Nachfrage nach Aktien und Häusern, weil Anleger hoffen, damit noch etwas Rendite erzielen zu können. Die Preise dieser Vermögensgüter ziehen an.

Sie können so stark anziehen, dass die künftig noch zu erwartenden Renditen auf null Prozent fallen: Mit dem Halten von Aktien oder Häusern lässt sich keine positive Verzinsung mehr erzielen. Oder aber die Vermögenspreise gehen derart stark in die Höhe, dass die Anleger fortan nur noch mit fallenden Kursen, also mit einer negativen Verzinsung des Kapitals, rechnen können. In beiden Fällen wird ein kritischer Punkt erreicht.

Denn sollten alle am Markt erzielbaren Renditen auf null Prozent oder darunter fallen, ist die Marktwirtschaft im wahrsten Sinne des Wortes am Ende angelangt. Das kapitalistische Sparen und Investieren hörten auf. Beträgt der Marktzins null Prozent, gibt es für den Handelnden keinen Anlass mehr zu sparen und zu investieren: Er wird keinen Konsumverzicht mehr üben, wird keine Ersparnisse mehr in produktive Verwendungen leiten – denn sein Urzins ist schließlich immer und überall positiv.

Kapitalverzehr stellt sich ein: Das, was an Gütern und Produktionsmitteln noch verfügbar ist, wird aufgebraucht und nicht ersetzt. Die Arbeitsteilung in der Volkswirtschaft kommt zum Erliegen. Sie fällt zurück in eine Subsistenzwirtschaft, die Verelendung, ja vielleicht sogar das Ende für einen Großteil der Bevölkerung bedeuten würde.

Beginnen die Vermögenspreise irgendwann zu fallen, einhergehend mit einer enttäuschenden Wachstums- und Beschäftigungsentwicklung, ist absehbar, was passieren wird: Man ruft die Zentralbanken dazu auf, die anstehende Deflation-Depression zu „bekämpfen“; es wird gefordert, die Zinsen noch weiter abzusenken und zu akzeptieren, dass die Marktzinsen noch weiter in den Negativbereich heruntergedrückt werden. Und spätestens dann, wenn der verbliebene Zinsspielraum voll und ganz ausgeschöpft ist, wächst die allgemeine Bereitschaft, die elektronische Notenpresse zur Schuldenmonetisierung zu akzeptieren.

Es dürfte offensichtlich geworden sein, wie destruktiv eine falsche Zinstheorie wirkt, die verneint, dass der Urzins in der Welt des menschlichen Handelns niemals null oder gar negativ sein kann. Theorien und Politiken, die gegen diese Erkenntnis arbeiten, sich ihr widersetzen, sind nicht nur Unfug und zum Scheitern verurteilt. Sie fügen auch der großen Zahl der Menschen gewaltigen Schaden zu. Die Wirkung reicht dabei weit über den Verlust der Sparbuchverzinsung hinaus: Die arbeitsteilige Marktwirtschaft und damit Frieden, Freiheit und Prosperität werden zerstört.

© Prof. Dr. Thorsten Polleit – Marktreport Degussa Goldhandel GmbH

 

2 Kommentare auf "Keine Welt ohne Zins"

  1. Argonautiker sagt:

    http://www.rottmeyer.de/keine-welt-ohne-zins/

    Die innere Logik stimmt. Die Frage ist jedoch, ist eine auf Zinsen aufgebaute Marktwirtschaft überhaupt die einzige Möglichkeit des Handels, oder ist diese Weise lediglich für Die so äußerst effizient, die möglichst ohne Risiko viel leistungslosen Gewinn erzielen möchten, also die, die ihr Einkommen ausschließlich ohne jegliche Produktion, oder Handel erzielen wollen?

    Da ziehe ich gerne die Wirklichkeit zu Rate.

    Kernsatz des Artikels:
    „Der „Urzins“ ist aus dem menschlichen Dasein nicht wegzudenken.“

    Dieser Satz impliziert, das es ohne Urzins kein menschliches Dasein geben könne. Selbstverständlich ist diese Aussage falsch, denn die Wirklichkeit zeigt, daß es den Menschen sehr wohl schon wesentlich länger gibt, als es jegliche Zinsen gibt. Richtig würde dieser Kernsatz lauten:

    Der „Urzins“ ist aus dem Finanzsystemdasein nicht wegzudenken.

    Das halte ich jedoch für einen großen Unterschied. Geld, und damit ein möglicher Urzins, kann nie die Voraussetzung für den Menschen sein, weil Geld einen speziellen Menschen voraussetzt, nämlich die Art von Mensch, der Geld erzeugt, weil Geld ohne diesen Menschen nicht existieren würde, folglich kann er keine Voraussetzung für das menschliche Dasein sein, also kann man einen Urzins sehr wohl aus dem menschlichen Dasein wegdenken.

    Selbst wenn man für Geld reale Güter nehmen würde, würde sich dieses Prinzip nicht ändern, denn der Mensch, oder das Leben ist es, der dem Gut einen Wert zuspricht. Keine Materie der Welt hat ohne den, der ihm den Wert zuspricht, einen Wert. Das was für die Kuh am Arsch rauskommt, weil es für sie wertlos ist, ist für die Fliege äußerst wertvoll. Der Wert liegt also nicht in der Materie selbst, (auch wenn sich Geld derzeit selbst bewertet), sondern in dem, der was damit anzufangen weiß.

    Ein Urzins ist also nicht pe sé notwendig für das Leben, folglich ist ein Leben ohne Urzins sehr wohl möglich.

    Das der Rest des Artikels zwar in sich stimmig ist, ändert nichts an der Tatsache, daß mit der Urzinstheorie bloß eine Regel geschaffen wurde, die der Wirklichkeit nicht entspricht und sie verquält.

  2. Benji sagt:

    Der Urzins, der also das Wertverhältnis zwischen Gegenwarts- zu Zukunftsgut bezeichnet, ist für jeden immer und überall positiv, er kann nicht auf null fallen, geschweige denn negativ werden. Das ist keine Verhaltensannahme, sondern folgt aus der Logik, dass der Mensch handelt.

    Ne,…..dann wäre der Urzins, ja ,ein Perpete-Mobile,…da es nach meiner Meinung,ein Perpete-Mobile nicht gibt,muss irgendwo eine Qelle oder Brust sein,woraus sich der Urzins nährt!

    Die Nahrung oder der Treibstoff,den der Urzins braucht,ist Neugier, Logik,Zufall,Gesundheit,Kraft, Schnelligkeit,Bewgungsfreiheit,Freude,Spass,Unschuld,Geburt und Tod,……eigentlich alles,was mit dem Fortpflanzungstrieb in Symbiose steht.

    Wenn der Urzins amgetriebn werden kann,muss er ja auch gebremst werden können und die Bremse,ist Faulheit,Leid,Dekadentz und Schmarotzerisches verhalten.

    Desto jünger der Altersdurchschnit einer Gemeinschaft,……umso schneller der Urzins.

    An irgendeinem Tag der letzten 2 Jahre, ging der Urzins von Pluss ganz kurtz auf Null und dann ins Minus.Der Nulltag war der Tag an dem das Verhältnis zwischen Leistungsgeber und leistungslos lebend Wollenden,im mengenmässigen pari Verhältnis war.(Der Urzinsnullpunkt und der Realzinsnullpunkt lagen zeitnah beieinander,vieleicht sogar am gleichen Tag)
    Ab dem Tag ist das Mengenverhältnis zwischen Leistungs und Arbeitskraftgebern zu leistungslos lebend Wollenden aus dem Gleichgewicht geraten und der Urzins ins Minus gedreht.(So einen Istzustand,hat es in der Menschheitsgeschichte noch nie gegeben)

    Unser minus Urzins,hat ja auch einen Wert,….vieleicht nicht für uns…..aber vieleicht für andere Völker,deren Urzins noch funktioniert und bei uns mal vorbeischauen,um uns mal zu zeigen,wie in 2 Jahren ein Flughafen,Bahnhof oder Oper gebaut werden kann,..das Panzer auch fahren und Flugzeuge und Hubschrauber fliegen können und das es woanders auch noch Menschen gibt die überwiegend im aufrechten Gang laufen oder gehen,…..

    und wenn der Urzins nicht gestorben ist,so lebt er noch Heute….

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