Keine Sorge, das ist einmalig!

11. Oktober 2013 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Endlich ist sie da, die Berichtssaison. Die Zeit der Märchen und Legenden hat begonnen. Unternehmen melden traumhafte Gewinne und auch die wirtschaftliche Erholung kommt vielen so vor, als hätten sie nur davon geträumt. Und auch diesmal ist kein Platz für die ewige Schwarzseherei! Das neue Motto lautet: Der Verlust von heute kommt morgen nicht mehr wieder. 

Eine offenbar weder interessierte noch informierte Frau Martell durfte sich bei Reuters über die „starken operativen Zahlen“ von Alcoa äußern. Leider ist die Branche von derartig flachen Darstellungen durchseucht, was man auch an der Flut an nichtssagenden aus drei Buchstaben bestehenden Zertifizierungen erkennen kann. Meistens wird neben technischen Standards offenbar eine gute Portion Oberflächlichkeit vermittelt, die man auf der Sell Side der Investmentbanken benötigt, um nicht in eine Daseinskrise zu geraten. Im Journalismus hat diese heilige Einfalt jedoch nichts zu suchen.

a3

Ganz prima, dass der Unfug über die wundervollen „neuen Medien“ auch gleich in die Welt getwittert wird und auch auf Facebook Freunde gewonnen hat. Vielleicht haben Mama und Papa ja den Artikel ihres schreibenden Nachwuchses gleich an die Schwager und Kusinen weitergeleitet. Schade nur, dass Daten nicht gleichbedeutend mit Informationen sind.

Der Blick in die Daten dauert mit einem Reuters oder Bloomberg Terminal rund sieben Sekunden.

a1

 

Wie gering die generelle Aussagekraft übertroffener Erwartungen ist, zeigt Blick auf die stets rechtzeitig nach unten adjustierten Hoffnungen der Analysten.

 

a2

 

Bemerkenswerterweise hat man auch im Hause Reuters die echten Daten gemäß US Gaap sehr wohl parat, allerdings ist man sich nicht zu schade, die Gewinnerwartungen mit den Gewinnen vor “Strukturierungsaufwendungen” zu vergleichen. Gewinn vor Aufwendungen – Alles ist machbar, Herr Nachbar!

(Reuters) Net income attributable to Alcoa was $24 million, or 2 cents a share (…). Sales slipped to $5.77 billion from $5.83 billion.

Excluding restructuring charges and other special items, earnings rose to $120 million, or 11 cents a share, from $32 million, or 3 cents.

Analysts, on average, had been expecting earnings of 5 cents a share, according to Thomson Reuters I/B/E/S.

Gerne wird argumentiert, man solle doch einmalige Belastungen aus der Betrachtung herauslassen, diese verzerrten nur das Bild. Nun, nichts spricht dagegen sich neben zusätzliche Kennzahlen anzuschauen, um die Qualität der Gewinne eines Unternehmens besser beurteilen zu können.

Diese Begründung hat sicherlich einen gewissen Charme, leider lassen sie die Unsitte „regelmäßig wiederkehrender Einmalaufwendungen“ außen vor. Viele Unternehmen befinden sich offensichtlich im Zustand der ewigen Restrukturierung die dann auf teuren Umwegen wieder zurück zum Ausgangspunkt – oder in die Abwicklung – führt. Ein kurzer Blick in die Historie legt die Verhältnisse offen. Bei Alcoa fallen nun das neunte Jahr in Folge Restrukturierungsaufwendungen an. Man erfindet sich vermutlich stetig neu, weiß nur noch nicht genau wieso, warum und wie. Jährlich schlugen diese Aufwendungen seit dem Jahr 2005 im Mittel mit 333 Millionen US-Dollar zu Buche. Zur Einordnung:  Im genannten Zeitraum lag der mittlere Jahresgewinn bei 685 Millionen.

Die rückläufigen Umsätze sind in der Betrachtung völlig untergegangen, allerdings ist der Umsatz vor Umsatzrückgängen stabil geblieben. Aber die Arithmetik der Wall Street ist halt immer positiv. Erwartet wurden 5 Cents pro Aktie, erzielt wurden 2 Cents pro Aktie und trotzdem liegt der Gewinn um mehr als 100% über den Erwartungen. Man darf sich wohl schon mal ein Päckchen Luftschlangen zurechtlegen für den Tag, an dem Alcoa wirklich mal gute Zahlen meldet. Die Feier zur Begrüßung Charles Lindberghs nach seiner Atlantiküberquerung wird gegen dieses Jubelfest wie ein Kindergeburtstag wirken.


 

Schlagworte: , , , , , ,

7 Kommentare auf "Keine Sorge, das ist einmalig!"

  1. MARKT sagt:

    Vielen Dank für das richtig stellen der „fantastischen“ Alcoa-Zahlen.

    Was hat man wohl im Sinn, wenn man das für „uns“ so zurechtbiegt?

  2. eesti sagt:

    Unerwähnt bleibt bei den wunderbaren Zahlen (vor allem meine ich die Bilanz!), daß unaufhörlich neue Aktien herausgegeben werden. Man schüttet also nur Dividenden aus Kapitalmaßnahmen aus. Bzw, die Beschäftigten werden mit Aktien bezahlt, was die scheinbaren (Lohn-)kosten massiv drückt.
    Der wirkliche Eigentümer verliert über die Verwässerung seiner Aktienanteile an der Firma seit Jahren massiv!
    Das betrifft nicht nur ALCOA, sondern sehr viel Firmen!

  3. Lickneeson sagt:

    Ja, die Zahlen, Arbeitsmarktdaten und sonstige Früh/Spätindikatoren sind so eine Sache. Abgesehen von der Zuverlässigkeit (ständiges Revidieren bei US-Daten) oder der „Art der Berechnung“ der Daten darf der geneigte Betrachter oder Börsenakteur niemals vergessen, das die Lesart seit der Erfindung von QE „immer positiv“ ist, egal wie gut/schlecht die Daten sind.

    Alcoa: 9 Jahre Umstrukturierung zu 330 Mio Dollar p.a.? Das erinnert zeitlich als auch vom Erfolg her an die deutsche Rechtschreibreform.Allerdings war die nicht ganz so kostenintensiv.

    MfG

  4. bluestar sagt:

    Liebes Bankhaus, vielen Dank für die Aufklärungsarbeit.
    Mittlerweile hat ja die offizielle Berichterstattung ein Niveau der DDR im Niedergang erreicht. Das stimmt traurig, aber auch wiederum optimistisch, dass diese staatlich geförderte Schulden- Betrugs-Umverteilungs- und Lügenwirtschaft irgendwann ein Ende hat und danach die Dinge wieder vom Kopf auf die Füße gestellt werden.

    VG aus Sachsen

  5. Frank sagt:

    Zumindestens manche (Bank)Analysten weisen schon mal etwas versteckt in einem Satz auf den Sachverhalt der heruntergenommenen Analystenschätzungen hin.
    Den passenden Chart wie beim Bankhaus Rott fügen sie dann allerdings, aus welchen Gründen auch immer, nicht mit bei…*g*

    Alcoa Zahlen 2.Quartal:
    „Das sieht zwar auf
    den ersten Blick positiv aus, allerdings wurde die Latte für Alcoa seitens der Ana-
    lysten in den Wochen zuvor kräftig absenkt.“

    http://www.internetwertpapiere.at/eBusiness/services/resources/media/647280936710128623-647294095684634020_647294816702269582_684626512401490741-684400792811070641-1-30-NA.pdf

    • Bankhaus Rott sagt:

      Hallo Frank,

      in der Tat. Und wir möchten an dieser Stelle gerne erwähnen, dass es natürlich auch wirklich sehr gute Analysten gibt. Leider dürfen diese oft nicht so arbeiten wie sie könnten.

      Man bemerkt dies auch an der anhaltenden Verödung der Finanzberichterstattung, die mittlerweile in weiten Teilen nur noch als geistiges Niemandsland zu bezeichnen ist. Das was man öffentlich zu sehen bekommt ist daher bestenfalls „Entertainment“, was sehr schade ist, denn auch wenn die Realität nicht immer lustig ist, spannender ist sie auf Dauer allemal.

      Beste Grüße
      Bankhaus Rott

  6. Michael sagt:

    Vermutlich ist es ein Einmalaufwand, da er nur einmal im Jahr vorgebracht wird.

    Das ist ein Gustostückerl 🙂

    Sich neu erfinden …

    Das müssen andere auch. Unsere Aktienhändler … die sagen, sie gibt es bald nicht mehr. Das hat jetzt nichts mit Alcoa zu tun. Unser Händler wären ja froh hätten sie den Restrukturierungsaufwand als Umsatz.

    Quelle:
    http://derstandard.at/1381368215408/Wertpapierhaendler-rebellieren-gegen-Kosten-fuer-Aufsicht

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.