Keine Kohle, aber Vollgas fahren

9. März 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Bankhaus Rott) Das Geschacher um die Art und Weise der griechischen Staatspleite überlagert das grundsätzliche Problem des europäischen Finanzsektors. Der Kontinent hat zu große Banken mit zu wenig Eigenkapital. Geradezu erschreckend ist der hohe echte Hebel im Vergleich zu den Werten der US-Banken. Die europäischen Institute haben samt und sonders beide Füße auf dem Gaspedal, aber die Krone des europäischen Hebelkönigs geht nach Deutschland.

Der europäische Bankensektor ist ein gigantisches System. Das gilt insbesondere für die Risikokennzahlen. Das Verhältnis von Bankenassets zum BIP erreicht innerhalb Europas (EU 27) ein bemerkenswertes Ausmaß, dass nicht nur die USA sondern auch den Zustand des Dauerpatienten Japans locker in den Schatten stellt. Die Anlagen der europäischen Banken sind gut dreieinhalb Mal so groß wie das gesamte europäische BIP, da hat man sich in den vergangenen Jahren brüderlich und munter die Bücher vollgeladen. In Japan liegt man nach drei Jahrzehnten mehr oder weniger erfolgreichem Deleveraging auf einem nur halb so hohen Niveau. Im Vergleich dazu ist die gesamte Bilanzsumme des US-amerikanischen Bankensektors außerordentlich gering.

Schaut man sich die Risikokonzentration an, so halten die Top-10-Banken in Europa zwar „nur“ rund ein Drittel der systemweiten Bankenassets (in den USA mehr als die Hälfte), in der Summe aber liegt allein das Verhältnis dieser Assets zum BIP in der EU bei über 122%. Dieser Wert übersteigt die Ratio für den gesamten Sektor in den Vereinigten Staaten.

Besonders bitter ist diese Erkenntnis, wenn man sich die Kapitalausstattung von Banken diesseits und jenseits des Atlantiks anschaut. Während die Europäer gerne mit ihren wundervollen „Kernkapitalquoten“ hausieren gehen, zeigt der Blick auf das echte Eigenkapital, wie dünn die Eigenmittel der Banken in Europa sind. Die unselige Risikogewichtung lässt grüßen. Betrachtet man das Verhältnis von Eigenkapital zu den gesamten Assets, so sind die Amerikaner mit einer Quote von 11,3% deutlich besser aufgestellt als ihre europäischen Konkurrenten. Diese arbeiten mit einer Eigenkapitalausstattung von lediglich 6,1%.

Drückt man das Ganze als Leverage aus, so operieren US-Institute im Mittel mit einem Hebel von 8,8 während die Europäer einen Wert von 16 ausweisen. Ganz vorne dabei – die belgische Dexia ist mittlerweile zusammengebrochen – ist die Deutsche Bank mit einem Hebel von rund 40. Keine einzige größere Bank in Europa kommt auf eine zweistellige Eigenkapitalquote. Mit 9,4% liegt die italienische Mediobanca immer noch knapp 2 Prozentpunkte unter dem Mittelwert der US-Banken. In diesem unserem Lande gibt es neben den (teilweise) privaten Banken noch den Landesbankensektor. Wie ist es um das Eigenkapital dieser Häuser bestellt? 

Diese Banken, die in den Jahren vor der Krise eher von billigem Funding als von einem nachhaltigen Geschäftsmodell profitiert haben, weisen laut Bloomberg im Mittel so niedrige Eigenkapitalquoten aus, dass der Mittelwert nur etwas mehr als ein Viertel der Ausstattung der mittleren US-Bank ausmacht. Es ist eine interessante Frage, wie dieser Teilsektor mit wegfallenden Staatsgarantien und marktkonformen Refinanzierungsbedingungen zurechtkäme.

Auch innerhalb der Branche wird die Überlebensfähigkeit dieser Institute unter Marktbedingungen nicht erst seit gestern offen angezweifelt. Die ausufernden Investments in Verbriefungen und außerbilanzielle Vehikel, die nicht nur die SachsenLB in Richtung Pleite getrieben haben, waren diesbezüglich wenig hilfreich. Geschickte Lobbyisten sind leider oft umso ungeschicktere Treasurer. Die Eigenkapitalquoten der Landesbanken sehen selbst im Vergleich mit den europäischen Konkurrenten trostlos aus. Zur Kapitalausstattung des US-Sektors klafft ein noch viel gewaltigeres Loch.

Die Grafik zeigt die Mittelwerte, die folgende Tabelle zeigt die Daten für die einzelnen Institute per Ende 2011 beziehungsweise zum letzten Veröffentlichungstermin im vergangenen Jahr.

So manch einer wird froh sein, dass die Leverage Ratio (der Hebel) laut Basel 3 bis mindestens 2017 „nur zur Beobachtung“ eingeführt wird. Als Maximum sieht das Basel-Komitee den absurd hohen Wert von 33 vor, eine Messlatte, der die Landesbanken im Mittel schon gefährlich nahe sind. Aber was soll’s, je länger die Krise anhält, desto weicher klopfen die Branchenvertreter in Berlin und Brüssel auch die Eigenkapitalregeln.

Ein Blick auf einzelne europäische Länder zeigt, wo der Bankensektor im Verhältnis zum BIP besonders große Ausmaße angenommen hat.

Einige kleinere Länder wie Luxemburg und Liechtenstein finden sich nicht auf der Liste, die würden die Grafik verzerren. Diese Staaten haben durch ihre Struktur als eine Art „als Staat inkarniertes Bankensystem“ übermäßig hohe Ratios. Liechtenstein führt die Liste der Kleinstaaten mit einem Wert von 765% an, Luxembourg folgt mit 639% und der Reigen endet mit Andorras 387%. Von den größeren Nationen sind die Schweizer Eidgenossen und der kleine Bruder Großbritannien besonders exponiert.

Angesichts der dilettantischen Vorgehensweise im Umgang mit der Staatspleite Griechenlands, sollte man aus Brüssel außer guter Unterhaltung in gebrochenem Englisch auch für die Lösung der Bankenkrise nichts erwarten. Im Hinblick auf die ungesunden Ausmaße des Sektors und die arg schwachen Eigenkapitalquoten wird sich noch zeigen, wie gesund die Kernländer Europas wirklich sind. Die EU und die Regulierer begegnen dem mit unwürdigen Basteleien an den Risikogewichten und einer Aufschiebung notwendiger Neuordnungen. Aber wer sich einen Kapitalismus ohne Insolvenzen wünscht, dem ist leider keine sinnvolle strukturelle Lösung zuzutrauen.

***

P.S: Ein kurzer Nachtrag. Ein gerne gehörtes Argument – in der Regel hört man es von Sprechern eher schwächer ausgestatteter Banken oder von unbedarften Betrachtern mit einem Hang zur am Finanzmarkt leider unangebrachten Emotionalität – ist der Hinweis, man könne doch die Bilanzen der einen Banken nicht einfach so mit denen der anderen vergleichen. Die Risikogewichtung müsse man betrachten, sonst würde doch die Assetqualität außer acht gelassen.

Das klingt zunächst plausibel, ist jedoch ein eher schlichter Einwand. Zum einen ist selbst die Kernkapitalquote unter Einbeziehung der Risikogwichtung bei vielen europäischen Banken niedriger als die echte Eigenkapitalquote vieler US-Banken. Zum anderen unterliegt die Einstufung der Risikogewichte bankinternen Einschätzungen oder den Einstufungen von Ratingagenturen. Wieviel man davon halten mag, ist jedem selbst überlassen.

Ob die Qualität der Assets europäischer Banken besser ist? Das ist trotz der nach wie vor ungelösten Immobilienkrise in den Staaten sehr fraglich, denn die Auswüchse in Ländern wie Spanien oder Irland aber auch in einigen skandinavischen Staaten stellt die US-Blase locker in den Schatten. Dass die europäischen Banken die Kreditrisken für ein paar hundert Milliarden Dollar an US-Hypotheken trotz labilem Dollar-Funding erworben haben, stärkt nicht eben das Vertrauen. Die riesigen „Abbauportfolios“ allein deutscher Banken sprechen Bände, wenn es um planlose Fehlinvestments der Vergangenheit geht. Auch die Bilanzierungspraktiken (z.B. HTM, FV option für liabilities, FAS 157/Topic 820, usw.) werden nicht nur in den USA ausgiebig genutzt, den vorsichtigen Kaufmann sollte man auch in Europa lieber in anderen Branchen suchen.

Zur Risikogewichtung: Anleihen von Griechenland und Portugal hatten vor gar nicht allzu langer Zeit ein geringes Risikogewicht – die Zeiten ändern sich. Risikogewicht Null heißt nicht Null Risiko, denn das gibt es am Markt nicht.

Beste Güße an die gesamte Leserschaft

Bankhaus Rott


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