Kein Import hier, kein Export dort

10. Januar 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(Von Bankhaus Rott) Kein Mensch käme auf die Idee, ein Fußballspiel mit nur einer Mannschaft zu veranstalten. Auch eine Kegelbahn ohne Kegel wäre wenig interessant. Genauso verhält es sich mit dem Export. Wenn sich den Import niemand leisten kann, dann darf man sich die Arbeit sparen, Exportartikel herzustellen…

Im Großen und Ganzen ist die ökonomische Funktionsweise der Eurozone in den vergangenen Jahren ziemlich einfach zu beschreiben. In den Importländern versuchte man künstlich niedrige Zinsen zu implementieren. Die dadurch drastisch verbilligte Kreditaufnahme konnten die Menschen in diesen Ländern dazu nutzen, um zum einen das eigene Land mit Häusern vollzustellen, die niemand braucht. Das fördert einen klassischen Scheinwohlstand. Andererseits wurden die Kredite eingesetzt, um munter zu importieren, für das die Ersparnisse nicht ausreichten. Die niedrigen Zinsen konnten vergleichsweise einfach erreicht werden, auch die unseligen Basel-Richtlinien leisteten Hilfestellung. Ein Risikogewicht von Null Prozent ist zwar wirtschaftlich lächerlich wie verführerisch.

Die kollabierenden Arbeitsmärkte in den Staaten der Eurozone und der hektische Tanz um den Schuldenschnitt erhöhen laufend den Druck auf die Regierenden. Selbst die demokratisch höchst fragwürdige Einsetzung von EU-Bürokraten wie Monti und Papadimos ändert selbstverständlich nichts an den strukturellen Problemen. Monti wurde aber – damit es nach der Amtszeit nicht langweilig wird – vom Staatspräsidenten Italiens bereits vor der Amtsübernahme vorsorglich zum „Senator auf Lebenszeit“ ernannt. Ob damit wie im Mittelalter auch ein Lehen verbunden ist?

Herr Papadimos kennt sich mit Beitritten zur Währungsunion aus, war er doch zu Zeiten der unter unrühmlichen Umständen erfolgten Einführung des Euro in Griechenland Gouverneur der dort ansässigen Zentralbank. Wollen wir hoffen, dass derjenige, der den Weg hinein kannte auch wieder herausfindet. Es bietet sich durchaus an, bei in Ländern der EU ins Amt geschleusten Personen von Machthabern zu sprechen, wie dies so manche Gazette bei der Berichterstattung über offenbar von den Chefredakteuren weniger geschätzte Länder so gerne macht. Die Freude über Amtsantritte erfolgt dem üblichen politischen Muster. Die Ankündigung einer Maßnahme wird mit deren erfolgreicher Umsetzung gleichgesetzt.

Der neue spanische Ministerpräsident Rajoy wurde immerhin gewählt. Es mag altmodisch wirken, aber wir begrüßen es, wenn Politiker und politische Amtsträger gewählt werden. In der EU geht der Trend derzeit eher in Richtung „Besetzung eines Amtes“ ohne eine derartige Legitimation. Der Auftrag des Wahlvolkes allein wird dem Regierungschef dennoch wenig helfen, läuft doch der Abschwung in Spanien immer stärker aus dem Ruder. Besonders bedrückend ist die Lage der jüngeren Spanier.

Die massive Ausweitung der Arbeitslosigkeit jüngerer Mitbürger zwischen 15 und 24 Jahren birgt ein gewaltiges Potenzial für soziale Unruhen. Wer seine Rente vom Staat bezieht und damit halbwegs über die Runden kommt, mag stillhalten. Wer weder Rente noch Erspartes hat und keine Perspektiven sieht, der hinterfragt ein System gerne auch aktiv, wenn man es höflich formulieren möchte.

Um die älteren Mitbürger nicht zu verschrecken, wurde die finanzielle Axt an sorgfältig ausgewählten Stellen angesetzt.

(dpa) Das kommende Jahr wird für die meisten Spanier ein entbehrungsreiches. Die Regierung von Ministerpräsident Rajoy will 2012 16,5 Milliarden Euro einsparen. Nur die Rentner werden verschont. Auch der Mindestlohn (641 Euro im Monat) wird im kommenden Jahr nicht erhöht. Dagegen werden die Renten um 1,0 Prozent angehoben.

Rajoy hatte bereits vor seinem Amtsantritt am 21. Dezember angekündigt, dass er im Rahmen seiner drastischen Sparpläne nur die Rentner verschonen würde.

Nun wollen wir an dieser Stelle nicht den Pensionären ihre Einnahmen madig machen. Es stellt sich nur die Frage, aus welcher Quelle der Ministerpräsident die Altersgelder zukünftig speisen will. Aber warum überhaupt noch Fragen stellen, wenn bereits ein Defizit von 4,4% allen Ernstes als „Sparziel“ ausgegeben wird? Wenn nichts mehr wächst, dann sollen wenigsten die Ausgaben ihre Blüten treiben dürfen, denn damit hat man auf der iberischen Halbinsel schon Erfahrung. Seit 2001 stiegen diese doch bereits doppelt so schnell wie die Einnahmen. Bei den Staaten der Eurozone wies nur das irische Schatzamt ein schlechteres Verhältnis aus.

Neben der finanziellen Situation zerbröselt auch die industrielle Struktur weiter. Auch der Dienstleistungssektor wird sich angesichts der kommenden Reallohnverluste nicht erholen, die Daten deuten auf das Gegenteil hin. Die aktuellen Werte der Einkaufsmanager-Indizes (PMI) in der EU weisen auf eine baldige Rezession in der Eurozone hin, einige Länder dürften die Schwelle bereits übertreten haben.

Besonders starke Schrumpfungen im Bereich Produktion wiesen in der aktuellen Datenreihe Italien, Griechenland und Spanien auf. Mittlerweile fallen auch die neuen Aufträge schneller als die Zahl der Auslieferungen. Ein schlechtes Zeichen, das auf eine kommende Kapazitätsanpassung – auch in Deutschland – hinweist. Da wird sich Frau Ministerin sicher sehr freuen, wenn der Fachkräftemangel nachlässt. Der Erholungskuchen sollte folglich so gut wie aufgegessen sein, damit verschwinden leider viele Jobs. Immerhin fällt aber auch die Dauer-Beweihräucherung einiger Amtsträger weg, die tatsächlich in ihrem Wahn glauben, ein Arbeitsminister schaffe Arbeit. Und der Postminister hat früher die Briefe gebracht …

Ein solch starker wirtschaftlicher Einschnitt und rückläufige Exporte wären alles andere als eine Überraschung. Dennoch wird im Sommer vermutlich vielerorts wieder das Wörtchen „überraschend“ zu lesen sein. Bei den langlebigen Konsumgütern sollte niemand mit wachsender Nachfrage aus den finanziell schwer auf der Seite liegenden Ländern erwarten. Die Verkäufe von Automobilen in Spanien lagen in 2011 zum dritten Mal in Folge unter der Marke von einer Million. Trotz zweier schwacher Vorperioden schrumpften im vergangenen Jahr die Absätze weiter, so dass 2011 als eines der schlechtesten Jahre der letzten Jahrzehnte in die Annalen eingeht. Das Absatzniveau liegt nahe der Zahl aus dem Jahr 1993. Das ist ein Verfall, der stark an die Kurve der britischen Industrieproduktion erinnert. Weniger als jedes zweite Auto ging übrigens an Privatpersonen. Die Unternehmen steigerten ihren Anteil am Absatz. Das dürfte von den Autoherstellern mit mehr als den üblichen Preisnachlässen erkauft worden sein, die Firmenkunden ohnehin gewährt werden.

Über das spanische Bankensystem ist an dieser Stelle bereits viel gesagt worden. Stille Lasten aus faulen Immobilienkrediten dürften auch im laufenden Jahr das bestimmende Thema sein. Da die Finanzierung der Banken über den Markt nicht möglich ist, wird die EZB ihre Markteingriffe im Finanzierungsmarkt fortsetzten. Gegen die Verluste aus Kreditausfällen aber hilft nur neues Eigenkapital oder eine Übernahme der angeschlagenen Papiere aus den Bankbilanzen. Angesichts der desolaten Lage der Finanzen der europäischen Staaten ist es sehr fraglich, ob die Verlagerung derartiger Risiken auf die Steuerzahler im kommenden Jahr überhaupt noch als Mittel zur Beruhigung taugt.

Wenn alle Stricke reißen, soll man sich bekanntlich auf das besinnen, was man gelernt hat. Herr Rajoy hat früher einmal bei Liegenschaftsämtern gearbeitet. Falls es also in Spanien nicht mehr klappt, dann heißt es auf nach Griechenland! Dort wird dringend jemand für die Schaffung eines Katasteramtes gesucht.

© Bankhaus Rott


 

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2 Kommentare auf "Kein Import hier, kein Export dort"

  1. gilga sagt:

    Auf den Punkt, bissig und bisweilen zynisch… Bankhaus Rott 😉

    Vielen Dank auch für diesen Artikel. Es ist schon erstaunlich wie sehr man sich momentan in der Politik noch vor der Vorstellung drückt, dass die Zeit der per Kredit/Schulden gekauften „Erholung“ erstmal vorbei ist. Ich denke in der Wirtschaft macht man so langsam schon die Schotten dicht.

    Im Gegensatz zum Frühjahr 2011 bin ich inzwischen der Meinung, dass auch eine Wiederholung/Fortsetzung von 2008/2009 nicht ausgeschlossen werden kann. Die Reaktion der Politik (und des Volkes) darauf fürchte ich. Es ist schwer zu erraten was genau dann in welcher Abfolge passieren wird… fest steht es wird turbulent und das Bankhaus Rott wird noch mehr Gelegenheit für bissige Artikel haben.

    PS: Mein Tipp für den nächsten massiven „Unruheherd“ in Europa bleibt weiter Portugal (wobei das am Ende keine Rolle spielt).

    PPS: Ich glaube es wird mal wieder Zeit für einen Banken-Artikel. 😉 Ungarn/Österreich, UniCredit und Konsorten… da braut sich was zusammen.

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