Kein Ende des Geldes

3. November 2013 | Kategorie: Gäste

von Prof. Thorsten Polleit

Auf Vortragsveranstaltungen wurde mir jüngst wiederholt die Frage gestellt: „Ist die jüngste Finanz- und Wirtschaftskrise vielleicht auch ein Vorbote einer Entwicklung, die auf ein Ende des Geldes hinausläuft?“

Aus ökonomischer Sicht lässt sich diese Frage verneinen, wenn man davon ausgeht, dass die Menschheit nicht zu primitivem und ärmlichem Wirtschaften zurückkehren will. Gleichwohl ist die Auseinandersetzung mit der gestellten Frage ein guter Anlass, sich Klarheit über die Bedeutung des Geldes für friedvolle und produktive Kooperation der Menschen zu verschaffen.

Geld

Was ist Geld? Diese Frage lässt sich einfach und genau beantworten: Geld ist das allgemein akzeptierte Tauschmittel. Geld ist ein Gut wie jedes andere Gut auch. Es hat dabei jedoch die Besonderheit, dass es dasjenige Gut ist, das sich am relativ besten zu Tauschzwecken einsetzen lässt.

Übrigens: Die Tauschfunktion des Geldes ist die einzige Funktion, die das Geld ausübt. Zwar werden üblicherweise auch Wertaufbewahrungs- und Recheneinheitsfunktion zu den Geldfunktionen gezählt. Doch sie sind lediglich Unterfunktionen der Tauschfunktion des Geldes.

So bedeutet die Recheneinheitsfunktion, dass das Tauschverhältnis zwischen Gütern in Form von Geld ausgedrückt wird. Man nehme an, dass zwei Äpfel im Tausch für eine Birne aufgewendet werden müssen. Wenn Geld als Recheneinheit verwendet wird, so bedeutet das zum Beispiel das Folgende: Eine Birne kostet einen Euro, ein Apfel 0,50 Euro. Die Benennung der Preise in Form von Geld (also die Recheneinheitsfunktion) ist keine eigenständige Geldfunktion, sie ist unmittelbarer Ausdruck der Tauschmittelfunktion.

Die Wertaufbewahrungsfunktion des Geldes bedeutet, dass Geld gehalten wird, um es nicht in der Gegenwart, sondern erst zu einem späteren Zeitpunkt gegen etwas anderes einzutauschen. Hier geht es um die zeitliche Verschiebung der Tauschmittelfunktion. Also auch die Wertaufbewahrungsfunktion ist Ausdruck der Tauschmittelfunktion.

Erweiterung der Tauschmöglichkeiten

 Geld ist eine geradezu wunderbare und höchst produktive „Institution“. In einer reinen Naturaltauschwirtschaft (auch „Barter“-Wirtschaft genannt) werden Güter gegen Güter getauscht, also zum Beispiel Äpfel gegen Brot. Das hat jedoch einen großen Nachteil: Damit ein Tausch zustande kommt, müssen sich zwei Akteure finden, die genau das nachfragen, was der andere anbietet.

Viel leichter ist es, wenn man beim Tauschen Geld verwenden kann. Jeder kann dann zum Beispiel seine Äpfel zunächst in Geld eintauschen, und das auf diesem Wege erhaltene Geld gegen diejenigen Güter eintauschen, die man tatsächlich nachfragen möchte. Die Verwendung von Geld hat einige wichtige Vorteile.

Erstens erlaubt die Verwendung von Geld, dass Menschen miteinander handeln (und damit kooperieren), die eigentlich gänzlich unterschiedliche Ziele verfolgen. So kann es sehr gut sein, dass Herr A, der Äpfel besitzt, sich jedoch Wein wünscht, mit Herrn B handelt, der Bananen besitzt, sich aber Äpfel wünscht. Ohne die Verwendung von Geld käme kein Handeln zustande:

Herr A will ja keine Bananen, B kann aber nur Bananen anbieten. Mit der Verwendung von Geld jedoch wird Herr A seine Äpfel in Geld eintauschen, denn nachfolgend kann er das Geld dazu verwenden, um es andernorts in Wein einzutauschen. Die Verwendung von Geld vergrößert also die Tauschmöglichkeiten der Handelnden. Sie schafft neue Märkte und macht dadurch das arbeitsteilige (und damit produktive) Wirtschaften noch produktiver.

Wirtschaftsrechnung

Die Verwendung von Geld hat jedoch noch einen weiteren Vorteil: Nur mit der Verwendung von Geld lässt sich die Wirtschaftlichkeit von aufwendigen Produktionswegen ermessen. Das Rechnen mit Geld beziehungsweise Geldpreisen
liefert eine Antwort auf die Frage, wie die Menschen knappe Mittel einsetzen müssen, um ihre Ziele bestmöglich zu erreichen. Die moderne arbeitsteilige Produktion wäre ganz und gar unmöglich, wenn es keine Wirtschaftlichkeitsrechnung unter Verwendung von Geld gäbe.

Moderne arbeitsteilig organisierte Volkswirtschaften zeichnen sich durch „Umwegsproduktion“ aus, die in der Regel viel Zeit beansprucht. Damit man etwa beginnen kann, eine Brücke zu bauen, ist eine Vielzahl von vorangehenden Produktionsschritten notwendig. So müssen Arbeitswerkzeuge erstellt werden, es bedarf der Stahl-, Beton- und Teerproduktion etc. Mittels technischem Wissen lässt sich die Produktion eines Gutes (zum Beispiel einer Brücke) in der Regel zwar genau beschreiben: Man braucht soundsoviel Tonnen Zement, soundsoviel Tonnen Stahl, soundsoviel Arbeitsstunden etc. Jedoch erlaubt eine solche technische Produktionsformel noch nicht, dass der handelnde Mensch eine zielführende Entscheidung treffen kann.

Denn eine „technische Bauanleitung“ sagt ihm nicht, ob seine verfügbaren Ressourcen ausreichen, die Produktion überhaupt erfolgreich durchführen zu können, beziehungsweise sie kann ihm nicht sagen, ob er seine Ziele auf diesem Wege bestmöglich erreichen kann. Sollte man nicht doch besser einen Tunnel anstelle einer Brücke bauen? Oder sollte man weder Brücke noch Tunnel bauen und lieber einen Flughafen erstellen? (Seite 2)

 

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2 Kommentare auf "Kein Ende des Geldes"

  1. EuroTanic sagt:

    „wenn man davon ausgeht, dass die Menschheit nicht zu primitivem und ärmlichem Wirtschaften zurückkehren will.“
    Ich persönlich kann mir sehr wohl eine Gesellschaft ohne Geld vorstellen. Allerdings nicht mit dem Bewusstsein der jetzigen Masse der Menschen.
    Ich arbeite das was mir Spass macht, und das mache ich gut weil es mir Spass macht. Auf dieser Basis liesse sich gut eine Gesellschaft aufbauen. Stellen sie sich vor, jeder würde morgen seine Arbeit tun wie gehabt und weiter so konsumieren wie gehabt. Nur dass das Geld nicht da wäre. Warum sollte das nicht funktionieren?

  2. samy sagt:

    An dem Apfelverkauf lässt sich auch sehr gut erkennen, dass der Preis eines Apfels (Gutes) bei einem Handelsabschluss niemals sein Wert sein kann. Geht ein Kilo Äpfel für 1€ über die Theke, so gestehen Käufer und Verkäufer theoretisch diesen Äpfeln in diese Moment so ziemlich alle mögliche denkbare Werte zu. Nur eine Aussagen kann mit Sicherheit getroffen werden. Die Marktakteure stimmen nicht gleichzeitig darin überein, dass das Kilo Äpfel einen Wert von 1€ hat, den sonst würde das Geschäft nicht statt finden. Die Marktteilehmer würden beide ihr Gut behalten und sich nicht die Mühe machen einen Markt zu gründen. Für den Käufer müssen die Äpfel in dieser einen Situation mehr als der Euro wert sein, für den anderen ist der Euro in dieser Situation mehr wert.

    Der Preis eines Gutes ist zu einem Zeitpunkt mit Sicherheit genau eines nicht, nämlich der objektive Wert, auf den sich alle Marktteilnehmer geeinigt hätten.

    Der Preis ist nie der Wert.

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