Kein Bock auf Aktien…?

22. Juli 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Frank Meyer

1999/2000 konnten die großen Jungs mit den großen Taschen den kleinen Leuten ihre Aktien am Hoch verkaufen. Den Neu-Börsinanern wurden windige Pommesbuden von abenteuerlichen Herren angedreht. Aber an wen verkaufen die großen Jungs diesmal ihre Papiere, wenn sie sie los haben möchten? An sich selbst?

Nicht nur die Börse lebt davon, dass jeden Morgen jemand aufsteht, der glaubt, er mache den Schnapp seines Lebens. Und er hofft damit, später jemanden zu finden, der ihm die Papiere dann noch teurer wieder abnimmt. Aktien sind auch anderthalb Dekaden nach dem ersten großen Crash und sechs Jahre nach der „Finanzkrise“ unter den Leuten immer noch so beliebt wie ranzige Butter. Dagegen hatten die Deutschen im April 2014 insgesamt 954 Milliarden Euro auf dem Tagesgeldkonto geparkt, 85 Milliarden Euro mehr als im Frühjahr 2013. Das ist in Mode! Aktien sind ja nix Schlimmes… Nur ihr Preis sollte stimmen.

Trotz steigender Kurse an den Börsen sind die Umsätze weit hinter dem „Vorkrisenniveau“ erreicht haben, als Börse noch Thema an den Stammtischen war.

Erstaunlich hierbei ist, dass der echte Umsatz an der Börse ist eigentlich noch viel geringer ist, denn ca. die Hälfte stammt vom inzwischen auch längst in Frankfurt angekommenen Hochfrequenzhandel, den hirntoten Computermaschinen, aber nicht von Erna Müller und ihren Kuchen-Freundinnen von der heimischen Torten-Clique…

dax-umsatz

In einer aktuelle Studie vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) heißt es, dass 32 Prozent der Deutschen ein bereinigtes Monatseinkommen von bis zu 1.255 Euro. (untere Einkommensklasse) erhalten. Die Zahl der Aktien-Interessierten dürfte sich vermutlich in Grenzen halten.

48 Prozent (Mittelschicht) verdienen bis zu 2.352 Euro und 3,3 Prozent (Großverdiener) haben monatlich über 3.921 Euro zur Verfügung. Das würde annähernd erklären, dass der Börse das finanztechnische Kanonenfutter fehlt.

Die Zahl kleinen Aktionäre stagniert hierzulande mit 4,56 Millionen im letzten Jahr. Das sind 5,6 Prozent der Bevölkerung. Man müsste fragen, wie viele davon echt sind, denn es gibt ja noch diejenigen, die Telekom, Infineon und andere windige Neuemission zu Höchstkursen gekauft haben und weiterhin unter der Hoffnung leiden, ihre damaligen Lieblinge werden die damaligen Einstandsniveaus wieder erreichen. Oder sie erinnern sich sehr nachdrücklich an die Schlaftabletten-Theorie von Andre Kostolany. Die Zahl der potentiellen Neuaktionäre ist zudem begrenzt, denn immer mehr Leute haben andere finanzielle Sorgen, als ich mit den Kurslisten der Börse Frankfurt zu beschäftigen.

Die Aufwärtsbewegung an den Börsen findet heute fast nur noch durch die üblichen Verdächtigen statt. Die kleinen Leute haben in der Masse nicht wirklich dieses Luxusproblem. Wahrscheinlich liegen sie damit kurzfristig sogar richtig, wenn sie sagen, lieber nominal nichts verlieren, als die gleiche Erfahrung wie 2000 oder 2008 nochmal zu machen. Aber wie sieht es in zehn Jahren aus? (Seite 2)



In der Tat ist es für „kleines Geld“ vernünftiger, erst einmal einen Liquiditätspuffer aufzubauen. Hoffentlich greift niemand darauf zu, wenn es mal wieder „Krise“ heißt. Aber davon sind wir ja meilenweit entfernt. Oder nicht? Wir wissen es nicht, ebenso wenig, wohin sich die Börsenkurse verirren, auch wenn es so viele da draußen gibt, die vorgeben, das zu wissen.

Für die Bankberater sind die heutigen Sparer ein recht schwieriges Klientel, habe ich mir sagen lassen. Sie müssen schier verrückt werden, wenn das nicht schon einige von ihnen sind, dass sie die kleinen Leute nicht dazu bekommen, endlich ihre Sparguthaben in Bewegung zu setzen, damit sie echte Werte“ kaufen. Auf deutschen Konten liegen schließlich zwei Billionen Euro davon herum. Der DAX würde platzen vor Glück. Derzeit ist er mit knapp 1,1 Billionen Euro etwa dreimal so groß wie Apple.

Weder noch so teure Werbekampagnen der Finanzindustrie, noch die inzwischen überall geleistete Überzeugungsarbeit, der Zinslosigkeit etwas entgegen zu setzen, brachte die Kleinaktionäre zurück an die Börse. Die Jungen sparen weniger, wovon auch, und unter den Äteren sind herkömmliche Sparformen weiter gesucht.

Zum Glück haben kaum jemand Ahnung, was das ist, was sie als schwarze Zahl auf ihrem Kontoauszug besitzen. Diese Zahlen sind nur solange etwas wert, solange es praktisch einen anderen Dummen gibt, der ein paar dieser Verrechnungseinheiten abnimmt – weil dieser glaubt, etwas zu besitzen. Witzig, dieser Kettenbrief. Weniger witzig wird es, wenn die Leute dahinter kommen. Aber das dauert noch, bis die Leute von ihren Sparguthaben loslassen. Und das ist vielleicht gar nicht so schlecht.

Aber was, wenn das große Geld wirklich aus den Aktien gehen möchte, warum auch immer? Vielleicht ist dieser Prozess schon im Gang. Mit steigenden Märkten stieg auch das Barometer für den Rentenmarkt. Warum in drei Teufels Namen werden so massiv deutsche Staatsanleihen gekauft? Das folgende Bild zeigt die fallenden Renditen für 10-jährige Bunds…(Quelle: Bloomberg)

10jahre-bunds

Eine seltsame Bewegung… als ob Erlöse aus Aktien geparkt werden in bundesdeutschen Staatspapieren, egal, ob zehnjährige Laufzeiten gerade noch 1,15 Prozent abwerfen. Der Bund-Future rennt von einem Rekord zum Nächten. Sind das Idioten, die diese nahezu zinslosen Papiere kaufen? Oder sagen sich die Jungs mit den dicken Taschen ebenfalls, sicher ist eben doch sicher, weil ihnen das vermeintlich „dumme Geld“, also die „Kleinen“ ihren Papiere partout nicht abnehmen wollen? Dieser Satz „sicher ist sicher“ trifft eben nur auf die Kleinen zu. Ist das etwas im Busch?


Print Friendly, PDF & Email

 

Schlagworte: , , , , , , , ,

Schreibe einen Kommentar