Kaufwillig – aber kauffähig?

26. Juli 2010 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

Neu ist die Debatte nicht. Deutschland gehört zu den reichsten Ländern der Welt – statistisch gesehen. Bloß ist das Vermögen ungleich verteilt. Nach dem Armutsbericht der Bundesregierung aus dem Jahr 2004 besitzen die unteren 50 Prozent der Haushalte nur vier Prozent des Gesamtvermögens. Dagegen besitzen die oberen zehn Prozent der Haushalte 47 Prozent des Geldberges. Mit den neuen Zahlen, die am Montag veröffentlicht werden, wird klar, dass die Armen noch ärmer geworden sind und die Reichen noch reicher.

Bundesarbeitsminister Olaf Scholz hat in der „Bild am Sonntag“ schon mal „vorgebaut“. Der neue Armuts – und Reichtumsbericht, so wie er sich jetzt nennt, weist aus, dass 13 Prozent der Bundesbürger als arm gelten, weitere 13 Prozent würden nur durch soziale Leistungen vor dem Abrutschen in die Armut bewahrt. Armut betrifft in Deutschland demnach 20 Millionen der Bundesbürger – welch erschreckende Zahl. Sie korrespondiert in etwa auch mit dem, was aufmerksame Blicke im Alltag erspähen. Nicht nur die Zahl spricht für sich; 20 Millionen Bürger, die sich dem alltäglichen Vergleich mit ihren Mitbürgern stellen, bergen auch sozialen Sprengstoff. Wen wundert es, dass politische Koalitionen immer schwer zu stemmen sind und das Regieren immer schwieriger?

Als reich gilt in Deutschland, wer mehr als 3418 Euro netto nach Hause trägt. Arm ist der, der weniger als 718 Euro netto hat. Mit umgerechnet 1440 D-Mark hatte man früher doch ein einigermaßen gutes Auskommen. Wie sich die Zeiten ändern, vor allem wenn die offizielle Inflationsrate deutlich niedriger ausgewiesen wird, als sie tatsächlich ist. Teuerung schleicht heimlich um die Lohntüte und die viel gepriesene Globalisierung verhindert steigende Löhne.

Trotz deutlich steigender Preise ging im März der Einzelhandelsumsatz um 3,7% zurück, zu konstanten Preisen sogar um 6,7%, obwohl die Kaufneigung der Bürger laut GfK zugelegt hat. Daraus lässt sich nur ein Schluss ziehen: Der Bürger würde durchschnittlich gerne shoppen gehen, kann es aber nicht mehr. Kaufwillig ist er schon, kauffähig aber weniger. Kein Wunder, acht Millionen Deutsche gelten als überschuldet, 60 Prozent der Deutschen haben gar nichts auf der hohen Kante und auch die Banken sind mit der Kreditvergabe inzwischen vorsichtiger geworden.

Erinnern Sie sich noch an die Prognosen der Experten zum Konsumverhalten der Deutschen? Die Konsumenten sollten doch in diesem Jahr den Aufschwung weitertragen. Da war man sich sicher, auch der Einzelhandelsverband. Er erwartet immer noch ein Plus von zwei Prozent. Ich fragte zu Beginn des Jahres den Chef Hubertus Pellengahr, wann er seine Prognose nach unten revidieren wird. Ach was! Vielleicht ist der Zeitpunkt bald gekommen. Und was ist mit dem Aufschwung?

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