Kaufen, wenn die Handys krachen?!

13. Oktober 2016 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Der Bankier Carl Mayer von Rothschild prägte Anfang des 19. Jahrhunderts das Motto „Kaufen, wenn die Kanonen donnern, verkaufen wenn die Violinen spielen.“ Von unserer digitalen Welt und den Tücken von Smartphone-Akkus konnte er freilich noch nichts wissen. Vielleicht hätte er sonst gesagt: „Kaufen, wenn die Handys krachen!“

Exakt dies passierte zuletzt mit einigen Exemplaren des neuen Galaxy Note 7-Smartphone aus dem Hause Samsung Electronics . Der Apple-Jäger hatte damit ein Modell lanciert, das dem iPhone-Konzern technisch überlegen sein sollte. Gerade in einer Phase, da der iPhone-Absatz schwächelte wollten die Südkoreaner damit zum großen Schlag ausholen. Zu früh gefreut, wie man heute weiß. Denn das neue Modell gerät nun zu einem veritablen PR-Desaster. Nicht nur, dass Anfang September die bislang 2,5 Mio. verkauften Smartphones zurückgerufen werden mussten, mit der gestrigen Meldung ist nun klar, dass auch bei den danach verkauften Geräten keine Sicherheit besteht. In den USA musste vor einer Woche sogar ein startbereites Flugzeug evakuiert werden, da das Telefon eines Samsung-Kunden Feuer fing.

20 Mrd. USD verbrannt

Die Börse reagierte mehr als geschockt, die Aktie von Samsung Electronic lag um annähernd 10% im Minus. An nur einem Tag hat die Aktie damit ca. 20 Mrd. USD Börsenwert verloren. Bereits die erste Rückrufaktion des Galaxy Note 7 soll den Konzern laut Analystenschätzungen rund 1,5 Mrd. USD kosten, angesichts des zwischenzeitlich erwarteten vollständigen Produktionsstopps sollten die Kosten nun allerdings deutlich höher liegen. Aus einer langfristigen Perspektive ist die Frage, ob die Marktteilnehmer in ihrer Panik nicht ein bisschen übertreiben? Denn Samsung Electronics ist weitaus mehr als „nur“ Smartphones. Rund die Hälfte der Umsätze und des EBIT werden von der Chip- und der Konsumelektronik-Sparte erwirtschaftet. Selbst ein größerer Imageschaden sollte langfristig allein den gestern vernichteten Wert nicht überschreiten. Bereits vor der letzten negativen Wendung stand Samsung unter dem Druck der Investoren. Der Hedgefonds Elliott Management hatte zuletzt sogar einen offenen Brief an das Management geschrieben.

Restrukturierung mehr als notwendig

Die Amerikaner sahen vor allem die schlechte Corporate Governance, die komplexe Firmenstruktur der gesamten Samsung-Gruppe und die Überkapitalisierung des Unternehmens als Grund für die vergleichsweise niedrige Bewertung an. So werde Samsung Electronics nur mit einem KGV von 6 bewertet, während die Konkurrenten durchschnittlich mit einem KGV von 11 bepreist werden. Um diese Differenz zu heben, schlägt Elliott-Gründer Paul Singer eine komplette Restrukturierung der Gruppe vor. Aus Samsung Electronics soll eine börsennotierte Elektronikfirma und eine börsennotierte Holding entstehen, letztere wiederum mit einer anderen Samsung-Holding fusionieren. Die operative Samsung Electronics solle sich nach Plänen von Elliott dagegen um ein Listing an der Nasdaq in den USA bemühen und 75% ihres freien Cashflows an die Aktionäre ausschütten. Mit dem jüngsten Skandal könnten solche Überlegungen nun auch bei der Familie Lee zu einem Umdenken führen. Die als mächtigste Familie Südkoreas geltende Sippe kontrolliert die Samsung-Gruppe über ein komplexes Geflecht an Unternehmen. Für Außenstehende könnte die Fehde zwischen Elliott und der Lee-Familie vor allem zu einem führen: Dass es sich tatsächlich lohnt, einzusteigen, wenn die Handys brennen.

Hinter dem Schleier

Früher hieß es, ein guter Banker sei ständig im Gespräch, aber nie im Gerede. Heute kommen Banken aus den Schlagzeilen gar nicht mehr heraus und das nicht, weil die Geschäfte so gut laufen. Allerdings geht das Gerede und Raunen selten ins Grundsätzliche. Gelegentlich schwingt da sogar eine gewisse Genugtuung mit, dass die einst so überheblichen „Herren des Geldes“ nun gegen ihren eigenen Untergang ankämpfen. Dabei ist Häme völlig unangebracht, denn die Krise – beispielsweise einer Deutschen Bank – wird auch auf zunächst völlig Unbeteiligte negative Auswirkungen haben – ob mit oder ohne Unterstützung der Politik.

Dabei geht es gar nicht um den einen oder anderen bedauerlichen Einzelfall. Schon die auffällige Häufung solcher „Einzelfälle“ legt den Schluss nahe, dass es sich um Symptome von etwas Größerem handelt. Zieht man den Schleier ein wenig zur Seite, dann zeigen sich hinter der aktuellen Krisenlage des (europäischen) Geldgewerbes Strukturen und Systeme, die solche Krisen geradezu herausfordern, wie unser Geldsystem. Besondere Kritik zieht dabei der Geldschöpfungsprozess im Rahmen des sogenannten Fractional Reserve Banking auf sich, der die Banken privilegiert, frisches (Giral-)Geld im Rahmen eines Kreditaktes – praktisch aus „dünner Luft“ – zu erzeugen. Aber auch die Stofflichkeit – genauer gesagt, deren Fehlen – ist einer der wesentlichen Kritikpunkte an „modernen“ Fiat-Money-Systemen.

Die Beschäftigung mit dem Wesen des Geldes schafft es freilich nicht in die Schlagzeilen. Umso erfreulicher ist es, dass sich Menschen mit unterschiedlichem weltanschaulichem Hintergrund mit der Geldkritik beschäftigen und nach Lösungen suchen. Erstaunlicherweise gibt es in der Kritik am Bestehenden sogar eine ziemlich große Übereinstimmung zwischen den Lagern, wobei die Kritik der „linken“ Ökonomen sich oft an Zins und Zinseszins entzündet. Für die Austrians sind diese dagegen lediglich Ausdruck der menschlichen Zeitpräferenz. Größere Differenzen gibt es dagegen bei den angebotenen Lösungsvorschlägen. Wer im fehlenden Wertanker oder in der beliebigen Vermehrbarkeit von Fiat Money die wesentlichen Problemfelder sieht, wird zu anderen Lösungen kommen als diejenigen, die vorzugsweise die Geldschöpfung durch das private Bankensystem anprangern.

Besseres Geld

Vergangenen Samstag lud das Ludwig von Mises Institut Deutschland zu seiner Jahreskonferenz 2016 nach München ein. Unter dem Titel „Besseres Geld für die Welt“ erhielten die Teilnehmer nicht nur einen fundierten Überblick über den aktuellen Stand der Geldkritik, mit dem Bitcoin wurde zudem ein ohne vorherige staatliche Erlaubnis in die Praxis entlassenes „Alternativgeld“ vorgestellt. Die wesentliche Argumentationslinie verlief allerdings zwischen den Vertretern der österreichischen Geldtheorie und Prof. Joseph Huber als einen der Exponenten des immer populärer werdenden Vollgelds. Was von den Argumenten zu halten ist, lesen Sie in unserem ausführlichen Konferenzbericht in der kommenden Druckausgabe des Smart Investor 11/2016.

Diesen Montag stellte unser Redakteur Ralph Malisch den Stand der Gelddiskussion auf Einladung der Initiative „Neue Geldordnung“ im Club Voltaire in Frankfurt am Main vor. Auch hier zeigte sich, dass in der Kritik der bestehenden Geldordnung große Schnittmengen bestehen, bei den Lösungsvorschlägen jedoch nicht. Umso wichtiger erscheint es uns, in dieser zentralen Frage die Lagermentalität zu überwinden und im offenen Dialog um die besseren Ideen und Wege zu streiten. Wer sich mit der Thematik eingehender beschäftigen will, dem sei die Smart Investor Sonderausgabe „Gutes Geld“ aus dem Jahr 2011 (10 EUR) und die Ausgabe 3/2016 mit der Titelgeschichte „Geld – Über Altbewährtes und neue Ideen“ (6,40 EUR) empfohlen. Beide Ausgaben finden Abonnenten unseres Printmagazins übrigens kostenfrei im Archiv.

Das Dilemma des DAX

Trügerische Ruhe herrscht weiter beim deutschen Aktienleitindex DAX. Seit August verläuft der Markt in einer relativ engen Handelsspanne zwischen rund 10.200 und 10.800 Punkten. Trügerisch ist die Ruhe deshalb, weil Kurse nicht ewig in solchen engen Bereichen verbleiben. Kommt es zu einem Ausbruch, dann entwickelt sich oft eine erhebliche Dynamik. Einen Hinweis, in welche Richtung es gehen könnte, liefert das Handelsgeschehen vom 30. September (vgl. Abb., Markierung).

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Der Markt eröffnete auf einem neuen Verlaufstief und fiel zunächst sogar noch etwas ab. Die dann einsetzende Nachfrage führte im Sitzungsverlauf jedoch zu einem deutlichen Kursanstieg, woraus eine der positivsten Handelstage der letzten Monate resultierte. Bedeutsam ist diese Momentaufnahme, weil die Bären zur Eröffnung alle Argumente (neues Tief, fallende Kurse) auf ihrer Seite hatten, sich aber dennoch nicht durchsetzen konnten. Der Weg des geringsten Widerstands war also eindeutig derjenige nach oben. Falsche Ausbrüche gehören zwar zu den starken Signalen (für die jeweilige Gegenrichtung), sind aber aufgrund ihrer Dynamik nur schwer handelbar. In langen Konsolidierungsphasen sind auch mehrere falsche Ausbrüche keine Seltenheit, bevor die eigentliche Richtungsentscheidung getroffen wird. Dass diese letztlich nach oben gehen könnte, lässt sich nicht nur mit der anstehenden günstigen Saisonfigur begründen, sondern vor allem auch damit, dass die Fülle negativer Nachrichten den Index bislang nicht in die Knie zwingen konnte. Das allerdings kann noch immer passieren, wenn eines der wie Damokles-Schwerter über dem Markt hängenden potentiellen Risiken (Bankenkrise, Terror, Krieg, etc.) letztlich doch schlagend würde.

Bis jetzt blieb der DAX jedoch in seiner Handelsspanne, die wiederum zwischen zwei bedeutsamen Linien liegt. Positiv ist, dass sich der Kurs oberhalb der roten Linie etablieren konnte, die die obere Begrenzung der Flaggenformation darstellt, aus der der DAX erfolgreich ausbrechen konnte. Die blaue Linie zeigt dagegen einen Teil des inzwischen aufgefächerten Aufwärtstrends, der bis ins Jahr 2011 zurückreicht. Diese konnte der Index nach seinem Durchbruch allerdings trotz mehrfacher Anläufe noch nicht wieder zurückerobern. Das DAX-Dilemma bleibt also weiter bestehen.

Wunden lecken

Bei Gold und Silber ist dagegen nach dem Kursrückgang der vergangenen Wochen erst einmal Wunden lecken angesagt. In der Abb. ist zu sehen, dass beim Silber ausgerechnet der charttechnisch wichtige Bereich zwischen 18,20 und 18,60 USD dem Kurs keinerlei Unterstützung geboten hat. Im Gegenteil, wie das sprichwörtliche heiße Messer die Butter, durchquerte der Silberpreis diesen Bereich in nur einem einzigen Handelstag.

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Das darf nun nicht zu dem Fehlschluss führen, dass dieses Terrain genauso schnell zurückerobert werden wird. Im Gegenteil, je müheloser solche Marken in die eine Richtung durchquert werden, desto schwieriger wird es in die andere. Andererseits sind diese raschen Bewegungen alleine durch die Terminmärkte geprägt. Dort prallen angesichts eines historisch hohen Open Interest aktuell massive Positionen aufeinander, ohne dass auch nur eine physische Unze bewegt würde. Es geht hier mehr darum, wer sich in diesem Stand-Off durchsetzt, als um die Zukunftsaussichten des weißen Metalls. Daher ist es gar nicht so verwunderlich, dass Interessenten, die nicht an kurzfristigen Spekulationen, sondern langfristiger Diversifikation interessiert sind, die aktuellen Schnäppchenpreise für den Kauf physischer Ware nutzen. Und sollte sich eines der oben erwähnten „Damokles-Risiken“ tatsächlich realisieren, dann muss der Preis für das an den Terminmärkten gehandelte Silber zwar nicht zwangsläufig explodieren, physische Ware wird dann aber nur noch sehr viel schwerer zu bekommen sein.

Fazit

Der Fall Samsung zeigt wieder einmal, wie Börsen Nachrichten verarbeiten. „Kaufen, wenn die Kanonen donnern“, scheint eine Maxime zu sein, die sich mühelos ins digitale Zeitalter übertragen lässt.

© Christoph Karl, Ralph Malisch – Homepage vom Smart Investor

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