Kaufen BEVOR die Kanonen donnern?

4. Mai 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Ralph Malisch

Die Zuspitzung der Situation um Nordkorea treibt nicht nur Börsianern und politischen Beobachtern Schauer über den Rücken. Man reibt sich die Augen über die Geschwindigkeit, mit der Krieg wieder eine Option in der Korea-Frage geworden zu sein scheint.

Die Teilung des Landes nach dem Zweiten Weltkrieg ist wohl einer der Gründe, warum man besonders in Deutschland mit Interesse auf die Halbinsel blickt, wobei die nordkoreanische Diktatur allerdings noch wesentlich grausamer ist als seinerzeit die SED-Diktatur im geteilten Deutschland.

Eine friedliche Wiedervereinigung ist dort in weiter Ferne. Die beiden Polit- und Wirtschaftssysteme sind wie Feuer und Wasser. Aber auch umgekehrt hat man in Südkorea aufmerksam beobachtet, wie die deutsche Wiedervereinigung gemanagt wurde und ist schon von daher eher zurückhaltend ein solches Projekt zu schultern. Ganz abgesehen davon, dass dies aktuell auch nicht zur Debatte steht.

Denn noch sitzt die nordkoreanische Regierung vergleichsweise fest im Sattel und zumindest offiziell steht China auch noch hinter ihr. Andererseits dürfte Kim Jong-un dort nicht mehr allzu beliebt sein, denn mit jeder seiner Machtdemonstrationen – die oft genug misslingen – eskaliert die Situation weiter. Die nordkoreanischen Provokationen ziehen amerikanische Flottenverbände und Langstreckenbomber praktisch direkt vor die chinesische Haustür.

Die Brisanz des Konflikts ergibt sich schließlich nicht daraus, dass die militärische Supermacht USA in einen militärischen Konflikt mit einer technologisch rückständigen Diktatur eintreten könnte. Die Brisanz besteht darin, dass China in der einen oder anderen Form darin involviert werden wird. Immerhin liegt die rückständige Diktatur direkt vor der chinesischen Haustür und bildet eine Art Pufferzone zur US-Militärpräsenz in Südkorea.

Auf der anderen Seite braucht Trump nun endlich einen sichtbaren Erfolg. Da fügt es sich, dass Kim erneut mit seinen Raketen zündelt – ein Gegner, der sich selbst auf dem Silbertablett präsentiert. Es passt, passt gut – vielleicht zu gut? Im Ergebnis könnten die geopolitischen Rivalen Nr. 1 (USA) und Nr. 2 (China) schnell, direkt und hart aufeinander treffen – mit unabsehbaren Konsequenzen.

Allerdings wird ein solches Schreckensszenario an den Märkten derzeit überhaupt nicht eingepreist. Zwar war der südkoreanische Won seit dem Beginn der Eskalation leicht zurückgefallen, ein Kurssturz sieht dennoch anders aus.

Südkoreanische Aktien dagegen haussierten, wie man währungsbereinigt an dem, in USD notierendem Korea Fund (vgl. Abb.) erkennen kann.

Das ist angesichts des Säbelrasselns im Nachbarland schwer verständlich. Warum also sind die Anleger so sehr in Kauflaune, wo doch Carl Meyer von Rothschild unmissverständlich empfahl, Aktien erst zu kaufen, wenn die Kanonen donnern, nicht aber davor?

Die Standardantwort, die zurzeit aber wohl weniger interessiert, besteht darin, dass die exportlastige Wirtschaft Südkoreas von dem leichten Won-Rückgang profitieren könnte. Eine vergleichbare Mechanik ist auch an der deutschen Börse immer wieder zu beobachten. Mit Hinblick auf die Konfliktsituation könnte es aber noch zwei andere Varianten geben:

Zum einen ist Südkorea gar nicht in einer so schlechten Position. Die USA sind bei ihrem Kurs auf den Bündnispartner angewiesen und werden den einen oder anderen Dollar vor Ort lassen, was zu einer kleinen „Kriegskonjunktur“ führen könnte. Wirklich hoch können die Südkoreaner freilich nicht reizen, denn ohne die schützende Hand der Amerikaner könnte der Süden wohl kaum dem hochgerüsteten Norden standhalten – auch wenn man dort sicher große Abstriche bei der Technik machen muss.

Die zweite Möglichkeit wäre, dass man an der Börse im Moment nicht so sehr einen Krieg heraufziehen sieht, sondern das Ende der Kim-Dynastie. Da wäre Südkorea dann tatsächlich in der Pole Position, wenn es darum geht den Norden mit Samsungs und Hyundais zu fluten. Allerdings besitzen die Märkte keine Glaskugel im eigentlichen Sinne, sondern tasten sich auch selbst nur der Zukunft entgegen. Ein externer Schock kann das Bild daher schlagartig ändern.
Go east?!

Zoomen wir aus der Weltperspektive ein wenig hinein nach Europa, dann ist das Thema der kommenden Woche natürlich die Stichwahl um die französische Präsidentschaft. Marine Le Pen dürfte keine ernsthafte Chance haben, so sagen es die Demoskopen und so preisen es die Märkte ein. Allerdings haben sich die professionellen Vorhersager sowohl beim Brexit als auch bei der Wahl von Trump schon zweimal ordentlich blamiert.

Dort hatte man mitunter den Eindruck, der Wunsch sei der Vater der Prognose. Der Joker in Frankreich werden die Nichtwähler sein. Denn abgesehen von der originären Wählerschaft beider Kandidaten, die zwischen ca. 20 und 25% lag, sind weder Le Pen noch Macron außerhalb ihres Lagers wirklich vermittelbar. Ein wenig Spannung bleibt also, denn sollte das Unaussprechliche passieren und Le Pen am kommenden Sonntag gewinnen, dann sähe Europa am nächsten Morgen anders aus.

Eine Alternative zum Blick nach Westen ist inzwischen tatsächlich der nach Osten geworden. Während sich das „alte Europa“ aus einer gewissen Wohlstandsbräsigkeit seine Probleme am liebsten selbst zu schaffen scheint, steht der Osten ökonomisch unter Dampf. Im neuen Smart Investor 5/2017 zeigen wir beispielsweise, dass der polnische PTX-Aktienindex unser Relative-Stärke-Universum souverän anführt. Da mag man aus Brüssel noch so oft gegen die Osteuropäer stänkern, die dort betriebene Politik wird von den Märkten wohlwollend aufgenommen.

Zu den Märkten

Wenn es um deutsche Aktien geht, richtet sich der Blick routinemäßig zuerst auf den DAX. Dort sind zwar die größten, aber keineswegs immer die interessantesten Titel vertreten. In der Abb. ist die Kursentwicklung seit dem Tief vom 2. Dezember 2016 gezeigt.

Im oberen Teil finden sich DAX (schwarz), MDAX (blau), SDAX (rot) und TecDAX (grün). Auf den ersten Blick haben sich alle vier Indizes in etwa gleich entwickelt und liegen in der Performance seit dem 2.12. praktisch gleichauf (Abb., oberer Teil, grüne Markierung). Erst auf den zweiten Blick zeigt sich, dass der Weg dahin recht unterschiedlich verlief.

Für die Paarung DAX vs. SDAX ist dies im unteren Teil als Relativchart dargestellt, wobei der DAX im Zähler und der SDAX im Nenner steht. Bis Ende März waren die hochkapitalisierten Titel gegenüber den gering kapitalisierten unter Schwankungen per Saldo favorisiert. Ab April kippte das Bild jedoch. Seither sind die DAX-Titel gegenüber den SDAX-Titeln relativ schwächer (vgl. Abb., unterer Teil, gelbes Rechteck). Das bedeutet zweierlei:

Erstens war in der jüngsten Vergangenheit mit den sogenannten Nebenwerten eindeutig mehr Geld zu verdienen.

Zweitens beobachten wir hier eine ziemlich ausgeprägte Rotation, aus der sich standardmäßig die Aussage ableiten lässt, dass der Markt sich in einer Reifephase befindet. D

ie zuvor führenden Aktien geben nicht länger den Ton an, sie ermatten. Stattdessen wird nach unverbrauchten „Nachzüglern“ gesucht. Wenn dann auch der Nachschub an solchen Aktien ausgeht, wird es eng. Und da könnte der DAX dann sogar zu einem Fall für das Contrarian Investing werden, dem wir uns im neuen Smart Investor 5/2017 in einer ausführlichen Titelgeschichte widmen.

Fazit

Nicht jede Kursbewegung ist mit Alltagslogik zu erklären – schon gar nicht während sie stattfindet. Falls man die Hintergründe und Motive der Anleger dann doch einmal versteht, ist es regelmäßig zu spät, um damit noch Erfolge zu erzielen. Für aktive Anleger sind und bleiben derartige Unsicherheiten allerdings ein Teil ihres täglichen Brotes.

© Ralph Malisch, Christoph Karl – Homepage vom Smart Investor

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